The last story

Ich werde von Babygeschrei geweckt, um vier Uhr nachmittags. Einmal drehe ich mich noch mal um in der Hoffnung, dass das Baby schon wieder ruhig wird. Nichts. Also gehe ich dem Lärm im Haus mal auf den Grund. Unten im Flur steht ein Kinderwagen, aus der Küche kommen erschöpfte Stimmen.

„Er schreit schon den ganzen Tag; ich weiß auch nicht mehr weiter.“ „Auch dir einen Guten Morgen.“, begrüße ich meine Tante. „Sie wusste einfach nicht mehr weiter und ist dann mit dem Kinderwagen unterwegs, bei uns vorbei, weil sie nicht einfach so in der Gegend herum fahren wollte.“, begrüßt mich meine Mutter. „Na, wer ist das? Na, kennst du den? – – Das ist Stefan. Sag doch mal Hallo zu Stefan. Komm, na. Den kennst du doch, oder? Na, kennst du Stefan? Stefan kennst du doch, oder?“, redet meine Tante auf das Baby ein und hofft so vielleicht ihn zu beruhigen. Ihm vom Schreien abzulenken. Nichts da. Er schreit immer noch; dieser verflixte kleine Schreihals, denke ich mir nur.

„Ich glaube, er hat es schon beim ersten Mal verstanden.“, stelle ich nur die Kaffeemaschine an und fast, als hätte das Baby nur auf einen gewartet, der mal mit ihm redet wie mit einem Mensch, schweigt er kurz und stutzt. Ich nehme mir eine Kaffeetasse, mache Zucker und Milch und den ganzen Kram, ziehe mir einen Stuhl zum Tisch, setze mich zum Baby und halte ihm die Hand hin: „Hi, wie geht’s?“

Er greift etwas unbeholfen nach der Hand, umfasst meinen Finger und lacht. „Willst du ihn mal nehmen?“, reicht mir meine Tante schon das Baby rüber. „Ähm, ja klar.“, bleibt mir wohl keine Wahl. Er greift nach meiner Brille, greift nach meiner Nase, tapst in meinem Gesicht herum, zieht mir im Bart, also drehe ich ihn um und setze ihn auf mein Bein. Und jetzt?

„Eigentlich wollte ich gleich wieder nach oben gehen.“, halte ich dem Kleinen das Händchen, beziehungsweise hält er meine Hand. „Du kannst ja wohl ein bisschen Zeit mit uns verbringen, oder? – – Er hat gerade aufgehört zu schreien.“, scheint meine Tante fast glücklich.

„Ich hab ihn gerade schon mit meinem Handy versucht zu beruhigen, hab ihm Stifte und Zettel gegeben; ich wollte auch nicht gleich für einen kurzen Besuch die Spielsachen aus dem Keller holen.“, entschuldigt sich meine Mutter. „Naja, das Handy war keine gute Idee. Er hat ständig darauf herumgedrückt und die Leute auf dem Bildschirm angefasst.“, meint meine Tante. „Bei einem Bildschirm ist das ja auch egal.“, nehme ich ihr Handy und mache ein Video der Sesamstraße für den Kleinen an. „Guck mal, da ist Ernie und Bert.“, erkläre ich ihm, er lacht nur und tapst auf den bunten Bildern rum, dass das Video kurz stehen bleibt.

„Ja, dass passiert, wenn du darauf herum drückst. Dann bleibt das Video stehen. Da musst du jetzt auch gar nicht so erstaunt gucken.“, lache ich wegen seines erschrockenen Blickes. „Und du bist gerade erst aufgestanden?“, fragt meine Tante. „Das macht der immer, schläft bis vier Uhr nachmittags und ist die ganze Nacht wach – ich weiß gar nicht, was er die ganzen Nächte immer macht.“, fängt meine Mutter wieder an ihre Sorgen kundzutun. „Du könntest auch mal babysitten – scheinst mit dem Kleinen ja gut klar zu kommen.“, meint meine Tante schließlich, fast froh dass der Kleine nicht mehr schreit.

„Tut mir leid, hab leider keine Zeit. – – Hab immer viel …“, will ich zu einer Erklärung ausholen, schweige aber, korrigiere für mich: Hatte immer viel – aber weil jetzt eh alles egal scheint, zucke ich nur die Schultern: „Eigentlich besaufe ich mich nur noch.“ „Stefan! – – Also ehrlich!“, schimpft meine Mutter auf einmal wegen dieser Portion Ehrlichkeit, fast so, als wolle sie sagen: Nicht vor dem Kind.

„Was macht denn dein neues Buch?“, fragt meine Tante noch, um die Wogen zu glätten; aber ihr zu erklären, dass es dafür auch zu spät ist, wie Thors Hammer, den sie in Endgame aus der anderen Zeitlinie geklaut haben und nicht wieder zurück gebracht haben, fehlt mir jetzt auch mein Hammer, um meine Gegner zu besiegen. – – Natürlich haben sie ihn in Endgame zurückgebracht; die Metapher ist etwas schief, das gebe ich zu, aber wenn wir sagen würden, der Hammer hat keine Energie mehr, weil er in tausend Teile gerissen und diese zu oft eingesetzt wurde.

„Hier, nimmst du ihn mal wieder – mein Kaffee ist durchgelaufen.“, reiche ich den Kleinen wieder zurück und stehe auf, nehme mir meine Kaffeetasse und verschwinde wieder nach oben, schütte mir oben Whisky in den Kaffee und freue mich, dass morgen mein Geburtstag ist und ich noch einmal meinen dreißigsten Geburtstag feiern kann. – – Da sag doch mal einer, man wird nur einmal im Leben Dreißig.

Kurzgeschichte

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