Zeitreisen im Elfenbeinturm

„Ich weiß nicht, ob das hier eine sichere Verbindung ist; ich weiß auch nicht, ob ihr mich in der Vergangenheit hören könnt, aber ich verliere so langsam durch diese Zeitreisen meine … meine … meine … wie geht das Wort nochmal?“, lege ich wieder auf.

„Der wenige Kontakt zu Menschen macht mir zu schaffen. Und der wenige Kontakt, den ich habe, der lässt mich an meinem Verstand zweifeln. – – Wie oft habe ich nun schon diese Zeitlinien durchgespielt? Und warum schickt ihr mich immer wieder in diesen Strudel der Zeit?“, lehne ich mich zurück und raufe mir die Haare. Mann, mein Nacken macht mich noch fertig; ich habe solche Nackenschmerzen – strecke ich mich und lösche den ersten Eintrag.

„Okay, machen wir es nach Protokoll.“, drücke ich die Aufnahmetaste: „Heute, am 22ten Juni 9102, ist nichts neues passiert. Nachrichten von der Basis bekommen, ich solle die letzten Missionsabbrüche erklären. Kann ich nicht. – – Wie heißt es noch von Albert Einstein? Wenn man immer dasselbe tut und andere Ergebnisse erwartet, dann ist das ein klares Anzeichen von Wahnsinn? Ging der Satz so? Naja, ich habe vorhin, just for the sake of it, meine Uhr auf die Zeit umzustellen, die ich erwarte, die ich zurückgelassen habe; die Zeit, in der meine Freunde, meine Frau und meine Kinder sind. – – Fast wäre der Computer abgestürzt.“, das Empfangsgerät piepst – wahrscheinlich die Erinnerung, dass ich sowas nicht nach Hause schicken darf, damit ich sie nicht beunruhige.

Ich setze die Brille ab, reibe mir die Augen. Nehme den Füller und mache einen weiteren Strich. Fünfundzwanzig gegen Zwanzig für den Computer, mit jedem Tag mehr gewinnt der Computer mehr Boden.

Ich setze die Brille wieder auf, drücke wieder die Aufnahmetaste: „Also, ich weiß nicht, ob dies eine sichere Verbindung ist, aber ich verliere so langsam meinen Verstand. Ich vermisse neue Filme, ich vermisse neue Serien, ich vermisse meine Bücher, ich vermisse neue Musik. Ich brauche dringend bald mal menschlichen Kontakt, menschliche Zuneigung – ob ich dafür meinen Elfenbeinturm verlasse und mich unter die Einheimischen mische? An die ständige Videoüberwachung habe ich mich nun auch gewöhnt; im Training kam es mir gar nicht so verrückt vor. Nun, da ich dem vierundzwanzig Stunden sieben Tage die Woche ausgesetzt bin, nagt es doch an meinen Nerven. Ich hoffe nur, die, die diese Videoaufnahmen auf Anomalien überprüfen müssen, haben mir verziehen, dass ich mich mittlerweile an die ständige Videoüberwachung gewöhnt habe, indem ich einfach alle Manieren verloren habe. Wenn ihr mich schon im Bett beim Schlafen filmt, dann kann ich auch vor dem Fernseher essen oder beim Telefonieren in meiner Nase bohren. – – Wo war ich gerade?“ „Piep, Piep, Piep, Piep, Piep, Piep.“, macht der Computer: „Sie haben Post.“

Ich weiß immer noch nicht, warum ich den Nachrichtenton an das alte Sie haben Post angepasst habe – dann mal wieder zurück an die Arbeit.

Kurzgeschichte

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