Lebendige Zeitgeschichte

„Euch vertraue ich keinen Joint mehr an, seit ihr den verkehrt herum geraucht habt, bekommt ihr von mir nicht mehr die Erlaubnis einen Joint anzuzünden. Ich geh eben pissen und nehme ihn mit.“, steckt er sich den Joint hinters Ohr und geht aus dem Raum.

„Ach, komm.“, „Ich war.“, „Das war.“, „da gar nicht.“, „mein Geburtstag.“, „da.“, quasseln Jan und ich durcheinander. „Ich war da sturzbetrunken.“, nuschele ich noch und Jan nur: „Wieso kenne ich die Geschichte noch gar nicht?“

„Ach, Philip hatte mir den Joint gegeben und als Geburtstagskind durfte ich ihn anmachen und long story short: Ich habe das falsche Ende angezündet und alle Leute im Kreis haben munter mitgeraucht, bis Philip an der Reihe war; er hat das gemerkt und regt sich seitdem darüber auf.“, gehe ich mit Jan voraus auf den Balkon.

„Hast du den Tweet von Jim Carry mitgekriegt, wo er ein Bild von Mussolini am Galgen gemalt hatte, teilte und irgendwas drunter schrieb wie: Fascists die.„, begrüßt Jan Philip auf dem Balkon und fängt an zu erzählen: „Dann hat wohl die Großenkelin von Mussolini drunter kommentiert, dass er ein bisschen Anstand zeigen solle und die sitzt wohl heutzutage im EU-Parlament.“

„Also ich kann verstehen, dass Leute sagen, es ist gut, dass wir Mussolini aufgeknüpft haben, er hat doch schließlich halb Europa verwüstet. Auf der anderen Seite kann ich sie verstehen, dass sie das geschmacklos fand.“, verfällt Philip in diese Argumentationstechnik, dass er gut und gerne eine halbe Stunde philosophieren könnte, wenn man ihn nicht unterbricht. „Da hast du völlig Recht.“, unterbricht ihn Jan deshalb und meint über meinen Kopf hinweg: „Ich kann Menschen nicht verstehen, die Sachen nicht aus zwei Perspektiven betrachten können oder zumindest Sachen abwägen. Ich hab da von einer Polizistin gelesen, die sagte halt als Standpunkt: Ein Verbrechen ist ein Verbrechen. Egal, ob du eine Schublade aufbrichst, um irgendwelche Dokumente zu suchen oder halb Europa verwüstet.“ „Die sagte auch, wenn die Rechten Verbrechen und die Linken Verbrechen begehen, sollten beide bestraft werden, weil beide das Gesetz brechen.“, erklärt er noch, weil ihm keiner von uns antwortet – was eine widerliche Angewohnheit ist; wie beschissen ist das, wenn einer spricht und du guckst ihn nachher an und sagst: Tschuldigung, ich habe dir gerade nicht zugehört. – – Das gehört sich nicht; das ist verletzend.

„Ach, was für ein Quatsch. – – Das erinnert mich an den Tweet, den ich letztens gelesen habe, den ich ziemlich gut fand: Die Rechten versuchen Menschen auszugrenzen, die Linken das Leben aller besser zu machen und die Mitte steht da und meint, ich kann die beiden Seiten nicht auseinander halten. – – Ich meine, in was für einen schönen Narrativ hat die sich verfangen, dass sie sowas denkt?“, reiche ich den Joint weiter.

„Was habt ihr eigentlich gerade für eine Schlacht gehabt?“, entgegnet Phil aber nur, der vorhin erst durchs Klingeln unser AOE-Match unterbrochen hatte. „Ach, wir haben mal wieder wir zwei gegen drei Computergegner auf schwierig versucht; aber Stefan ist heute nicht gut drauf gewesen.“ „Ich weiß auch nicht woran das liegt, wahrscheinlich haben meine Einheiten das überrannt werden am Anfang der Partie nicht verkraftet.“, zucke ich nur die Schultern und halte Jan ein Feuerzeug hin, denn der Joint ist ausgegangen.

„Ja, das hat deine Wirtschaft ganz schön gefickt.“, lacht er. „Ich bin die ganze Zeit nur auf Spenden von dir angewiesen gewesen.“, lache ich und bekomme den Joint zurück. „Aber ich finde den Gedanken, dass sie das überrannt werden nicht verkraftet haben ziemlich cool. PTSD bei Rittern, ob es sowas wohl gibt?“, lache ich wieder, dass mich beide nur skeptisch angucken. „Also, ist ja nicht so, dass du einfach eine Studie im Mittelalter machen kannst, um rauszufinden, ob sie damals bei den Feldschlachten PTSD davongetragen haben.“, findet Jan den Gedanken absurd.

„Heutzutage hast du ja eine ganz gute Datenlage. – – Ich kann mir das schon gut vorstellen, dass dich das ziemlich aus der Bahn wirft, wenn neben dir eine Bombe einschlägt und du von den vielen Lichtblitzen und Tönen nicht mehr in der Lage bist das zu verarbeiten, was um dich herum passiert.“, raucht Philip genüsslich seinen Joint. „Aber wenn so eine riesen Armee auf Pferden auf dich zurennt, schwer gepanzert und mit Lanzen ausgestreckt, da möchte ich nicht gerne als Fußsoldat auf dem Feld stehen.“, überlege ich laut. „Pferde sind ja auch furchteinflösend.“, meint Jan nur. „Furchterregend – und sexy.“, lacht Philip: „Schau dir nur mal die griechischen Mythologien an mit ihren Zentauren und den ganzen halb Fabelwesen; das ging da in der Antike bestimmt hoch her.“ „Selbst Karl der Große hatte Pferde.“, lächele ich ihn an.

„Wie meinst du das? Hatte Pferde? Also sexuell?“, grinst er, Jan nuschelt nur was von Fakten und ob ich ihm eine Quelle nennen kann. „Weil, wir haben gerade über Sex mit Pferden geredet und du wirfst einfach so als Satz ein: Karl der Große hatte auch Pferde. – – Also im Sinne von im Bett? So meinst du das doch, oder?“, lacht Philip immer noch unverständlich.

„Genauso meinte ich das.“, aber die wurden wahrscheinlich vorher wenigstens gefragt oder zu teuren Banketts eingeladen, denke ich nur und gehe im Kopf all die Serien, Filme, Musik und Bücher durch, die bei mir schon Inspiration gefunden haben und muss schmunzeln, was für ein geiles Erbe eigentlich.

„Oh, ich muss dir gleich noch das Video von Comedian Shahak Shapira zeigen; hab ich vorhin schon mit Stefan drüber gesprochen. Es ist zum Schießen.“, geht Jan schon mal rein. Wir folgen ihm; ich hatte vorhin nur gemeint, ob die Aufarbeitung des Völkermords in Ruanda richtig angegangen wird, weil ich ein Video zu dem Jubiläum gesehen hatte; wo sie einfach tausend Skelette in Vitrinen haben und Jan meinte nur, wir sollten für solche Anlässe ein anderes Wort als Jubiläum benutzen. „Feierlichkeiten?“, fragte ich, um ihn zu provozieren. Auf jeden Fall wollte ich es mit unseren Aufarbeitungen und den Gedenkstätten in KZ’s vergleichen; ob es der richtige Weg ist ganze Generationen zu traumatisieren, um sie zu überzeugen, dass Mord falsch ist? Ist der Mensch von Natur aus wirklich so schlecht?

Jan meinte nur, dass das nicht zu vergleichen sei, weil in Ruanda halt schon jahrelang die Toten auf den Straßen lagen. Ich meinte noch, dass man damals schon zu meiner Zeit meinte, man mache lieber mit Schulklassen im Winter einen Ausflug ins KZ, weil dann das Ambiente niedergeschlagener sei – was ich schon seltsam fand als Konzept. Natürlich hatte Jan wieder ein Problem mit dem Wort Ambiente – aber dann bekam er eine Nachricht auf seinem Smartphone und meinte, wir müssten uns unbedingt diesen Comedian angucken.

Als wir vor seinem PC sitzen, zeigt er uns den Comedy-Auftritt, wo Auschwitz Yelp-Reviews bekommen hat; und natürlich lachen wir uns schlapp. „Das ist  so super! Der Witz hat zwei Ebenen; einmal economically und einmal.“ „Jaja.“, unterbreche ich ihn, mein Blick macht den Rest. „Soll ich mal noch einen drehen?“, kramt Philip schon Sachen aus seiner Tasche. „Kann ich irgendwo drauf drehen?“ „Hier, nimm doch die Box vom Vibrator, die X hier liegen gelassen hat. Die hat die Packung einfach hier liegen gelassen, warum weiß ich auch nicht.“, holt er ihm die Packung aus dem Regal, dabei fallen kleine Gel-Päckchen raus, die gegen Feuchtigkeit beim Transport sind, dass Jan komisch guckt, als er sie wieder aufhebt. „Besser nicht essen; dann stirbst du.“, nuschelt Philip beim Drehen – ich lehne mich für einen Moment im Sofa zurück, genieße das dumme Gelaber der Beiden wie guten Jazz nach einer langen Autofahrt mit 80iger Jahre Schlager.

„Ach, und ich wollte mir gerade ein Brot damit schmieren.“, „Ja, dann wärst du aber bei dem Versuch gestorben; weil du die Gel-Kügelchen nicht aufs Brot schmieren kannst und irgendwann durch Unterernährung verhungert wärst.“, „Hast du mich schon mal gesehen, wie ich kühlschrankfrische Butter auf meinen Toast schmiere?“, „Nein, Gott sei Dank ist mir der Anblick erspart geblieben.“, faseln sie um die Wette. „Gott, mit dem Tabak kann man keinen anständigen Joint drehen.“, flucht Philip nun noch und wirft alles auf die Vibrator-Box. „Soll ich mal?“, biete ich meine Hilfe an.

„Ach, der Tabak ist einfach zu alt. Damit geht das nicht.“ „Natürlich geht das. – – Das ist genauso, wie wenn du alte Serien nochmal guckst. Da findest du doch auch immer wieder neue, interessante Stellen; jedenfalls wenn sie richtig gut geschrieben sind.“, versuche ich ein neues Thema anzufangen. „Witzig, dass du das ansprichst. Sarah hatte letztens – oder, warte. Ich hatte, glaube ich, mal wieder im Wohnzimmer Family Guy laufen lassen und sie meinte halt, sie schaut sich das Ganze einmal an, aber danach nicht mehr und ich hab das bei Zeichentrickserien, die laufen bei mir wahrscheinlich einfach so weg wie Hintergrundrauschen; aber nicht bei Dramen. Die kann ich mir dutzende Male angucken und finde immer noch interessante Stellen.“ „Das ist ein interessanter Punkt, den du da ansprichst; mit den Zeichentrickserien nicht unbedingt, aber das mit den mehrmals gucken; bei Dramen nicht so unbedingt, außer sie sind wirklich gut geschrieben; aber bei so 20 min Folgen, dass sind doch die wahren Dinger! Die packen innerhalb von 20 min so viel da rein, dass ist faszinierend; da entgeht dir beim ersten Durchlauf immer irgendwas. Die kann man ruhig mehrmals gucken.“, drehe ich den Joint.

„Das hat doch mit den Simpsons angefangen damals.“, will sich Jan in die Unterhaltung einklinken. „Die Simpsons sind ein gutes Beispiel. – – Hab letztens eine Folge gesehen, wo sie halt Fox total angegriffen haben auf einer ultra Meta-Ebene.“, kleben beide wieder an meinen Lippen. „In der Folge ging es halt darum, dass Kent Brockman seinen Job als Nachrichtensprecher verliert und deshalb als Youtube-Internet-Sensation anfängt.“ „Die Folge kenne ich.“, unterbricht mich Philip wie ein aufgeregtes Kind. „Genau – und am Ende hast du halt so eine Szene, wo sie auf dem Sofa sitzen und zwischen konservativen Nachrichten und einer Sex-Sells-Produktion hin und her schalten und Lisa fragt Kent, warum Fox sowohl das eine als auch das andere im Programm haben kann – seine Antwort: Fox zahlt hohe Strafen, um sowas zeigen zu können. – – Aber das wirklich Interessante kommt noch: Da sitzen Homer und Lisa am Esstisch und Homer erzählt ihr, was er über Fox gelernt hat, was er sich angelesen hat und fängt an zu erzählen: Wusstest du, dass … oh mein Gott, dass kann ich gar nicht laut sagen … dass Fox … – und dann folgt halt ein lautes Biepen, als hätte R2D2 mal wieder geflucht wie ein Kesselflicker und eine Fox-Stimme fängt an mit: dass Fox ein abwechslungsreiches familienfreundliches Programm hat – – und so weiter. – – Was ich mich halt gefragt habe, ist das nicht ein bisschen lächerlich? Ich meine, es ist, als würdest du dich selbst angreifen, um deinem Gegner die Munition zu nehmen.“, vermische ich das Gras mit dem Tabak. „Naja, dass ist, als würdest du eine Waffe auf dich selber richten.“, überlegt Philip.

„Nein, eben nicht. Dass ist, als würdest du jetzt eine Waffe auf mich richten, ich sie dir aber aus der Hand nehmen und damit in die Luft schießen, um zwar Aufmerksamkeit zu erregen, aber tiefenpsychologisch kann dir der Leser bzw. Konsument nicht mehr böse sein, weil du ja schon alle seine möglichen Argumente auf dich selber angewandt hast.“, rede ich mich in Rage.

„Ich hätte jetzt gerne was zu essen – macht mir irgendwer von euch einen Toast?“, entgegnet Jan nur. „Ne, den musst du dir schon selber holen.“, kommt von Philip, während ich den Joint anlecke, zusammen drehe. „Was cool wäre, wäre jetzt so ein Roboter, der mir den Toast bringen könnte.“, überlegt er. „Hast du einen Staubsaugerroboter da? Der kann dir dann deinen Toast bringen, den musst du nur programmieren, dass er zu deiner aktuellen Position kommt; und der kann dann auch direkt hinter sich selbst sauber machen.“, entgegnet Philip. „Oder einfach auf den Staubsaugerroboter einen Toaster montieren, dann kannst du überall Toast essen.“, entwickele ich die Idee weiter.

„Tja, bis dahin, bis der entwickelt wurde, muss ich wohl meinen Toast selber holen.“, geht Jan aus dem Raum. „Bringst du mir einen … ?“ „Ja, hatte ich eh vor – mein Gott, Stefan. Was ist nur mit dir und deiner Sache, dass du mich nie in Ruhe essen lassen kannst, ohne auch was ab haben zu wollen?“, hören wir ihn noch auf dem Flur murmeln.

„Weiß er überhaupt, dass ich Erfinder bin?“ fragt Philip, worauf ich nur gleichgültig die Schultern zucke. Mein Werk ist schließlich vollendet, der Joint ist gedreht. Wir gehen auf den Balkon, ich klaue Jan noch im Vorbeigehen den Toast aus dem Mund, wir drei trotten wie so oft auf irgendeinen Balkon der Republik hinaus, in die Sonne und werden gleich wieder Blödsinn labern, abwechselnd an dem Joint ziehen, ihn in der Runde weitergeben und lachen, dumme Witze reißen und den Alltag für einen Augenblick vergessen.

Ich verschweige lieber, dass ich nachher, als ich gerade vom Klo wiederkomme, in eine Unterhaltung der Beiden stolpere, dass Philip irgendwas meint von wegen, es hat schon was dekadentes den zweitteuersten Sekt in einem Lokal zu kaufen und ihn dann wegzukippen vor den Augen der anderen Gäste. Und Jan lacht spöttisch: „Besser noch, danach den besten Sekt des Hauses kaufen und alleine trinken.“ „Dann sitzt du aber auch ganz schnell alleine da.“, lasse ich mich mal wieder zwischen die Beiden auf dem Sofa fallen. „Naja, immerhin hast du dann geilen Sekt getrunken.“, lacht Philip jetzt, weil er mir wieder was beibringen konnte und mein Blick sagt ihm, dass ich es verstand.

Aus dem Radio klimpert jetzt Time Warp, dass Philip nur fragt, woher kenne ich den Song? „Der ist aus der Rocky Horror Picture.“, erklärt Jan, bis ich: „Damn it, Janet.“, singen kann, worauf Phil mich mit: „i love you.“, überrascht; wie damals Sarah immer mit mir – wie  Robin und Teds Joke, wenn sie … ach, eigentlich haben sie damit alle anderen Anwesenden irgendwann zur Weißglut gebracht. Gott, wie die ganze Sache mit Sarah gelaufen ist, tut mir irgendwie leid; aber ich werde mich immer an sie erinnern – soviel steht fest.

Aber irgendwann war unsere Beziehung, also dieses seltsame Freundesding, wo jeder mal zu den unpassendsten Momenten in den Anderen verliebt war, nur noch Arbeit; wie die Arbeit an einem Manuskript, dass man zu lange in der Schublade gelassen hatte. Einige Stellen sind wirklich gut, da macht es richtig Spaß sie nochmal zu schreiben. Andere dagegen sind so schlecht konstruiert, dass man sich wundert, wer sich den Scheiß eigentlich mal ausgedacht hat.

Wir reden noch ein bisschen über Träume und wie sie wohl entstehen, weil Jan wie aus dem Nichts meinte, wie wir wohl träumen. „Ich finde das völlig faszinierend, wenn du dir mal überlegst, dass Architekten in Architektur denken, Musiker in Liedern und am nächsten Morgen ganze Lieder schreiben, Schriftsteller/Autoren eben in Welten träumen – wenn du dich lange genug mit etwas beschäftigst, träumst du irgendwann auch auf diese Art. – – Ich meine, …“ „Und Tiere träumen dann in was?“, versucht Philip mich zum Nachdenken zu bringen. „Naja, die denken dann eben mit ihren Krallen? Wie sie ein Tier reißen? Keine Ahnung.“ „Du meinst, ohne Sprache können wir nicht träumen?“, kommt von Jan. „Natürlich nicht.“ – „Was ist dann mit Affen?“ – „Du willst mir doch nicht sagen, Affen würden nicht träumen. Die machen zum Beispiel Laute und Gröhlen! Damit können die sich verständigen. Verstehst du?“ „Ich finde die Entwicklung von Tier zum Menschen sehr interessant.“, nuschelt Philip wie auswendig gelernt.

Shit, das hab ich auch schon mal erlebt. Also sage ich meinen üblichen Text auf: „In der Zeitschrift Lucy’s Rausch stand vorne drin immer ein toller Comic drin über die Entwicklung des Menschen, dass sie von Affen zu denkenden Menschen gekommen sind, indem sie eben Pilze gefressen haben und dann eines Abends im Gras saßen und angefangen haben über Gott und die Welt zu reden.“ „Also ihren Verstand erweitert haben?“, fragt Jan. „Genau – nenne es wie du willst; Bewusstsein erweitern, Verstand verlieren, neue Denkmuster erkennen, Autos fahren, Schuhe anziehen oder einen anderen Blickwinkel dazugewinnen.“

„Soll ich noch einen Drehen?“, fragt Philip vorsichtig, kramt dann sein Gras aus der Tasche und stellt fast glücklich fest: „Hab ich das also doch noch leer gekriegt. Mein Gott, ich hab doch gesagt, dass ich das leer kriege. Oder? Habe ich doch, oder?“ Und diesmal versuche ich den Schmerz zu ignorieren, sage nur sowas wie, weil Jan sich noch einen Toast machen will und fragt, ob wir noch Toast und Aufschnitt hätten, dass der Toast fast alle ist, aber Aufschnitt haben wir noch genug; der geht nicht so schnell leer.

„Okay, hab ich alles? Wo ist meine Jacke? Und mein Rucksack? – – Was ist mit dem Sportgerät hier? Das scheint festgeschraubt zu sein, oder wie sehe ich das? Will das nicht mitkommen? Das scheint hier bleiben zu wollen.“, ruckelt er an Jans Klimmstange. „Scheint wohl so.“, sage ich automatisiert und sehe ihm hinterher, als er den Flur runter verschwindet und mein Gott, hätte ich jetzt gerne einen Schuh hinter ihm hergeworfen; aber ich saß da mit der halben Milchschnitte im Mund, Jan hatte sich die Milchschnitte brüderlich mit mir geteilt; ich dachte erst, da Philip die Milchschnitte nicht mehr wollte, er sie uns mit den Worten gab: „Die teilt ihr euch aber, oder?“, dass ich nur die Verpackung kriege – Mann, was für ein Abend.

„Sollen wir jetzt noch einen Film gucken?“, fragt Jan und irgendwie kommen wir wieder auf Indiana Jones. Den 1ten Teil; wie damals nach dem Kneipenabend. Und als der Vorspann läuft, meine ich sowas wie: „Was für eine geile Idee, um einen Charakter einzuführen. Man sieht ihn die ganze Zeit nur von hinten.“ Und als der Vorspann rum war, Indiana Jones den Tempel ausgeraubt hatte, meine ich noch sowas wie: „Voll gemein von ihm; ich als Eingeborener wäre auch sauer, dass da so ein Junge daher kommt und meinen Vergnügungspark zerstört.“ „Eigentlich hat er ihn ja nicht zerstört.“, stöhnt Jan müde. „Sie müssen nur die Fallen wieder aufziehen und dann können sich die Kinder wieder dran machen und sich austoben.“, gähnt er und drückt sein Gesicht ins Kissen; gleich schläft er.

Zu Hause setze ich mich wieder vor den Fernseher, sehe eine Folge Bobs Burger, wo sie darüber reden, dass sie den britischen Premierminister durch ein Wett-Backen entscheiden und wie seltsam cool das doch sei und ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen; immer noch besser als eine Final Destination-Nummer abzuziehen – ich scrolle ein bisschen durch Neo Magazin Royale Folgen, stolpere vor der neuen Folge noch über den Scheiden-Song von Giulia Becker, danach sehe ich die Folge, wo sie Quizzen mit Prismen spielen und den 10-Kampf-Champion von 2014 auszeichnen, mit neuen Sportmaterial und Jahrn Böhnerman singt den Asozial-Song, dass er mich zu dem Text „Die Vorbereitung auf den Sonntagsgottesdienst“ inspiriert, danach sind Nachrichten dran, von einem CDU-Parteitag in Schleswig-Holstein oder so, wo Marz und AKP eine Antrittsrede halten und Marz kriegt eindeutig mehr Applaus; er ist nicht der Vorsitzende der Partei, aber der Sieger der Herzen und als sie das Publikum nachher interviewen, meinen sie: „Was der heute geleistet hat, sowas braucht Deutschland! Das war inspirierend!“ – was AKP wahrscheinlich nicht verkraftet; dabei will ich ihr nichts wegnehmen. Will ich wirklich nicht. Soll sie ruhig ihr Ding machen. Die Wähler werden schon wissen, wen sie in der Politik wollen.

Ich sehe in den nächsten Tagen noch eine Episode I’m Sorry, wo sie einen Goldfisch ins Klo kippen müssen, weil er gestorben ist und dass sie jetzt deswegen den Unterricht ändern müssten; das Thema Tod thematisieren und was sie ihren Kindern jetzt erzählen: „Wirklich? Du hast wirklich deinem Kind gesagt, er ist auf die Fischakademie gegangen, um zu unterrichten? Das ist viel besser, als zu sagen, dass er gestorben ist und jetzt eben die Toilette runtergespült wurde.“, unterhalten sich die Eltern auf dem Schulhof.

Ich komme aber nicht zum Schreiben; ich muss die ganze Zeit an meine Ex-Freundin denken und ob sie jetzt wirklich schwanger war. Gorden Ramsay wäre wirklich der Einzige, der mir sagen darf, dass ich meinen faulen Arsch hoch kriegen soll, wenn er dich ein faules Stück nennt, kannst du sicher sein, dass du eines bist; mache ich den Fernseher schließlich aus. Wahrscheinlich sitzt in irgendeiner Schaltzentrale jetzt ein Mensch, der sich freut, dass er oder sie mich mit dieser Wiederholung inspirieren konnten. Ich schreibe ein paar Stunden über den Abend mit dem russischen Regisseur, verkneife mir all meine Fehltritte, spare mir noch ein paar diplomatische Geheimnisse und schaue danach Youtube-Videos, scrolle durch meinen Twitter-Feed und erinnere mich an die Zeit, als ich den Brexit koordiniert habe, von meinem Bett aus versucht habe das Schlimmste zu verhindern, nachdem andere den Karren in den Dreck gefahren haben. – – Ich fühle mich so langsam wie im Kindergarten, all diese Babys im Anzug, die nur noch daran denken ihr Gesicht zu wahren, statt … ach, das ist nicht hilfreich.

Bin ich eigentlich ein Vater? – – Und warum hat es mir niemand gesagt?

Ich lege den Stift zur Seite, strecke mich, rolle vom Bett und stolpere die Treppe runter, um aus dem Kühlschrank neues Eis für meinen Drink zu holen. Dass das mal wieder meine einzige Bewegung sein sollte, hätte ich nicht geglaubt. Naja, dass, also das Treppensteigen, und das Flirten mit den Kassiererinnen, ansonsten hocke ich wirklich nur noch vor der Glotze und beschieße schlechte Nachrichten mit der Nerf-Gun oder puste mit Seifenblasen durch die Gegend und rede mir ein, das bisschen Spülmittel reicht zum Wischen des Zimmerbodens. Die großen Whiskeyflecken gehen damit zwar nicht weg, die verschmieren und verkleben den Boden genauso wie die einzelnen Wichsflecken, aber was soll’s.

„Und? Wie geht’s?“, schaue ich kurz im Wohnzimmer vorbei und Mutter labert irgendwas von wegen, dass sie heute auf einer Blumenschau waren und so’n Mist – dann kommentiert sie die Lokal-Nachrichten, dass irgendeinem Bauern die Kühe weggelaufen sind und auf meine Frage, ob er sie alle wiedergefunden hat, meint sie nur: „Ne; nicht alle – aber man kann ja auch nicht alles haben.“

Das war’s. Ich marschiere wieder nach oben, werfe mich vor den Fernseher, habe mein Notizbuch in die Ecke geworfen und muss erst mal nachdenken. Monk läuft gerade. Die Folge, wo er im Schuhladen aushilft. Den Anfang habe ich verpasst, aber nun bückt er sich, weil er einen Schuhkarton aus dem Regal geworfen hat, er hat eine Warnweste an, hinten drauf steht: „Can we help you?“

Ich schalte um. The Middle, der Familienvater sammelt gerade Chipskrümmel aus dem Eingangsbereich auf. „Tina, Tina, Tina – es ging also nie um Tina?“, hat er eine Epiphany nach dem Gespräch mit seiner Tochter. Ich schalte wieder um. Ein anderer Krimi. Cold Case – oder sowas in der Art. Die Ermittlerin meint: „Also hat er sie gar nicht vergewaltigt und geschwängert?“ Ich schalte wieder um, und nochmal und nochmal. Schließlich greife ich zur Nerf-Gun, verschieße mein ganzes Magazin: „Da schreibt man einmal einen zweideutigen Text und schon ist man für sein ganzes Leben gebrandmarkt? – – Fickt euch!!“, kocht es in mir. Ich erinnere mich an letztes Mal, als ich auf den Fernseher schießen wollte, aber keine Nerf-Gun da hatte, nur Stift und Zettel und sowas notierte wie: „Und dann schieße ich mit dem Bogen auf den Fernseher, zwei Pfeile durch die Mattscheibe.“ – und einen oder zwei Tage später kamen in den Nachrichten Berichte über Jan Ulrich, den Radsportler, der unter Drogen mit einem Bogen auf den Fernseher geschossen hat und plötzlich hatte ich dieses Zucken im Gesicht, ein leeres Lachen formte sich, fast wäre ich wahnsinnig geworden; nach einem langen Arbeitstag auch noch zu Hause bombardiert zu werden, gar keine Ruhe mehr zu haben – ich trat nur den Mehrfachstecker, der den TV mit Strom versorgte, griff zum Smartphone und twitterte sowas wie: „Ich kann Syd Barret von Pink Floyd auf einmal sehr gut verstehen.“ und erhielt ein Fav, ein Fav von David Gilmour hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin, da draußen gibt es Menschen, die verstehen – es hat mich gerettet.

Zum Test schicke ich diesmal wieder den gleichen Tweet ab und die gleiche Reaktion. Ich schaue noch ein paar Folgen, die mich aufmuntern und lege mich mit guter Musik ins Bett – schreibe wieder und es fühlt sich gut an, wie frische Luft schnappen.

Mir wird noch die Muppet Show Folge von Harry Belavonte auf Twitter empfohlen, irgendwann ende ich wieder bei ein paar Youtube-Videos und denke an diesen Tag zurück, als sie mich facetimete, während ich noch die Lasagne zubereitete. Im Hintergrund saßen zwei Jungs auf dem Sofa, sie meinte zwar, dass wäre nur Zufall, dass sie mit im Raum sind, aber ich sollte sie mal kennen lernen. Ich hatte gerade die erste Hälfe von „Die übliche Ablenkung“ fertig, sie hatte mich die zwei Tage vorher schon besucht, wir hatten am ersten Tag nur über alte Zeiten geredet, wie es uns ging und all sowas; bevor wir miteinander schlafen konnten, kamen meine Eltern frühzeitig nach Hause, wahrscheinlich durch die Nachbarn über meinen außergewöhnlichen Besuch informiert – außergewöhnlich, weil so selten; ich habe in letzter Zeit selten Frauen zu Hause.

Ich erzählte ihr noch von dem fehlgeschlagenen Versuch mit Philip zu schlafen und wie deprimierend das war. Am zweiten Tag holte ich sie von zu Hause ab, sie erzählte ein bisschen was über sich, fragte, ob ich mich noch erinnern würde, dass sie mal von ihrem Vater die Kinder aufpassen musste und dass er sie dann einfach mit 20ig Euro in einem Spiele-Paradies sitzen gelassen hat; da vergessen hat. Tja, danach, also als wir uns getrennt hatten, ist sie zu ihrem Vater in ein anderes Land, hat da für ihn die Nanni machen müssen, die Kinder groß ziehen müssen und sei jetzt wieder hier – für die Feiertage, um auch mal die andere Mutter kennen zu lernen und als ich meinte, dass ich für sie kochen könnte, facetimete sie mich um abzusagen. Sie stellte mich noch den Zwillingen vor und wollte sich für die verpatzte Verabredung entschuldigen; aber mir ging es schon während unserer Beziehung auf den Geist, dass sie immer ihre Familienangelegenheiten vorschob, also überredete ich sie zum Vorbeikommen und da die Stimmung eh schon angespannt war, ich sie aber nicht zum Reden brachte, zeigte ich ihr schließlich mein erstes Manuskript mit den Textstellen über sie und die Stellen mit dem Telefon auf dem Balkon, dass Sarah damals unterbrach, tat ihr übriges, sie brach in Tränen aus, fragte, wie ich sowas schreiben konnte, dass sei privat, wenn sie das nicht getan hätte, hätte ich doch niemals die Welt gesehen!

Ich wäre an ihrer Seite irgendwann verbittert als schnöder Lehrer mit der ersten Highschool-Freundin, die ich aus Mitleid geheiratet hätte, weil ich sie ausversehen geschwängert hätte. Ich solle doch dankbar sein. Und überhaupt, wisse ich gar nicht, was es bedeutet eine Abtreibung zu haben. Wie hätten wir eigentlich unsere Familie ernährt? Ich sei doch noch im Studium gewesen und so weiter und so weiter … sie redete sich in Rage, ich hätte sie am liebsten in den Arm genommen, sie geohrfeigt, irgendwas, um sie wieder zu beruhigen. Sie bedeutete mir ja noch immer etwas.

Ich wusste aber nicht, was ich fühlen sollte. Im Nachhinein habe ich zwar tausend Gedanken und Gefühle, aber in dem Augenblick saß ich nur da und wusste nicht mehr, was ich sagen sollte. Als sie sich beruhigte, fragte sie, ob sie das ganze Manuskript lesen könne, also gab ich es ihr mit. Zum Abschied sagte sie noch etwas, dass mich völlig verwirrte. „Naja, jetzt hast du wenigstens wieder was zum drüber schreiben.“, als ginge es nur darum – sie hatte nie verstanden, dass es mir darum ging meine Gedanken zu sortieren; all die Lügen zu enthüllen. Ein Ort, um nachzudenken.

Sie hatte mich nie verstanden. Meine Frage, ob das meine Söhne seien, hat sie nie beantwortet – nur gemeint: „Sei nicht albern.“

Danach hatte ich eine ganze Zeit keine Lust mehr aufs Schreiben. Ich dachte mal wieder nur über mich und meine Probleme nach. Als ich dann am nächsten Montag ins Büro kam, saß ich wieder gegenüber von Olivia; wieder eine Frau, die ich verletzen würde. Am besten sollte ich gar nichts mehr mit anderen Menschen anfangen – aber sie lächelte so süß.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

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