Der Wochenendsalat

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie euch nicht das Kochen in der Schule beibringen.“, schneide ich den Salat klein und schütte alles in der Schüssel zusammen; den Paprika, den Salatkopf und die frisch gepflückten Tomaten, den Mozzarella. „Kochen schon, aber doch keinen Salat.“, lacht Johnny, während die Band Grizzy Bears im Radio für Stimmung sorgt.

„Also, sag doch mal, wie war denn jetzt dein Wochenende? – – Hast du eine Nette kennen gelernt auf deinem Literaturfestival?“ „Genau, jetzt sag schon – hast du endlich mal jemanden Neues kennen gelernt? Hast du dich wenigstens mal mit jemandem Nettes unterhalten?“, und sie betont Nettes auf diese seltsame Art, als wenn ich in letzter Zeit kein Glück gehabt hätte mit … „Du warst doch dabei, sag doch mal. – – Wie hat er sich angestellt?“, fragt er Johnny, der immer noch dabei ist ungefragt den Lachs für mich in der Pfanne anzubraten, sodass ich mich nun um das Dressing kümmern kann.

„Was soll ich da sagen? – – Er soll es euch mal lieber schön selber erklären.“ „Okay, erst mal, was sollte diese seltsame Betonung auf das Wort Nett? Ich kenne nur gutherzige Menschen – ihr seid doch der beste Beweis. Zweitens war da diese sympatische Frau; wir saßen vor dem Seminar zusammen im Stuhlkreis, beide ein paar Minuten zu früh dran und wir unterhielten uns schließlich über das Literaturwochenende, dieses coole Litcamp-Ding, welche Möglichkeiten man da alles hat, welche coolen Leute man da trifft und so’n Zeug und ich frage ganz charmant.“ „Ganz charmant?“, lacht sie hämisch und summt Whispers and Memories mit. „Ja – ganz charmant; wie ich das eben immer mache, wie ich das immer gemacht habe.“, überträufele ich den Salat mit Salz, Pfeffer und Kräutern der Provence, worauf sie wieder protestieren: „Rührst du das Dressing gar nicht in einer Schüssel vor?“, „Was ist das denn für ein Gewürz?“, nimmt der Andere mir die Kräuter der Provence aus der Hand. „Nur eine Kräutermischung, die ich zum Würzen benutze, weil ich zu faul bin, die einzelnen Gewürze … ach, ist auch egal.“ „Und wieso machst du das direkt über dem Salat? Was, wenn was dabei schief geht und du dich verwürzt?“

„Da geht nichts schief, vertrau mir doch einfach mal. Ich hab das schon hundert Mal gemacht. – – Also, wo war ich?“ „Du warst so nervös, dass du nur nervös stottern konntest. Die Arme hat nichts verstanden von dem, was du ihr zu Anfang versucht hast zu erklären. Du hast dich wiederholt und in Rage geredet, es war wirklich schlimm anzusehen.“, wendet Johnny noch einmal den Lachs, dass er den Lachs nun von beiden Seiten anbratet.

„Das hast du gemerkt? Dass ich nervös war? Dass ich mich zu Anfang verhaspelt hab? Hast du denn gar nicht gemerkt, warum ich so nervös war?“, kippe ich einen Schuss Essig über den Salat. „Was machst du“, „BIST DU“, „denn da mit“, „BESCHEUERT?“, „dem Essig?“, schreien sie fast durcheinander, dass ich zusammenzucke. „Der Essig löst die Stoffe aus den Salatblättern, ansonsten bekommst du nicht das volle Geschmackserlebnis – aber keine Panik, ich gebe dem Ganzen am Ende immer einen kleinen Schuss Milch hinzu, um die Säure des Essigs zu neutralisieren.“, rühre ich den Salat mit zwei Gabeln nun gut durch.

„Ist der Lachs bald fertig?“, frage ich Johnny, während die Anderen noch immer fassungslos sind. „Was hätte mir denn sonst auffallen sollen?“, sticht Johnny einmal in den Lachs, um zu überprüfen ob der Lachs auch gar ist. „Weiß nicht?! Vielleicht, dass diese ganze Sache ein scheiß Spiel mit meinen Gefühlen war? – – Ich fragte sie schließlich – und merkte gar nicht, dass sich der Raum mit den Seminarteilnehmern langsam füllte – ob sie auch schreiben würde und natürlich war ich mir dieser dummen Frage bewusst, weil wir uns ja auf einem Literaturwochenende befanden und so’n Mist und machte ihr das direkt deutlich, sie fing dann irgendwas an mit, wann man denn wissen würde, wann man ein Buch schreibt. Sie würde immer nur so drauf los schreiben und schreiben und schreiben und schreiben und …“ „Ja, wir haben es verstanden – ihr beide schreibt. Komm zum Punkt.“, unterbricht sie mich und zeigt mir damit, dass sie mir noch zuhören.

The summer’s almost over We’re running out of time – das war nun schon der zweite Search the City Song diesen Abend.“, kündigt der Radiomoderator nun eine neue Band an.

„Okay und ich fing an mit, dass ich immer erst Sexte schreibe und wenn ich viele Texte habe, baue ich mir daraus später eine große Geschichte zusammen und mache dann ein Buch daraus.“ „Warte, hast du gerade Sexte gesagt, statt Texte?“, „Ich hab das auch gelesen.“, diskutieren sie durcheinander, während Johnny den Lachs über dem Salat drapiert und dann alles in die Mitte des Tisches stellt, damit sich jeder bedienen kann.

„Was? – – Achso. Ja. Sorry, Macht der Gewohnheit. – – Den Versprecher hab ich mir bei ihr auch geleistet und natürlich haben die Seminarleute angefangen zu tuscheln und zwischen unseren Beinen lag ein niedlicher Hund und sie redeten über den Hund, dass, wenn man sie nur lange genug streicheln würde, sie dich anspringen und ablecken würde, aber keine Gefahr darstellen würde; ganz niedlich sei. Ich hab das natürlich gehört und dachte kurz: Wie seltsam, reden die über uns? Vielleicht sollte ich aufhören mit ihr zu flirten und mich auf das Seminar konzentrieren.“ „Und was soll daran jetzt so schlimm gewesen sein?!“, fragt der Andere und greift beim Salat mächtig zu, nimmt das größte Stück des Lachs und viel Salat. „Das klingt für mich wie der übliche neidische Blödsinn, den Leute machen, wenn andere Leute in der Öffentlichkeit flirten.“

„Auf einmal meinte die Hundebesitzerin aber: Oh, guck mal – sie merkt, dass wir über sie reden. – – Und am Ende des Seminars, als ich mich mit ihr unterhalten wollte, meinte die Hundebesitzerin, als die einfach aufstand und ging: Oh, und jetzt geht sie schon; aber war doch nett von ihr, dass sie das ganze Seminar so toll über mitgespielt hat und so lieb war. – – Ich wäre am liebsten explodiert, so sehr hat mich das getroffen.“

„Okay, dass ist wirklich scheiße von denen gewesen. – – Und warum hast du ihm da nicht irgendwie beigestanden? Du hast das doch mitgekriegt. Du hättest ihm gut zureden können; statt ihn einfach nur darauf aufmerksam zu machen, dass er im Gespräch mit der Einen nervös war. Du bist mir ja ein toller Freund.“, haut sie ihm den Ellenbogen in die Seite. „Hey, das hab ich nicht mitgekriegt. Ich hab doch nur von draußen durch ein Fenster zugeguckt und mich mit anderen Leuten unterhalten. Wenn ich gewusst hätte, dass er deswegen nervös ist, hätte ich was getan. – – Irgendwas.“, entschuldigt sich Johnny. „Hey, es ist nicht deine Schuld.“, reiche ich ihm die Salatschüssel.

Kurzgeschichte

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