Meine traurige Zukunft

In irgendeiner Herberge im tiefen Osten der BRD, da ist es das Beste, dass mir passieren konnte. Ein Zimmer, 30ig Euro am Tag, mit Frühstück und die Option auf Reinigungsarbeit, wenn ich aufhöre zu trinken. Besoffen würde es nicht gehen. Naja, wo kriege ich hier schon Alkohol her … ach, meint er Alkohol oder meint er … ist auch egal. Ich hab mit einem X unterschrieben. Weiß nicht, wie viele Versionen von mir hier schon vorbeigekommen sind. Hab wahrscheinlich wieder gedacht, jetzt ist alles vorbei, gleich wird sich die Kamera drehen und mich alleine lassen. Und dann ist da trotzdem dieses Fenster in die Parallelwelt. Wo ich zu Hause bin, mit Anfang 30ig.

Im Jahr 2020. Nie weg war. In ein paar Tagen wieder bei der Psychaterien vorbeischneihen muss, um ihr zu erklären, dass ich noch ganz da bin, ganz bin, obwohl ich zur Hälfte, mehr als sonst, wo anders bin. Schlafe eine Nacht ganz gut, verteufele immer noch diese eine und drehe und welse mich hin und her, habe kein Gefühl mehr für Zeit. Warum auch, ist doch eh alles egal. Und am Ende des Tages, da sind (auch wenn sie scheußlich sind) nur diese Träume, die mich an den Schriftstellerberuf erinnern lassen. All diese Realitäten, all diese Leben, von denen ich wie „Stefan Strange“ Teil war, verfolgen mich immer noch, verblassen aber immer mehr. Morgens blendet mich immer noch die Sonne, wenn ich mein Bettlacken aufschlage und die Jalousien hochziehe. Und bin in dieser Herberge, als Putzkraft. Esse mit dem Herbergerbesitzer und seiner Tochter einen Eintopf, irgendwo heißt es, vielleicht kannst du ja die Herberge übernehmen, wenn du die Tochter heiratest; nach dem Frühstück sehe ich meine Mutter, ihr Gesicht im Gesicht des Herbergenbesitzers, sie fragt, ob ich gleich die Betten abziehe und dann Staub putze, als wäre ich noch zu Hause als Kind.

Da ich noch immer betrunken bin, bedanke ich mich für den Eintopf und fange langsam an die Betten zu beziehen, laufe mit dreckiger Bettwäsche die Treppen runter und bin auf einmal in meinem Kinderzimmer, kämpfe mit meinem Bettlacken. Steven Universe „Do it for her“ dröhnt in meinen Kopfhörern, do it for someone you love; do it for yourself, höre ich meine Mutter hinter mir und falle die Treppe herunter. Sie lässt mich nicht los.

Nach dem Bettenbeziehen liege ich für eine halbe Stunde im Bett, eigentlich würde ich jetzt wieder irgendeinen Song schreiben oder produzieren, irgendeine Serienidee entwerfen oder irgendeine technische Entwicklung vorantreiben, dass ich für 30ig Euro pro Tag in einer Herberge lande, hätte wahrscheinlich niemand gedacht. Eigentlich sollte ja meine Freundin auf mich warten, mich abholen und wir gemeinsam zusammen durchstarten, alleine, ohne Kameras. Aber sie kam nie. So endete ich hier. Und jetzt klopft der Herbergenbesitzer, meint, ich solle die Fenster putzen. Sie seien schon seit Jahren nicht geputzt worden. „Ja, mach ich sofort. – Gib mir noch ein paar Minuten. Im Moment erwarten wir ja keine Gäste.“, „Ja, Hauptsache; du machst das noch dieses Wochenende.“, kommt von ihm nur zurück und dass ich vielleicht seine Tochter suche, ob wir das nachher gemeinsam zusammen machen könnten, da kommt nichts mehr. Er stapft schon wieder die schwere Holztreppe herunter.

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