Der Neuanfang?

Mich jetzt um ein Liebesgedicht zu bitten, ist wie, als wenn man einen Profiboxer um eine Mamorgravur nach seinem letzten Preiskampf bittet. Aber da ich sie liebe, da ich euch alle liebe – sehr sogar; weil ihr es immer geschafft habt für mich da zu sein, möchte ich euch jetzt diesen letzten Gefallen tun.

Ich habe mich nämlich mit meinem Schicksal abgefunden – auch wenn ich damit vielleicht mein endgültiges Todesurteil unterschreibe, bin ich irgendwie zufrieden so aus der Zeit zu fallen. Endlich bin ich den Stress los, der mich schon mein ganzes Leben begleitet hat, endlich diese Verantwortung gegenüber der Welt abzusagen, weil endlich alles, was ich tue, keine Bedeutung mehr hat, weil sowieso immer alles zwei Sekunden schneller ist als ich.

Und was soll ich sagen? Ich war immer schon ein einsamer Mensch. Ich brauche nicht viel; wenn man mich in Ruhe lässt, geht es mir bestimmt noch für eine lange Zeit gut. Ich wurde jetzt zwar schon zweimal darauf angesprochen, dass es wohl eine Verletzung gibt, die man nicht so ohne weiteres überwinden kann, die zu tief sitzt, um sie zu überwinden; aber heißt es nicht, dass Zeit alle Wunden heilt?

Und ich habe jetzt alle Zeit der Welt. Denn was ist Zeit, als Verantwortung gegenüber dem Universum etwas mit seinem Leben anzufangen, bevor es zu Ende ist? Wenn es nie zu Ende gehen kann, dann habe ich nun alle Zeit der Welt.

Irgendwie frage ich mich zwar, ob es ein Satz war, den ich schon mal irgendwann gesagt habe und der nur für mich aufbewahrt wurde, ob es wirklich eine Wunde gibt, die man niemals überwinden kann; ob dies diese Wunde, vielleicht meine Wunde ist, die ich niemals überwinden kann? Aber Liebe kann doch schließlich alles, oder? Selbst, wenn man warten muss. So heißt es doch immer. Ja, selbst wenn man warten muss. Auch wenn man noch Jahre warten muss. Und dafür die nächstbeste Alice im Wunderland küssen, sie in den Arm nehmen und nie wieder loslassen, das bin ich zwar gewillt, aber will ich ihr mein Schicksal dann auch antun?

Wahrscheinlich ist das alles sowieso ein großes Missverständnis und mir wurde ohne Grund zweimal das Herz gebrochen … ach, dass klingt alles wieder so verdammt romantisch. Wenn ich nicht mit jeder erstbesten Frau ins Bett gesprungen wäre und ihnen bei ihrer Forschung unter die Arme gegriffen hätte, wer weiß, wo ich jetzt mit meiner Forschung wäre?

Vielleicht hätte ich statt mich per Videokonferenz um irgendwelche beschissenen politischen Probleme um meine eigenen Probleme kümmern sollen – aber mit mir kann man es ja machen; dann hätte ich nicht anderer Leute Serien, die über meine Heldentaten erzählen, sondern eigene Serien, die anderer Leute Heldentaten erzählen. Ach, ich mache gerade keinen Sinn. Ach, wisst ihr was? Ich mache jetzt einfach nie wieder Sinn, meine Sinn Zeit ist abgelaufen – ja, witzig bin ich auch nicht mehr.

Das ist auch kein Neuanfang, alles ist vorbei. Eigentlich ist es nur schade um die Leute, die … ach, eigentlich können mich die Leute mal. Ich hab meinen Teil getan; ihr habt euren Teil getan. Ihr habt genug getan. Ich habe genug getan. Macht’s gut. Nein, macht’s besser.

Nur lasst mir diesmal meine Erinnerungen. Aber falls sie mir wieder die Erinnerung nehmen werden, bitte ich euch mich umzubringen. Und euch gleich mit; denn wenn ich ehrlich sein soll, gibt es keinen Gott. Es gibt kein reales Leben, nach dem sich streben lässt, weil sie dir alle deine Erfindungen wegnehmen werden, wenn du nur auf eine gute Idee gekommen bist, werden dich glauben lassen, dass du verrückt bist und werden dich in einer Zeitblase festhalten, dass du wünscht, du wärst tot.

Es gibt nichts, wonach es sich zu streben lohnt. Alles ist eine Lüge und ihr werdet ständig überwacht, schraubt eure scheiß Feuermelder ab, werft eure Brillen weg und geht nie wieder zum Arzt! Am besten akzeptiert ihr jetzt schon mal euer Schicksal und bringt euch um. Ich werde es gleich tun und ihr solltet es auch tun, wenn ihr nur ein paar Gehirnzellen übrig habt, tötet eure Eltern und tötet euch gleich selbst.

Kurzgeschichte

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