Sorry, Kids

Bill Gates lächelte mich gerade in einer Pop-Up-Werbung an, die Bildunterschrift sagte sowas wie: „Mein größter Fehler.“ – aber statt darauf herumgedrückt und damit den Zeitfluss gestört zu haben, wollte ich den Traum weiterleben und spare mir die paar Male, in denen ich von der Verantwortung weglaufen kann für wirklich wichtige Dinge auf.

Auf dem einen Kanal gesteht das SG1 Team einem US-Senator, dass sie in den letzten zwei Monaten – in denen ich meine Memoiren geschrieben habe – mehr gelernt haben, als in den letzten Jahrzehnten zusammen und dass jede Dollarnote, die in dieses System gesteckt wird, seine Ausgaben wert sind – auf dem nächsten Sender verliert Alex gerade gegen ihren Großvater in Scrabble und wenn ich wieder umschalte, ist da schon wieder Modern Family, diesmal die Folge über die Tatsache, dass Geheimdienste schon seit den 1980igern Smartphones besaßen, dann noch eine Folge Modern Family, wo sie … ach, spielt es überhaupt noch eine Rolle, welche Folge sonst noch läuft?

„Wie können die denn an drei Stellen gleichzeitig sein?“, klappe ich den Laptop wieder zu, nachdem ich meinen letzten hochgeladenen Blogtext wieder mal überarbeitet hatte – wahrscheinlich bin ich nie ganz glücklich mit der Formulierung. So wie es da steht, so wirkt es doch, als ob alle Beteiligten abgrundtief böse seien; was nicht stimmt – far from it. Sie sind wie Schutzengel; oder waren es zumindest mal für mich, bis ich vergaß, was sie für mich schon alles getan hatten – in welcher Form sie schon für mich da waren.

Als Kind erzählte ich zum Beispiel immer, dass Elrond unter meinem Kopfkissen wäre und auf mich aufpassen würde – natürlich wurde ich für diese Behauptung durch die üblichen Rowdys der Schule genügend verprügelt, aber mir war das eigentlich egal.

Ich weiß trotzdem immer noch nicht, warum ich ihnen wieder trauen sollte – keine Panik, wenn ihr diesen Witz immer noch nicht witzig findet. Ich habe schließlich keinerlei Möglichkeiten, um zu überprüfen, ob ihr diese Anspielung verstanden habt oder ob ihr nichtsahnend über diesen Witz gestolpert seid und damit euer Leben gerettet habt. „Hast du noch nie von Harry Potter gehört? – – Die Zauberer sind immer nur ein paar Minuten in deiner Sammelkarte, weil sie schließlich auch wo anders gebraucht werden.“ „Nein, ich hab Harry Potter nie gelesen.“, entschuldige ich mich und denke dafür an meine Kindheit, an all die Momente als die eine Generation das Lebenswerk der anderen Generation in Frage stellte und diese Schlacht auf unseren Schultern austrug – was wohl gerade die Kinder von heute ertragen müssen, weil wir in Frage stellen, wie unsere Eltern Dinge machen.

„Oh, Stargate Atlantis. – – Von den Star-Franchises ist Stargate meine Drittliebste.“, lacht er. „Nach Star Trek und Star Wars kommt Stargate.“, fasse ich seine bereits bekannte Meinung zusammen, hoffe ihn so zum Schweigen zu bringen. „Also kennst du die Folge?“, schiebe ich hinterher, weil er nichts erwidert. „Ne, lass mal dran – sieht so aus, als hätte der Arzt Symptome von Alzheimer entwickelt. Bin gespannt, wie die das lösen.“, lehnt er sich nur zurück und fragt, ob ich auch noch ein neues Bier möchte. Das Sixpack steht bei ihm am Fußende, ich weiß auch nicht, warum er dachte mir unbedingt Bier mitbringen zu wollen – mir, der mittlerweile wahrscheinlich schon eine eigene Bar aufmachen könnte, so viel Scheiß steht bei mir rum.

„Ach, ich hab eigentlich schon genug gehabt – weißt du nicht mehr, dass wir die Folge mal zusammen gesehen haben? – – Hast du jetzt etwa auch Alzheimer?“, frage ich stichelnd. „Alter, darüber macht man keine Witze.“, nimmt er mir die Fernbedienung weg und schaltet wie als Impulshandlung durch die Sender, bleibt bei Drawn Together hängen, wo sie gerade den Song Alzheimer ist eine dumme Erfindung singen. „Bestimmt auch nur ein Gehirnparasit, der Toot so vergesslich werden lässt.“, lacht er. „Also kannst du dich doch erinnern?“, frage ich begeistert. „Was? – – Achso, die Stargate Atlantis Folge. – – Ja, so ein bisschen kommt die Erinnerung zurück.“, will er anstoßen, hält mir sein Bierhals hin – ich hasse es mit Leuten oben am Bierhals anzustoßen.

 „Also meinst du, da will jemand, dass sie vergessen, was sie erlebt haben? Oder wie kannst du dir auf einmal erklären, warum auf einmal eine ganze Generation Alzheimer hat?“, stoße ich trotzdem mit ihm am Flaschenhals an; wir werfen beide die Flaschen in den Nacken. „Keine Ahnung, Mann.“, höre ich nur aus seiner Richtung zwischen den Trinkgeräuschen. „Oder es sind die Langzeitfolgen vom Blitzdingsgerät der MIB.“, setze ich die Flasche wieder ab und höre nur ein Husten aus seiner Richtung – anscheinend hat er sich bei meinem letzten Witz am Bier verschluckt. „Du meinst, wie sie damals in den 70igern alle wichtigen Künstler einer Generation mit AIDS aus dem Gefecht ziehen wollten?“ „Nun, heutzutage ist doch eher MS die to-go-Krankheit, um unliebsame Stimmen außer Gefecht zu setzen, oder?“, werfen wir uns nun wieder den Gesprächsball hin und her wie das eingespielte Team, dass wir mal waren.

„ALTER! – – Das haben wir doch schon mal erlebt, oder?“, haut er nun die Bierflasche auf die Tischplatte.

Kurzgeschichte

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