Das 21te Jahrhundert

„Die können doch niemanden festnehmen, nur weil er Sachen beobachtet hat, oder?“, haue ich das Whisky-Glas auf die Theke und bemerke, dass der Typ neben mir keinerlei Interesse hat an dem, was ich sage.

„… und für alle, die mit dieser Partei zusammenarbeiten wollen, die sollten wissen, dass sie rassistische, korrupte und kriminelle Ideen vertritt.“, wird von der Live-Berichterstattung des CDU-Parteitags der Parteivorsitzenden zur Zusammenarbeit mit der AfD zur Nachrichtenzentrale zurückgeschaltet. Der Nachrichtensprecher fängt nun an mit der Überleitung des Wetters, überall ist es zu heiß und zu trocken, starrt er immer noch auf den kleinen Bildschirm der Bar. „Hey, ich will mich nicht wiederholen! – – Hast du mir überhaupt zugehört?“, stupse ich ihn an.

In der Schule hatten wir zwar dutzende Bücher gelesen, aber diese leider als Gebrauchsanweisung gelesen. Die Verwirrung des Zöglings Törleß war für unsere Jahrgangsstufe auch nur eine Gebrauchsanweisung, statt eines Warnhinweis. „Ach, scheiß drauf. – – Noch einen Whisky bitte.“, wende ich mich an die Barfrau, die ebenfalls auf den Bildschirm starrt, als hätte sie gerade den Weltuntergang mitgeteilt bekommen; ja, ich weiß auch nicht – warum ich mich an dieser Nachrichtensensationsmetapher festfresse – tschuldigung dafür, würde ich sagen.

Nach meiner Zeitrechnung müssen wir doch schon 2022 oder 2023 haben, oder? Wenn ich jetzt ein Jahr im Verzug bin und beim letzten Mal auch und oh mein – 2023; was habe ich alles verpasst? Welch coole neue Filme, welche Serien, welche Musik habe ich verpasst? Welche Bücher haben meine Ideen geklaut und als die Ihre verkauft?

Das Flughafenpersonal ist immer noch so eingebildet wie eh und je. Das ist also beim Alten geblieben. Ich hoffe einfach, ich habe gleich ein paar Tage Ruhe; das hat sich nämlich nicht geändert. Ich brauche endlich Urlaub; aber was heißt schon Urlaub, wenn freier Wille auch nur eines eurer dummen Konstrukte ist, die durch die täglich agierenden Institutionen in die Schranken gewiesen wird. Eigentlich doch ein interessantes Diskussionsthema; gibt es einen freien Willen oder werden unsere Entscheidungen sowieso nur durch die systembedingten Entscheidungen, ob du nun einen Reisepass dabei hast, ob du nun genug Kleingeld hast, ob du nun gut genug geimpft bist, bestimmt. Dann beuge ich mich eben euren Restriktionen soweit, dass ich irgendwann sagen kann: fickt euch, ich brauche eure scheiß überbuchten Hotels nicht, die obwohl ich frage, sowieso nicht ausgebucht sind, brauche eure scheiß Airlines und scheiß Straßendealer nicht mehr, da ich meine Eigenen habe; ich kann mich selbst für dumm genug verkaufen, dafür brauche euch nicht mehr.

„Was hast du gerade gesagt?“, verlangt der Typ neben mir nach einem neuen Drink; jetzt, wo die Nachrichten vorbei sind, fängt eine Folge Suits an. Die, wo die Assistentin von Harvey gefeuert wird – meine Güte; ich gucke wirklich zu viel fernsehen, dass ich die Folgen schon an den ersten zehn Minuten erkenne.

„Diesen Ausflug in eine Art Saufurlaub zu verwandeln; ist das nicht so 2019? Wisst ihr was, wenn ihr schon die Jahreszahlen nach eurem Belieben ändert, rufe ich jetzt einfach das Jahr 4073 für mich aus.“ „Hä? – – Was?“, schüttelt er sich. „Oh, ähm – nichts. – – Ich hab nichts gesagt; ich wollte nur fragen, ob du auch was trinken willst, weil ich mir gerade einen einen neuen Whiskey bestellt habe.“, stellt die Bedienung mir nun auch einen neuen Drink auf meinen Bierdeckel. Doppelten Whiskey mit drei Eiswürfeln; wie ich ihn schon die ganze Zeit trinke – und damit meine Leber zerstöre.

Und jedes Jahr, also zu Silvestorsaurus, rechne ich vier Jahre drauf. Um euch immer einen Schritt voraus zu sein. Hey, vielleicht treffe ich ja heute Abend noch in irgendeiner Kneipe in Brüsselino einen EO-Abgeordneten und kann ihn oder sie verführen, ins Bett bringen und ihm oder ihr da dann ein paar Staatsgeheimnisse entlocken. Obwohl der oder die einen Gabelstapler braucht, um MICH abzuschleppen – was für eine sexy Vorstellung. Mit dieser Wortwahl lande ich bestimmt bald bei meiner Königin; wer würde nicht bei so einem Witz das Höschen fallen lassen; naja, mit den Infos, die ich im Rucksack habe, gehöre ich eigentlich sowieso in den Tower of London gesperrt.

Wer hätte auch mal gedacht, dass ein kleiner, behinderter Junge die Welt erobert? Ich nicht; und ich weiß jetzt nicht, was das über mich und mein Selbstbewusstsein aussagt – ach, shit. Den Witz hab ich auch schon mal gebracht; was soll ich sagen, ich weiß nun mal nicht, wie dieser Saufurlaub ausging, als ich ihn letztens wieder angefangen habe.

Das werden wir dann wohl gemeinsam herausfinden – oder du gibst mir einen Tipp? Nein? Also den Eurostar-Zug durfte ich gerade schon mal nicht in Richtung London besteigen; ob das eine Metapher war? Dabei liebe ich meinen Euro Pa; oder war das alles zu sarkastisch? Na, dass Black Widow festgestellt hat, dass ich seit 2015 niemanden mehr geküsst habe, geschweige denn mit jemandem eine intime Beziehung hatte, dass saß. Es ist, als ob ich ihr gar nichts erklären musste. Sie wusste es und nahm mir die Worte aus dem Mund – so ist sie wohl zu dem Soul-Stone gekommen und für ihn gestorben.

Ich habe also seit dem Jahr 2015 keine längere, intime Beziehung gehabt; habe mich mit steigender „Berühmtheit“ immer mehr zurückgezogen – obwohl das auch ohne die Berühmtheit so gekommen wäre. Ja, genau. Es wäre mit Sicherheit auch ohne meine beschissene Berühmtheit gekommen; wahrscheinlich ist es irgendein verfickter angeborener Geburtsfehler oder so’n Mist – deshalb habe ich auch keine große Lust auf menschlichen Umgang, was super Voraussetzungen sind, um eine Sauftour mit dem alten Euro Pa zu machen oder besser gesagt in dem alten Euro Pa.

Wenigstens komme ich so ein bisschen raus und bin wieder unterwegs; zwar ein verdammt teurer Fitness-Sauf-Erinnerungsurlaub, aber ich hab das Geld ja. Black Widow, du hast mich ganz schön zum Nachdenken gebracht. Ein interessanter Move, einen Film als Algorithmus zu verkaufen – aber, wie habt ihr euch vorgestellt, dass das ausgeht? Ich bin doch immer ein paar Jahre hinter euch oder wollt ihr mich von einem Tag auf den Anderen wieder an die Wirklichkeit anpassen?

Ich bin nicht sauer, ich kann das sogar gut nachvollziehen. Aber wie soll die Situation wieder zum Normalzustand werden? Oder wird es nie wieder einen normalen Zustand geben? Werde ich jetzt für immer in dieser Zwischenwelt, in meiner Timeline gefangen bleiben, wenn ich mich zu dumm anstelle und den neuen Anfang verpasse? Tschuldigt meine Wortwahl, aber wie habt ihr euch das vorgestellt? Ist es nicht mega kostspielig, wenn ihr diesen Zustand aufrechterhalten wollt? Was ist mit den Mitmenschen? Denen ich schon wegen der Doppelbelastung aus dem Weg gehe?

Ihr habt mich also zu einem Schicksal in Einsamkeit verdammt. Ich möchte es gar nicht zu Ende denken, aber vielleicht … vielleicht ist es der einzige Weg.

Die Simulation beenden. Was auf mehreren Wegen möglich ist. Erstens und damit die brutalste Art und Weise. „Noch einen?“, fragt mich die Bardame und stellt mir fast schon ohne auf eine Antwort zu warten einen neuen Drink hin – eigentlich kann ich mich doch glücklich schätzen, in dieser verdammt verrückten Zeit gelebt und das Schicksal von so vielen Menschen auf die eine oder andere Art mitbestimmt zu haben; ob deshalb meine Uhr wieder anpassen wird?

Ich bezweifele es. Ich bin nicht sauer, ich kann das sogar sehr gut nachvollziehen. Aber wie soll die Situation wieder zum Normalzustand werden? Werde ich jetzt für immer in dieser Zwischenwelt, in meiner Timeline festhängen, wenn ich mich zu dumm anstelle und den Anfang verpasse? Tschuldigt meine Wortwahl, aber wie habt ihr euch das vorgestellt? Ist es nicht mega kostspielig, wenn ihr diesen Zustand aufrechterhalten wollt? Was ist mit den Mitmenschen? Denen ich schon wegen der Doppelbelastung aus dem Weg gehe?

„Ja, gerne.“, bringe ich gerade noch heraus, als sich mein Sitznachbar verabschiedet. „Schreib es einfach an, ja?“, wirft er noch in die Runde, dann knallt die Kneipentür nicht einmal, weil sie diesen Türschließmechanismus hatte, der Türen langsam und ruhig schließen lässt.

„Das macht dann 3,50.“, kippt die Bardame Ausversehen ein bisschen vom Drink auf den Bierdeckel, dass die restlichen Striche verschwimmen. Auf dem nun aufgeweichten Stoff macht die Flüssigkeit aus einer Drei-Fünfzig eine Eins-Fünfzig und aus einer Eins-Fünfzig eine Vier-Fünfzig im richtigen Licht. Zweitens: „Ich erwische einen scheiß Aufzug in eine der Apartment-Wohnungen, die sich angeblich über den Londoner Bars befinden.“

Drittens: Ich steige aus. Komplett. Keine Treffen mehr in irgendwelchen zwielichtigen Zwischenhöfen, um mir neue Drogen zu kaufen; keine geheimen Einladungen mehr; keine privaten … entweder durch … oder eine einsame Insel, wo ich mit all dem ganzen Wissen meiner letzten Jahrzehnte in Isolation leben kann.

Viertens: Von heute auf Morgen den Kalender anpassen und mich meines Schicksals ergeben, mich all der Attentäter aussetzen; auch wenn ich mich als kugelsicher erwiesen habe. Nicht als Superman, aber als diese Horror-Version des Superman-Mythos, ausgeben, weil mich Hollywood nun anscheinend loswerden will. – – Ganz ehrlich, ich weiß doch auch nicht, wann mich Hollywood loswerden wollte, aber wahrscheinlich hatte es damit angefangen, dass mich das FBI wegen meiner Cam-Girl Sucht erpressen wollte, weil ich durch meine Alzheimer-Erkrankung vergessen hatte, dass ich überhaupt wie in Black-ish mit dem FBI zusammengearbeitet hatte, statt deren Hauptvictim zu sein.

Vielleicht sollte ich wirklich mit dem Trinken aufhören. Ich möchte mich nicht von heute auf Morgen dem Kalender anpassen – wer weiß schließlich, wie ich reagieren werde? Reagieren werde oder reagiert habe? Traut ihr euch das zu? – – Und ich möchte fürs Protokoll festhalten: Ich drohe nicht.

Ich habe nur alle Möglichkeiten schon wieder durch. Ihr seid wahrscheinlich zu demselben Ereignis gekommen. Fuck – ich bevorzuge ja zwei oder drei zwei. Aber entscheidet ihr. Ich bin zwar das beste Gehirn unseres Zeitalters und will mit euch zusammen arbeite, will vor allem die Fehler und Kurzschlüsse der Vergangenheit wieder gut machen – wann habt ihr schließlich schon mal die Möglichkeit mit Albert Einstein zusammen zu arbeiten und ihn fragen, ob er euch einen neuartigen Anti-Atomwaffen-Schutzschild entwickelt?

Kurzgeschichte

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