Just making memories

Er setzt sein Glas ab, lehnt sich zurück: „Naja, das werden wir in unserem Leben nicht mehr erleben.“ „Meine Güte, ich bin es so satt. Das werden wir in unserem Leben nicht mehr erleben, ist doch auch nur eine traurige Entschuldigung für: Wir sind zu feige, um es umzusetzen; sollen doch unsere Kinder den Mist ausbaden. – – Was hält uns denn davon ab das System zu verändern? Nichts. Irgendwer hat mal gesagt, wir machen das so, also machen wir das jetzt so. Ich sage jetzt mal, lass uns das doch mal anders machen. Wenn wir es schaffen, den Leuten zu erklären, dass sie nichts verlieren durch ein neues System, sondern vielleicht sogar Freiheiten dazugewinnen, wird auch keiner etwas dagegen haben.“, lasse ich mich zu meinen üblichen Reden anstacheln.

„Was willst du denn machen? Willst du das alte System abbrennen und auf der Asche neu aufbauen?“, stecke ich den Anderen nun auch noch an. „Wieso müssen wir immer alles abbrennen? Das ist doch viel zu einfach; lass uns doch mal was neues ausprobieren, verdammt nochmal! Lass uns doch einfach mal hinsetzen und das System revolutionieren ohne alles abzubrennen. Das wird zwar anstrengend, ist aber endlich mal eine Herausforderung. Glaubt mir, ich bin der Erste, der für eine verdammte Revolution ist, aber ist das nicht viel zu einfach?“, bin ich fast enttäuscht über seinen Vorschlag.

„Und wie willst du dann das System ändern, ohne das Alte zu zerstören?“, lehnt er sich vor, das Glas immer noch in der Hand, fängt an es hin und her zu drehen. „Das könnte doch noch dreißig Jahre dauern.“, will er mir wieder mit seinem Argument kommen, dass wir es nicht mehr erleben. „Wie willst du es schaffen, dass neue System einzuführen, wenn du das Alte nicht durch eine Revolution absetzen willst?“ „Von innen heraus? Das versuchen sie doch schon an so vielen Stellen.“, reden sie jetzt auf mich ein. „Wieso können die Machthaber nicht mal Eier in der Hose haben und sagen: So wie wir das gemacht haben, war okay – aber wir wollen mehr, deshalb machen wir von heute auf morgen was anderes? – – Okay, ich sehe ein, ich hab das alles noch nicht ganz zu Ende gedacht, habe mich mal wieder durch seinen dummen Satz Das werden wir in unserem Leben nicht mehr erleben provozieren lassen. – – Aber wir können uns doch endlich mal auf unseren Hosenboden setzen und versuchen etwas zu ändern, statt die Aufgaben immer wieder auf die nächste Generation zu schieben und auf ein Wunder zu hoffen. Ich kann diese Ausreden nicht mehr ertragen. Wir sind jetzt das Wunder!“

„Wir können nur die Weichen stellen für Veränderungen. Wir werden keine ehrliche Gesellschaft mehr erleben.“, wiederholt er seine Phrasen, fast schon genauso abgestumpft wie die Alten. „Die Weichen sind schon lange vor uns gestellt worden – ich bin doch nicht die einzige Person, die es leid ist, dass wir keinerlei Einfluss auf den Ausgang der Dinge haben. – – Ich meine, ich kann doch nicht der Einzige in unserer Gesellschaft sein, der die Nase voll hat, dass es zum Beispiel eine scheiß App gibt, die es ermöglicht, dass man Mini-Investitionen auf dem Immobilienmarkt machen kann. Dass ist purer Krebs; purer widerlicher Kapitalismus. Wir nehmen eine Sache, die eigentlich als Grundrecht des Lebens dienen sollte und machen da Investitionen, verderben das System, indem wir aus dem Nichts Geld erzeugen und machen dann noch etwas, damit auch der Geringverdiener angeblich seine Krümmel abkriegen kann – widerlich. Ich kann doch nicht die einzige Person in unserer Gesellschaft sein, der sowas hasst!“, flippe ich fast aus, denke nur noch routiniert: Aber das ist eine andere Baustelle.

„Ja, gut – aber der Kapitalismus hat auch seine guten Seiten.“, will er sicherstellen, dass er hiernach nicht geköpft wird. „Der Kapitalismus hat Jesus getötet! – – Judas hat Jesus verraten! Jews haben Jesus verraten; nur eine andere Übersetzung und schon hast du den Übeltäter, der Jesus für 30ig Goldstücke verkauft hat.“ „Fluchst du gerade etwa gegen die Juden?“ „Nein, gegen Geld! – – Was kann ich dafür, dass die Geschichte es so gedreht hat, dass man Personen verfolgt, statt die Metapher des Geldes.“, mache ich mein Glas wieder voll. „Du weißt schon, dass Menschen dumm sind und das falsch verstehen könnten?“ „Ja, bestimmt schießen sich deswegen gerade wieder irgendwelche Idioten über den Haufen.“, nippe ich resignierend an meinem Whisky-Cola.

„Wie willst du denn deine neue, perfekte Gesellschaft in  Europa aufbauen?“, ist er fast genervt nochmal zu fragen. „Wir werden doch heutzutage nur noch verwaltet – warum sind wir nicht ehrlich und bauen eine Gesellschaft danach auf? Wir haben zum Beispiel unsere Gemeinden mit den Stadträten, darüber die Landesräte, darüber die Bundesregierung. Wieso machen wir es nicht so, dass sie nur verwalten dürfen und entweder Beschwerden nach oben oder Anweisungen nach unten durchgeben dürfen? Und das halt für die Welt? Dann haben wir ganz oben eine Runde von ausgewählten Intellektuellen, die Entscheidungen treffen und – ganz wichtig – immer einen in der Gruppe haben, der erst mal gegen Dinge argumentiert. Und falls wir ein Problem auf lokaler Ebener haben, klären wir das auf lokaler Ebene; falls es zu kompliziert wird, kümmert sich die höhere Ebene darum. – – Ist zwar alles noch ziemlich rudimentär und noch nicht zu Ende gedacht, aber wenigstens mal ehrlich. Dann weiß jeder, wie es eigentlich funktioniert.“, habe ich mich irgendwann selbst gelangweilt. „Und wie wählen wir diesen Rat an Leuten?“ „Wir suchen uns die passenden Kinder aus? – – Vielleicht ziehen wir sie extra dafür groß? – – Keine Ahnung, wie wir das anstellen.“, zucke ich nur meine Schultern.

„Das klingt alles ziemlich abgefahren. – – Willst du dann, dass wir uns zum Beispiel um Probleme des Stierkampfes in Spanien kümmern?“, fragt einer. „Wieso nicht? Du kennst dich bestimmt super mit Stieren aus. – – Nein, wir machen erst mal gar nichts. Dieser Rat aus Leuten stellt alle zwanzig Jahre neue Regeln des Zusammenlebens zusammen, jede neue Generation berät, wie es weiter gehen soll. Und wenn wir wirklich lokale Probleme haben, dann werden wir die auch auf lokaler Ebene klären. Der Rat muss sich nicht um Stierkämpfe in Spanien kümmern.“ „Aber wenn man die Kultur …“ „Lass doch mal die Kultur aus der Diskussion raus; verdammt nochmal. Du hast ja auch in Bayern Oktoberfeste und trotzdem sagen sie in Hamburg Moin – du kannst doch nicht immer das Thema der Kultur mit der Thematik des Verwaltens der Menschen vermischen. – – Hört doch endlich mal auf Diskussionen emotional aufzuladen.“, werde ich so langsam müde darüber zu reden; eigentlich haben wir nur darüber geredet, wie wir das Wahlsystem der EU revolutionieren könnten. Keine Ahnung, warum wir wieder über existenzielle Fragen des Zusammenlebens philosophieren.

„Will noch jemand ein Stückchen Kuchen?“, zeige ich nur auf den Erdbeerkuchen, nehme meine Brille kurz ab, reibe mir die Augen und komme gar nicht dazu den Kuchen zu verteilen, weil sie sich schon von alleine bedienen. „Dann kann ich ja auch eben pissen gehen.“, entschuldige ich mich und stolpere da über die Zeitschriften meines Vaters: Der härteste Tag als Überschrift über das Schicksal einer Truppe in irgendeinem Krieg.

Es tut gut einmal kurz Luft zu holen, seine Gedanken zu sortieren. Arno Schmidt hatte sich auf Partys auch immer aufs Klo zurückgezogen, um vom Kontakt mit Menschen zu decomposen – irgendwie kann ich das mit jedem Jahr mehr nachvollziehen.

„Und was hältst du von einer Armee für Europa?“, höre ich nur, als ich wieder den Raum betrete. „Naja. Wenn, dann nur, um meine Interessen umzusetzen; ansonsten halte ich nichts von Gewalt.“ „Warum so zynisch?“, entgegnet er direkt. „Tschuldigung.“, setze ich mich wieder. „Ich kann das voll und ganz verstehen – wo sollen wir da ansetzen? Was soll unser Maßstab werden?“ „Genau; am Ende geben wir 1/3 unseres Haushaltes fürs Militär aus und unsere maroden Schulen verfallen immer mehr.“, bin ich fast froh, endlich mal Zustimmung zu bekommen. „Ich meine, sollen wir so viel Militär haben, so viel Militär haben oder so viel Militär haben?“, zeigt er mit seiner Hand eine imaginäre Tabelle: „Und was ist mit anderen Nationen? Wenn wir Militär haben, dann gleich so viel wie die Anderen, oder mehr? Und wenn wir mehr haben, haben die Anderen dann auch wieder mehr?“ „Und schwups, sind wir wieder in einem Wettrüsten wie im Kalten Krieg.“, entgegnet der Zynischere unter uns nur und lässt uns enttäuscht zurück. „Dabei sollten wir doch eigentlich dafür sorgen, dass wir weniger Rüstung haben.“, meint er noch kryptisch.

„Weißt du, was ich nicht verstehe? Wenn ich mit anderen Menschen darüber rede, dann kommen wir alle immer zum selben Schluss. – – Wieso klappt das dann nicht mit …“, ist der Andere fast der Verzweiflung nahe. „Weil Menschen dumm sind.“, kommt vom Zynischen. „Nein, weil wir dumm gemacht werden – guck dir nur mal die Nachrichten und den ganzen anderen Mist an, dem wir täglich ausgesetzt sind; das ist doch manchmal pure Volksverhetzung.“

„Wir unterbrechen das Programm für eine wichtige Nachricht. Nord-Korea soll seine Raketen gestartet haben – wir wiederholen: Uns ist soeben mitgeteilt worden, dass Nord-Korea Kurzstrecken-Raketen gestartet hat.“, wird die seichte Musik im Radio unterbrochen, dass wir kurz in Richtung Radio gucken, als hätten sie schlechtes Wetter für Morgen hervorgesagt. „Was war wohl zuerst da? Das Huhn oder das Ei?“, fange ich ein neues Thema an. „Nun, ich habe mal gehört, dass das Huhn eine bestimmte Magensäure hat, die eine bestimmte Umgebung hervorrief, die die Eierschalen erst entwickeln ließ.“, fängt er an zu spekulieren. „Naja, das wäre ja Quatsch. Wir müssten ja irgendwas haben, dass das Ei erschafft. Es kann doch kein Ei geben ohne etwas, dass das Ei produziert – also haben wir vielleicht ein urmutiertes Huhn, dass das Ei erschaffen hat, woraus dann das Huhn geschlüpft ist?“, versucht der Zynische wieder und bekommt von uns nur ein zustimmendes Kopfnicken.

„Das erinnert mich immer an unseren Schulunterricht damals in Religion.“, fängt er an. „Du meinst damals mit dem transcendent und erdlich-Gedöns?“, kann ich ihm gerade nicht folgen. „Nein, als wir uns eine halbe Stunde um ein Thema gedreht hatten und irgendwer schließlich aufzeigte und meinte: Stufen – dabei meinte die Lehrerin: Treppen – sie wollte aber genau dieses Wort hören und weil sie es vorher nicht gehört hat, hat sie auch nicht mit dem Unterricht weitergemacht.“, erzählt er und macht sich sein Glas erneut voll. „Treppen, mein Erzfeind.“, versuche ich einen alten Witz wieder aufzugreifen. „Stimmt, nur war der, der Stufen gesagt hatte – das intelligenteste Kind in unserem Jahrgang – am Ende ziemlich sauer; weil er hatte ja genau das, nur ähnlich, gesagt.“, lacht er kurz über meinen Witz und stimmt dem Anderen dann zu.

„Habt ihr damals die Sache mit dem Vera-Fake gesehen?“, sprudelt der Zynische auf einmal über von Energie. „Die Sache mit dem Schildkröten-Typen bei der Casting-Show?“, frage ich. „Genau, Böhnermans Ding; dass sie einen Typen in die Casting-Show eingeschmuggelt haben und er meinte schon bei der Entstehung der Idee: Wir haben eigentlich einen ziemlich abgehobenen Charakter erschaffen, aber dass die Produktionsfirma den noch toppen konnte, haben wir nicht kommen sehen.“, erklärt er für den Anderen, der gerade nicht weiß, was los ist. „Hier, ich such mal eben das Video für dich – oh, ich hab hier ja gar kein Internet.“, hält er auf einmal inne.

„Das war zu Böhnermans Bestzeiten – die Vera-Fake-Sache, das Erdogan-Gedicht.“, versuche ich mich an all seine Nummern zu erinnern. „Das hatten die dann ja auch bei dem Bauer sucht Frau Ding – da hatte einer 50ig Ziegen und der meinte halt ganz trocken, dass die die Ziegen immer von dem Bock getrennt halten mussten, sonst würde die Herde irgendwann explodieren. – – Und der Bauer ganz trocken: Erdogan hier ist ein ganz flinker; wenn der könnte, würde der den ganzen Tag lang.„, macht der Zynische den Bauerndialekt nach.

„Ja, schon witzig, wie das alles zusammenhängt.“, lache ich und lache mit dem Zynischen anscheinend über unseren Insider-Witz, weil der Andere immer noch wie ein Auto guckt und anscheinend keine Ahnung hat, was hier gerade abgeht. „Ich kann in diesem Sinne auch Unreal empfehlen. Eine ziemlich coole Serie, über die ich bei Amazon gestolpert bin. Geht halt um eine Bachelor-Show; aber eben wie sie produziert wird. Und dann bekommt man den Blick hinter die Kulissen und sieht wie widerlich das da manchmal vonstatten geht. – – Das beste war immer noch, wo der Hauptdarsteller irgendwann fragt: Whats with my royaltys? Und einer so ganz trocken: Sorry, all gone.“, löse ich ein Gelächter aus, selbst bei dem Anderen.

„Und? Sonst noch irgendwelche neuen Serien oder Filme zu empfehlen?“, frage ich in die Runde, um vom Thema abzulenken – auch weil ich weiß, was gleich kommt und es leid bin. „Weißt du, mein Vater hat über Ostern mit meinen Neffen Fernsehen geguckt und er erklärte ihnen ganz ruhig: Vorsicht, gleich kommt Werbung. – – Die waren auch ganz fasziniert, was da oben in der Ecke für ein Symbol ist und dass das nicht weggeht.“, lacht er. „Hab letztens eine ziemlich coole Doku über asiatische Produktionen gesehen …“, will der Zynische anfangen. „Ich dachte mir echt: Wie müssen die Produktionsbedingungen gewesen sein? Die tun mir fast schon leid, wenn die wirklich so wenig verdient haben dabei.“, korrigiert er sich. „Tja, mit denen kann man es ja auch machen; hab ich das Gefühl. Die lassen sich alles gefallen – so kulturell gesehen. Die sind doch immer so freundlich und zurückhaltend.“ „Naja, wärst du auch, wenn die Regierung über Nacht einfach dein Wohnzimmer umstellt, wenn du nicht hinguckst oder nicht nur wie bei uns das Internet abstellen kann, sondern regelrecht reguliert und entscheiden kann, was du gucken darfst und was nicht.“, unterhalten sie sich, während ich mir noch ein Stück Erdbeerkuchen gönne.

„Die haben ja nicht einmal Google in China.“, ist er fast genauso frustriert darüber. „Du brauchst ja nicht einmal Google, um überwacht zu werden. Es reicht schon, dass hier zu haben.“, tippt er auf sein Smartphone, während ich meine Brillengläser putze. „Schon erschreckend, wenn du mich fragst.“ „Weiß nicht, also ich hab mehr Angst vor dem Silicon Valley, als vor unserer Regierung.“, setze ich mir die Brille endlich wieder auf.

„Weiß nicht, ob ich vor beiden überhaupt Angst haben sollte.“, fängt der Andere an einen neuen Standpunkt zu bringen. „Naja, die Regierung kann uns halt wegsperren. Das Silicon Valley dir nur ein Virus verpassen.“, kommt vom Zynischen. „Meine Güte, dann sitzt du halt mal drei Jahre im Gefängnis – ich kann mir da schlimmeres vorstellen.“, werfe ich in die Unterhaltung ein.

„Naja, wenn ich unsterblich wäre, würden mir drei Jahre Gefängnis auch nichts ausmachen.“, macht er Witze. „Wer ist hier unsterblich?“ „Na, nehmen wir doch mal an, man wäre unsterblich.“ „Wie unsterblich? Kannst du dann nur nicht älter werden oder lebst du einfach unendlich lange?“ „Keinen körperlichen Verfall.“ „Und geistig? Wenn du dann irgendwann Alzheimer hast?“, spielen beide das Gedankenexperiment durch. „Wenn ich nur nicht älter werden kann, kann ich dann auch Narben kriegen?“, beobachte ich nervös die Narbe, die vor dem letzten Trip nicht da war. „Du kannst auch durch einen Schuss in den Kopf sterben.“, stellt er fest. „Du bist nur unsterblich; also wirst nicht älter.“ „Wie cool wäre das denn? – – Was für Blödsinn man dann alles anstellen könnte.“, lache ich. „Bitte keinen Blödsinn anstellen.“ „Na, Blödsinn im Sinne von: Was man für Hobbys alle ausprobieren könnte. Oder was man alles bereisen könnte; sogar zu Fuß. Einfach irgendwohin latschen. Wie cool wäre das bitte schön? – – Wie viele Familien du gründen könntest.“, überlege ich laut. „Naja, das wäre für mich schon ein Negativpunkt. Ich hätte keine Lust meine Kinder sterben zu sehen.“ „Oder dass die Menschen die immer gleichen Fehler wiederholen. – – Meine Güte, wie frustrierend das sein müsste dabei zuzusehen wie sie die immer gleichen Fehler machen.“, zitiere ich jetzt auch einen dieser Filme.

„Das ist ein guter Punkt. – – Die immer gleichen Fehler. Nehmen wir doch mal an, du könntest in die Vergangenheit geschickt werden, würdest du als Siebzehnjähriger andere Entscheidungen treffen, wenn wir dich jetzt in die Vergangenheit schicken würden?“ „Hängt davon ab, ob ich mir selbst zuhören würde.“, nehme ich die ganze Sache mittlerweile nicht mehr ernst. „Aber wenn du nach dem Abitur zum Beispiel nach Frankfurt gegangen wärst zum Studieren oder du was anderes studiert hättest, säßen wir dann trotzdem jetzt zu deinem 30igsten Geburtstag hier so zusammen?“ „Mal wieder zusammen; meinst du wohl.“, korrigiere ich ihn und gönne mir einen großen Schluck aus dem Glas.

„Ha! – Also nehmen wir mal an, du würdest in die Vergangenheit geschickt; würden deine Entscheidungen andere Folgen haben? Würde das mehrere Wirklichkeiten erzeugen? Würdest du in einigen Wirklichkeiten nicht mehr existieren? Und was ist mit uns, die in dieser Zeit bleiben ohne dich? Leben wir einfach weiter? Ohne dich? Treffen unsere Zeitlinien irgendwann wieder aufeinander?“, macht er mich traurig mit seinen Ausführungen. „Nehmen wir doch mal Zurück in die Zukunft.“, wirft der Zynische ein. „Nehmen wir doch mal das X-Men Universum – wo Charles den zeitreisenden Logan in den Kopf guckt und erschrocken meint: Ich möchte deine Zukunft nicht haben!“ „Der lebte ja auch mit den verschiedenen Zeitlinien.“ „Was der alles durchgemacht haben muss!“, reden sie wieder durcheinander.

„Also, meint ihr, wir sind bereit fürs Feuerwerk? Seid ihr in Stimmung?“, zeige ich auf den Raketenberg in der Ecke, den ich mir von Silvester noch aufbewahrt hatte. „Dunkel ist es draußen auf jeden Fall.“ „Ich würde sagen, wir trinken noch unsere Drinks leer und gehen dann vor die Tür.“, kommt von Beiden, dann marschieren wir nach draußen, am alten Spielplatz vorbei, zwischen den Feldern hindurch, an ein paar anderen Nachtschwärmern vorbei und auf freiem Gelände, wo die einzelnen Raketen in der Nacht hallen, wenn sie explodieren, lassen die Raketen dafür aus einer leeren Bierflasche in den Nachthimmel gen den Sternen starten und sehen ihnen dabei zu, wie sie in einem Farbenspiel explodieren.

„Weißt du, ich hab ja ein Stück vom Mond.“, fängt er an zu schwärmen. „Ein Stück vom Mond? Okay. Also, wenn es ans Kolonisieren geht, hast du deinen Anteil am Mond schon sicher?“ „Jedenfalls habe ich ein Zertifikat, dass mir sagt, dass das mein Stück Mond ist.“ „Und wie groß ist dein Stück Mond?“, frage ich neugierig. „1.000 irgendwas irgendwas.“, zünde ich die nächste Rakete an und höre ihm deshalb nicht mehr richtig zu. „Das ist aber nicht so viel.“ „Naja, auf der Erde würdest du dich dafür dumm und dämlich bezahlen.“, kommt von ihm nur zurück. „Und wenn sie jetzt einfach auf dein Zertifikat scheißen, wenn sie die Mondressourcen unter sich aufteilen?“ „Aber ich habe ein Zertifikat?!“, stellt er erschrocken fest. „Und was, wenn sie mit Mondbaggern kommen und dein Grund und Boden einstampfen, während du nicht hinguckst?“, kontert er wieder.

„Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“, zündet er jetzt auch eine Rakete an. Als sich das Farbenspiel verflüchtigt hat, schaut er mich an und meint kryptisch: „Du solltest deine Träume trotzdem nicht aufgeben. – – Was hat man denn sonst im Leben, wenn man keine Träume mehr hat?“, bringt er mich noch zum Abschluss zum Nachdenken.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

Kommentar verfassen