Der allerletzte D&D-Abend

Als ich bei ihnen zu Hause mit Tasche unterm Arm und Einkäufen in der anderen Hand aufkreuze, sind sie schon wieder fleißig am Spielen. Jubeln über ein besiegtes Monster, verteilen den Loot, werfen ihre restlichen Angriffe, dass sie weiter Schaden machen, laufen noch ein paar Meter, der Tank geht für die nächste Runde hinter einer Säule in Deckung, dass es kurz Diskussionen gibt, was das denn nun wieder soll, der, der am meisten Schaden einstecken kann, geht in Deckung?

„Was riecht denn hier auf einmal nach McDonalds?“, fragt er aber nur, während ich auf meinem mitgebrachten Essen herumkaue. „Das bin dann wohl ich, hab mir vorhin ein Happy Meal gegönnt.“, antworte ich routiniert, auch weil ich weiß, dass es eine Anspielung auf den McDonalds Werbespot war, wo einer mit Orchester im Hintergrund einen perfekten Burger zubereitet; aber diese dummen Sprüche ignoriere ich mittlerweile. Obwohl ich weiß, dass ich nachher wieder Liebesbriefe aus anderen Ecken der Welt kriege, wahrscheinlich wieder gefragt werde, ob ich seine Mutter jetzt auf der Insel alleine lassen würde, gehe ich auf seine McDonalds Anspielung ein – so geht das jetzt den ganzen Abend.

Von Anspielungen, dass es keinen Sinn macht, wenn sich der Tank ständig versteckt, vielleicht sollte jemand anders den Tank kontrollieren, über Anspielungen, dass es keinen Spaß macht, wenn man mit jemandem spielt, der sich weigert für die Gruppe zu sterben, bis zum Kommentar, dass die Monster böse sein müssen, weil sie uns ja angreifen. „Wirklich? – – Ich meine, wir sind in deren Wohnung eingebrochen.“, „Aber Monster müssen böse sein, sie heißen schließlich Monster.“, „Eine unbestreitbare Logik.“, „Ist gut und böse nicht mehr eine Auslegungssache?“, will ich den Mist jetzt endlich mal ausdiskutieren.

„Stefan, wir führen jetzt keine Grundsatzdebatte.“, werde ich aber direkt unterbrochen. „WARUM NICHT? – – Nur dafür bin ich doch zurückgekehrt, verdammt nochmal!“, werde ich deutlicher, weil alle Anderen einfach mit dem Spiel fortfahren, nur einer entschuldigt sich daraufhin, steht auf, verlässt den Raum und spricht für den Rest des Abends nicht mehr mit uns, werkelt irgendwas in der Küche, dass ich für den Rest des Abends auch wieder still werde und in die übliche Routine verfalle.

Am Bahnhof spiele ich noch das übliche Gleischen-wechsel-dich-Spiel, dass ich die Fußballfans zum Fangesang anspornen kann, zu Hause deshalb zu dem Text Die Veranstaltung inspiriert werde, höre im Zug nach den Nachrichten und vor dem Wetter noch: „Damit das klar ist; so wird das jetzt immer ablaufen – du darfst deine Freunde einmal im Jahr sehen.“, bis es wieder zur Musik übergeht, dass ich einen Mittelfinger in mein Notizbuch zeichne und schwups ist das Radio komplett aus.

Die Schaffnerin erinnert mich noch daran, dass die das gar nicht gerne haben; was mir mittlerweile egal ist, was ich ihr aber nicht sage, sondern nur ein Ja, danke für den Tipp und zeige ihr mein Zugticket.

Ich versuche später das Radio wieder anzumachen, aber meine Kopfhörer spinnen wohl, versagen mir den Dienst. Im Taxi nach Hause fummelt der Taxifahrer an seiner Musikanlage rum, flucht, dass mir nur ein: „Ja, deine Technik hat heute wohl auch einen eigenen Sinn für Humor, nehme ich an?“, raus rutscht, worauf wir beide lachen.

Mir rutschte damals im Wohnzimmer auch noch heraus, dass ich nicht mehr schreibe, worauf ich den Einen doch noch zum Sprechen bringe; er fragt ganz erschrocken, fast schuldbewusst: „Wie kommt’s?“ „Ich hab mein Manuskript nun fertig; deshalb seh ich keinen Grund mehr.“ „Wieso? – – Ist es so genial, dass du sagen würdest, du kannst nichts besseres mehr schreiben?“, werde ich vom Tank gefragt. „Ganz im Gegenteil – es ist totaler Blödsinn. Und deshalb hör ich jetzt auf.“ „Aber was ist mit uns, die auf dein neues Buch warten?“, fragt ein Anderer aus Gruppe. „Meine Güte, hätte ich gewusst, wer alles mein neues Buch will, hätte ich nie angefangen zu schreiben.“, erwidere ich nur und weil ich sehe, wie traurig ihn das macht, verabschiede ich mich von ihm in der Küche mit einem mit dir schreibe ich trotzdem noch – aber groß Lust habe ich nicht mehr.

Zu Hause schaue ich ein paar Folgen Chilling Adventures of Sabrina, poste vor meinem Text Die Veranstaltung noch eine kleine Notiz auf Facebook: „Das Lesen meiner Texte ist tödlich. Davon kriegen Regierungen Krebs. Politiker gehören zu einer Risikogruppe; sie sind besonders empfindlich. Sollten Sie erste Anzeichen von Krebs bei ihren Regierungen feststellen, gehen Sie umgehend zum Arzt oder Apotheker.“, weil ich die Schnauze voll habe von all dem Mist – auch wenn ich damals einen Deal mit dem Teufel gemacht habe, mache ich seitdem nur noch Dienst nach Vorschrift. Oder wie ein Tweet von God es ausdrückte: „Wenn du schon keine Lust hast neue Sachen zu kreieren, kannst du wenigstens das machen, was du sonst auch gemacht hast.“ – nun, das mach ich jetzt.

Auch weil ich von meiner Mutter schon wieder gesagt bekommen habe, dass ihr nicht gefällt, wie ich gerade meine Zeit verbringe – dabei versuche ich nur meine Erinnerungen zurück zu bekommen und nochmal zu verstehen, was passiert ist und wie das alles passieren konnte. Wenn ich euch glauben kann, was ihr mir zeigt, habe ich eine Superbowle-Halftime-Show zweimal gekapert, Filme und Serien zur Höchstform angespornt – oder durch meinen Verstand sabotiert, je nachdem, wie ihr es auslegen wollt – mir wurden Filme, Serien, ganze Bücherreihen und Musik gewidmet, könnte Regierungen stürzen, habe Millionen von Kindern in Vodoo-Children verwandelt, könnte, je mehr ich rede, noch mehr rede und noch mehr rede, jedem von meinem Standpunkt überzeugen – meine Güte, was ihr erwartet ihr noch von mir?

Auf Twitter fave ich noch einen Tweet von einem, der was über Haie sagt und dass, seit man weiß, dass Haie gefährlich sind, Haiangriffe exponentiell gesunken sind – klappe aber den Laptop zu, weil ich weiß, irgendwas fehlt noch.

Ich verschlafe wieder den kompletten Sonntag, checke abends mein Handy, eine Nachricht von einem Kumpel ploppt auf dem Bildschirm auf, wir sind gerade in der Kneipe, du warst ja seit Montag nicht mehr online, deshalb versuche ich es jetzt mal so – wahrscheinlich war das Samstagabend.

Ich werfe mich einfach vor den Fernseher. „Sag mal, kannst du mir sagen, was wirklich mit dem Flugzeug B-938 passiert ist?“, fragt der Unfall-Spezialist eine andere Spezialistin im Team von xXx 3 – Die Rückkehr des Xander Cage; sie lächelt aber nur rätselhaft, dass er: „Was denn? Jetzt sag  nicht, du bist eine davon, oder etwa doch?“, während sie dem anderen Kerl eine interessante Technologie erklärt, die alle möglichen Signale blockieren kann.

Ich will mir meinen Drink machen, Werbung fängt an. Ich lege den Zucker auf den Löffel. Gieße Absinth drüber. Zünde den Zucker an. Merke, ich habe kein Wasser mehr. „Das und das Produkt – immer für dich da.“, höre ich aus dem Fernseher; muss lachen, gehe in die Küche, hole Wasser, komme wieder hoch und stelle fest, dass der McDonalds Werbespot wieder läuft mit diesem perfekten Burgerdings und dem Orchester im Hintergrund. Bei mir läuft gerade Eric Claptons Schallplatte mit einer Publikumsaufnahme und ich bereite mit seinen Gitarrenkünsten im Hintergrund meinen Drink zu Ende vor, „ProSieben – we love to entertain you.“

„Tornadowarnung!“, dröhnt es durch die Lautsprecher. „Wenn das so weiter geht, sind wir bald an unserem Limit angekommen!“ – – „Wir können nicht jeden versorgen!“, schreien sich die Seattle Firefighters in einer Vorschau zu, dann wieder kurze Werbeunterbrechung, zwei Kinder sitzen in einem Bus, zwei Werbe-Stars, Christian Ulmen und noch jemand unterbrechen die beiden Kinder: „Ey, wenn ihr schon die Geschichte erzählt, dann erzählt sie auch richtig. – – Erzählt alles.“ „Genau – maxdome kann dies und das.“ – kurz muss ich lachen, weil eine Maxdome-Reciever Werbung auf einem anderen Reciever läuft, aber naja – wie auch immer.

„If you think you know me; look at you first.“, singt Eric Clapton auf der zweiten Schallplattenseite, während auf dem Bildschirm eine wilde Schießerei stattfindet, während ich hier sitze und mit meinem Feuerzeug in der Hand meinen zweiten Drink anzünde. „Er hat die Heizung angemacht, ich sehe nichts mehr.“, kommentiert die Scharfschützin die Aktion auf dem Fernseher.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

Kommentar verfassen