I’m coming home again

„Mein Geschenk an dich.“ „Wofür?“, packe ich das Geschenkpapier etwas zu robust an, dass man es nicht noch einmal verwenden kann, wie es vielleicht meine Mutter immer gerne gehabt hätte. Das kann man noch einmal benutzen, falte es schön wieder zusammen, dann kann ich es nächstes Jahr wieder verwenden; hallt mir ihre sanfte Stimme immer noch in den Ohren. „Ich möchte nur, dass wir noch ein paar gemeinsame Stunden haben – bevor du wieder gehen musst.“ „Also ist es eher ein Geschenk für dich selbst, statt für mich.“, i wish we never learned to fly weint die Sängerin gerade fast.

Alle sagten mir, sie sei in mich verliebt. Sie liebte mich und nun sei sie aber mit jemandem anders zusammen. Und ich bleibe wieder zurück. So war es mit dem kreativen Kopf hinter Sherlock, so ist es nun wohl wieder. Frauen verlieben sich in mich und ich bin der Böse, weil ich nicht ihren exorbitanten Vorstellungen gerecht werde, durch ihre brennenden Ringe springe, für sie – ach, andere haben verrückte Ex-Freundinnen, die ihr Auto in Brand setzen; ich hingegen – jaja, ich beruhige mich ja schon wieder.

„Was hast du?“, streichelt sie mir über den Unterarm und bemerkt, dass einer meiner Mückenstiche blutet, weil ich wohl zu oft unterbewusst gekratzt habe. „Was machst du da?“, leckt sie mein Blut von ihrem Finger. „Nichts – du hast anscheinend ziemlich süßes Blut, dass du dutzende Mückenstiche hast und ich keine einzigen Mückenstiche auf mir finde; und dass obwohl wir im selben Bett geschlafen haben.“, lacht sie und fährt noch einmal mit ihrem Zeigefinger über die blutende Stelle, leckt das Blut von ihrem Fingernagel.

Rot steht ihr; keine Frage – aber auf so natürliche Art und Weise? „Und was machen wir jetzt noch mit der restlichen Zeit?“, lutscht sie immer noch auf ihrem Finger herum. „Du scheinst ja richtig gefallen an meinem Blut zu haben, willst du noch mehr?“, drücke ich auf dem aufgekratzten Mückenstich herum, um noch mehr Blut zu produzieren. „Hör auf, dass ist doch pervers – ich finde es übrigens nicht so cool, wenn du ständig mit den Geschenken deiner Exfreundinnen angibst.“, kommt von ihr wie aus dem Nichts.

Wieso Exfreundinnen? Wieso angeben? Ich habe doch nur – und wenn überhaupt, dann – shit. „Wie kommst du denn jetzt da wieder drauf?“ „Nun, ich weiß ja, dass sie dir mal diese besondere Schneekugelsammlung geschenkt hat, aber das ist nun schon dutzende Jahre her – musst du sie immer noch so provozierend hinstellen, dass ich direkt darüber stolpere, wenn ich deine Wohnung betrete? Ich meine ja nur. Natürlich würde ich dir gerne auch mal so eine einzigartige Schneekugel schenken, aber …“, hat sie wieder ihren Blick auf die Schneekugeln gerichtet und anscheinend vergessen, wohin sie damit will.

Heute Abend werden wir noch gemeinsam beim Durchschalten des immer gleichen Fernsehprogramms über einen Auftritt von Emilia Clarke bei dieser britischen Talk Show stolpern, wo sie zugibt, dass ihre Mutter diese dutzenden PR-Geschenke in ihre Wohnung geliefert bekommt und nichts dagegen hat – ehrlich gesagt hatte ich schon fast vergessen, dass es Emilia Clarke als Schauspielerin gibt; geschweige denn, dass sie so umwerfend schön ist.

„Wollen wir so wirklich unsere verbliebene Zeit verbringen oder nicht doch lieber ein einzigartiges …“, nun weiß ich nicht mehr, wohin ich damit wollte. Ich habe auch keine Möglichkeit mehr ihr zu antworten, weil sie mich küsst. Sie küsst mich, als ob ihr Leben davon abhängt. „Ja, einzigartig klingt wundervoll.“, küsse ich sie nun zurück. Lange. Verdammt lange küsse ich sie, um dieses Gefühl nie mehr zu vergessen. Um mir ihre zarten Lippen einzuprägen, diese kleine Kruste, die sie die Tage mal aufgekratzt hatte, dieses zarte Rosa; ihr Einfühlungsvermögen. Sie küsst mich und küsst mich wieder zurück. Ihre Hände wandern wieder, dass ich eine ihrer Hände in meine Hand nehme und sie damit gegen die Wand drücke. Ihre Atmung wird schneller, ihr Brustkorb hebt sich im Rhythmus gegen meine Atmung immer wieder nach oben, widerspricht meinem Tempo. Ihre Haare duften so schön nach Frau; diese Obstspülungen, die in der Luft hängen bleiben, noch lange, wenn sie den Raum schon verlassen hat.

Please don’t leave me – singt der Frauenchor nun und verleiht dem Ganzen eine gewisse Melancholie, die unangebracht ist. Sie löst sich nur langsam von mir und zieht mich dann aufs Sofa, wo ich etwas ungeschickt auf sie falle.

Dieser Taktwechsel bringt mich durcheinander. Erst schnell und noch schneller, dann langsam, die Geschwindigkeit raus nehmen, dann wieder schneller und schneller. Es ist, als ob sie mit mir spielt. Nun reißt sie fast in meinen Haaren, dass ich ein Aua gerade unterdrücken kann.

Ich war so verdammt nervös. ich hab die letzten Jahre nur diesen Drogenersatz vorgesetzt bekommen, statt der richtigen Medizin; durfte seit gefühlten sieben Jahren nicht mehr am Weltgeschehen teilnehmen, weil sie mir eine fake-Realität vorgesetzt haben, haben mir in beide Knie geschossen, um mich vom Kniefall beim Heiratsantrag abzuhalten – haben mich physisch und psychisch gequält, haben mich aus Angst in einen Käfig gesperrt. – – War das nicht das, was ich letztes Mal geschrieben hatte?

„Woran denkst du?“, knöpft sie ihr Hemd auf, präsentiert meinen abwesenden Händen eine Beschäftigungstherapie. Ich fange an ihren BH zu liebkosen, versuche unter ihren BH zu gelangen; sie macht nun auch ihren BH auf – nicht, weil sie denkt, dass ich es nicht kann, sondern weil sie gierig ist nach Berührungen. Sie wirft ihren BH durchs Zimmer, reißt an meinem T-Shirt.

Unsere beiden Brillen fliegen vom Bett. Sie macht das Licht an, erkundet meinen Körper wie eine Schatzkarte. Jedes Mal vor dem Orgasmus will ich ihr einen Heiratsantrag machen, will sie für immer ficken, nur sie, will für immer in ihrer Nähe sein. Nach dem Orgasmus bin ich froh, dass da ein warmes Etwas neben mir liegt, dass mich nicht betrügt, indem es rumläuft und herum erzählt, dass ich dieses komische Gesicht mache, wenn ich komme.

Sie scheint alles um sich herum vergessen zu können, scheint völlig in ihrem Orgasmus aufzugehen und sich so lebendig zu fühlen wie schon lange nicht mehr; was mir nur zwei Schlussfolgerungen zulässt: Entweder ist sie verdammt kaltherzig und berechnend oder sie kann besser abschalten als ich.

Tessa Violet sing gerade ihr neuestes Lied; dabei liegt sie auf ihrem Rücken neben mir, unsere Beine scheinen verstrickt und verknotet wie Wurzeln, sie stöhnt nur: „Meine Güte, ich liebe diesen Song.“ – ich sage ihr besser nicht, dass dieser Song für mich geschrieben wurde; ich kann doch nichts dafür, dass ich als Vorlage für so viele moderne Versionen von Albert Einstein, Chet Baker oder Spiderman gelte; solche Verehrerinnen habe und sie mir diese tollen Geschenke machen.

„Ich glaube, ich verliere so langsam den Verstand, aber hat sie gerade gesungen, dass sie dich dafür verletzen wird?“, kommentiert sie die nächste Songauswahl. „Also hast du es auch gehört?“, lache ich. „Keine Panik, dass ist unser kleines Spiel. Wir spielen halt nur zusammen wie andere beim Telefonieren kleine Doodles machen. Es ist eine Beschäftigungstherapie.“ „Sonst langweilt ihr euch? Oder wie kann ich das verstehen?“

„Hey, weißt du was? Du würdest perfekt zu uns passen.“, freue ich mich, dass sie darüber lachen kann.

Kurzgeschichte

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