Das schwarze Loch

Auf E! läuft gerade Total Bellas, die 9te Folge der 4te Staffel und sie sprechen über ihren alten Vater, der seine Stimme verloren hatte und nun komplett anders klingt und zum Vergleich hören sich die Töchter ein altes Video von ihm an und meinen, dass das doch nicht geht – so klang mal unser Vater, dass müssen wir wieder hinkriegen; bis ihre Mutter einwirft, ob ihr Vater es denn gut finden würde, wenn er daran erinnert wird, dass er seine Stimme verloren hat, als es an meiner Tür klopft.

„Stefan, du hast gleich den Termin beim Psychiater.“ „In einer Stunde, ja ich weiß. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe.“, und weil sie nicht reagiert, werfe ich mit einer Taschentücherpackung hinter ihr her, bis sie mich in Ruhe lässt. Auf Twitter mehren sich die Berichte über das erste Schwarze Loch, dass sie entdeckt haben dank des Algorithmus einer Wissenschaftlerin, dessen Namen ich in den meisten Medien nicht finden kann.

„Sie müssen noch dieses Formular ausfüllen; es geht eigentlich nur darum, dass wir Ihren Hausarzt informieren dürfen.“, hält mir die Empfangsdame einen Zettel mit der Datenschutzerklärung hin. Ich lese ihn mir durch und stolpere kurz über ein paar Absätze: „Was ist denn dieses Labor, dass hier erwähnt wird?“ „Oh, dass ist nur, falls wir mal Bluttests machen müssen; dann müssen wir keine erneute Datenschutzerklärung ausgeben. So haben wir alles in eins.“, schaut sie nicht von ihrem Terminkalender auf.

„Ähm, dass ist aber schon etwas tricky formuliert, das Ganze, oder?“ „Warum?“, schaut sie jetzt hoch, anscheinend hat sie nicht mit Widerworten gerechnet. „Nun, wenn ich mir das richtig durchlese, dann entbinde ich damit ja alle in den Prozess eingebundenen Ärzte von ihrer Schweigepflicht; und das kann doch nicht richtig sein, oder?“ „Nein, nein – Sie verstehen das falsch. Wir wollen nur, dass …“ „Ich weiß schon, wie Sie das meinen – dass sich die Ärzte untereinander austauschen können; aber es ist so schwammig formuliert, dass man da auch vor Gericht ganz einfach eine andere Sichtweise hinein interpretieren kann.“, fange ich an zu schwitzen; das Konterbier hätte ich mir heute morgen sparen sollen.

„Aber wir wollen doch gar nicht … also da haben Sie was falsch verstanden … es geht uns doch nur darum, dass wir die Behandlung …“, stottert sie; das Telefon fängt an nonstop zu klingeln, sie versucht es zu ignorieren. „Das ist mir durchaus bewusst; aber so, wie es hier formuliert ist, kann man da halt auch eine zweite Sichtweise hinein interpretieren.“ „Was steht denn da? Wir bekommen das ja auch nur …“, kann sie sich beim Telefonklingeln nicht konzentrieren. „Nun, hier oben werden die teilnehmenden Ärzte genannt, dass Sie sie informieren dürfen und dann kommt ein komplett anderer Absatz und danach steht: Gleichfalls entbinde ich hiermit alle beteiligten Ärzte und Ärtzinnen von der Schweigepflicht. – – Sowas ist einfach schlampig gearbeitet.“, wische ich mir nun mit dem Jackenärmel den Schweiß von der Stirn, hinter mir wartet schon der nächste Patient.

„Also, wenn Sie wollen, können Sie das auch gleich noch mit der Ärztin besprechen – Sie brauchen das nicht unterschreiben.“, will sie mir den Zettel schon aus der Hand nehmen. „Ach, ist doch eh scheiß egal bei mir – hab schon unterschrieben.“, werfe ich ihr den unterschriebenen Zettel über den Tresen rüber.

Im Wartezimmer mache ich mir Notizen für eine kleine Geschichte, wie ich von der Ärztin aufgerufen werde, sie darauf anspreche, die Situation erkläre, nebenbei frage, ob ich hier rauchen darf, ihr erzähle, dass das natürlich wieder niemanden interessiert, dass die Patientinnen und Patienten mit schwammigen Datenschutzerklärungen hingehalten werden und dann von der Ärztin zurechtgewiesen werde, dass ich in den Praxisräumen bitte nicht rauche, dass wäre nicht nett gegenüber den anderen Patientinnen und Patienten und dann würde sie mich noch fragen, ob ich die Unterschrift des Zettels verweigern würde und ich würde sowas sagen wie, dass ich doch sowieso eine gottverdammte Live-Reality-Show bin für alle Menschen und meine Rechte nie irgendwo einfordern kann.

Als ich dann aufgerufen werde, wundere ich mich über meine Offenheit, erwähne natürlich nichts in Bezug auf die Datenschutzerklärung, dafür erzähle ich ihr, dass ich andere Menschen nur noch lästig, anstrengend und nervig finde, weil sie ihre Erwartungen gegenüber mich immer ins Gesicht geschrieben stehen haben; dass ich froh bin, wenn meine Brüder eine eigene Familie haben und ich kein Teil von ihnen bin, weil sie schon genug für mich geopfert haben und es nun verdient haben ein eigenes, glückliches Leben zu führen, ohne auf mich acht zu geben und dann thematisiere ich noch die Arbeitsstelle, von der ich krankgeschrieben bin, dass ich da keine Privatsphäre hatte, sie an meine Schubladen gegangen sind, meine Sachen durchwühlt haben, ich zum Schluss nur noch Aufgaben bekommen habe, die entweder schon von jemanden anders erledigt wurden, von vornherein nicht gebraucht wurden oder sowieso nur Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen waren und dann fragt sie nur: „Also haben Sie einen GdB?“, als würde das die ganze Sache rechtfertigen.

Sie schreibt mich weiterhin krank, verschreibt mir Anti-Depressiva, sagt mir, ich solle mit dem Trinken aufhören und fragt, nachdem sie mich eine ganze Stunde lang vollgequatscht hat, ob ich noch Fragen hätte, ob das Gespräch geholfen hätte – ich entgegne nur, dass ich diesmal wieder keine Fragen habe und mal schauen.

Zu Hause werfe ich mich vor den Fernseher, sehe wieder mal Nachrichten über Julian Assange, dass er nach sieben Jahren aus der Botschaft geworfen wurde, nun verhaftet wird und ich gucke mir nur die Berichterstattung an, denke mir meinen Teil, bin von dem kurzen Kleid der Nachrichtensprecherin fasziniert, sie kommentiert die Videoaufnahmen von der Botschaft: „Es ist wichtig, dass Wristleblower in so einer Situation wissen, dass Sie sich auf niemanden verlassen können – und nun: Das Wetter.“

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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