Der Fernsehabend Teil 2

„Eine Instagram-Influencerin posiert für eine BH-Marke auf Instragram – sie sagt, sie verstehe nicht, warum es einen Unterschied zwischen Bikini und BH gibt, bei dem einen fühlt man sich in der Öffentlichkeit irgendwie seltsam, dass sie lange darüber nachgedacht hat, ob sie diese BH-Werbung machen will und sich schließlich doch noch dazu entschlossen hat und sich nun pudelwohl fühlt.“, überfliegt sie den Instragram-Post von Aminata Belli.

„Und Die Zeit hat eine Folge des Podcasts mit Passmann hochgeladen – die Schaulustigen über Hitler und die ganzen Sachen – Thema: Aufarbeitung.“, blättert sie durch mein Smartphone durch. „Vor einem Jahr hab ich mir den nach Feierabend angehört, während ich Panzer Corps gespielt habe und mir damals Notizen gemacht, als sie über deutsche Serien wie Babylon Berlin und Charité und so gesprochen haben – warte, irgendwo habe ich das doch noch rumfliegen.“, springe ich von der Couch und durchsuche meine Notizbücher.

„Hier, ich hab mir damals notiert, dass ich deutsche Serien problematisch finde – entweder sind sie historische Abziehbilder der Gegenwart; wie Babylon Berlin, die 20iger Jahre des 21 Jahrhunderts im Mantel des 20igsten Jahrhunderts. – – Oder sie sind so zufrieden im Arschlochtum, sie zelebrieren es fast schon, als ob sie sich darin richtig wohl fühlen. Schau dir doch mal alleine die Serie Jerks an; da steckt es ja schon im Namen! Oder hier, wie hieß die Serie, wo wir letztens noch einen Vorspann auf Sky gesehen haben? Andere Eltern, oder wie die Serie hieß? Vielleicht kenne ich einfach zu wenig deutsche Serien, aber ich vermisse einfach … keine Ahnung, ich vermisse diese Lust auf … hier, nimm doch mal Unicorn Store von Netflix zum Beispiel; sowas würden deutsche Produktionen doch nie hinkriegen!“, lege ich das Notizbuch wieder zur Seite.

„Kommst du dir nicht so langsam seltsam vor, wenn du ständig dieses Name-Dropping machst?“, ist sie wahrscheinlich einfach nur noch genervt. „Und wie – letztens war ich mal wieder mit ’nem Schulfreund an der Ems und wir haben ein bisschen über Star Wars gequatscht und …“ „Ich dachte, du bist es leid den Leuten Star Wars zu erklären.“ „Bin ich auch – Es war einmal in einer weit, weit entfernten Galaxis. – – Pff“, lasse ich mich wieder aufs Sofa neben ihr fallen, dass die Popcorn-Schüssel umkippt.

„Aber auf jeden Fall haben wir danach über Elon Musk, Bill Gates und Jeff Bezos gequatscht, weil er meinte, dass er es gut findet, dass es Milliarde gibt, die die Welt verbessern wollen und natürlich ist ihm bewusst, dass die Arbeitsbedingungen in Jeff Bezos Versandläden nicht so super optimal sind, da fiel mir nur die South Park-Folge aus der letzten Staffel ein; auf jeden Fall hab ich gemeint, dass ich es ein bisschen bereut habe mir die Biografie von Elon Musk auf der Frankfurter Buchmesse letztes Jahr nicht direkt gekauft zu haben, zu der Zeit habe ich ja auch noch ein bisschen intensiver mitverfolgt, was er so auf Twitter macht und fand es irgendwie interessant; ob er zum Beispiel bei so Sachen wie der thailändischen Fußball-Mannschaft ohne nachzudenken gehandelt hat, nicht darüber nachgedacht hat, wie es aussieht, wenn er mit einer seiner Erfindungen vorbeikommen und die Kinder retten wollte; aber wie ich das erzählte, hab ich gleich wieder ein schlechtes Gewissen bekommen, einige Fußgänger gingen an uns vorbei und ich möchte halt nicht schon wieder unnötig den Scheinwerfer auf so Sachen werfen – verstehst du?“

„Ja, dass kann ich gut verstehen. – – Oh, eine Push-Nachricht: Bayern demütigt den BVB mit einem 5:0.“ „Jetzt leg doch mal das Smartphone zur Seite.“, nehme ich ihr mein Smartphone aus der Hand: „Dass du auch nicht zwischen meinen und deinen Dingen unterscheiden kannst; schlimm sowas.“, schüttele ich verspielt den Kopf, dass sie mich zur Versöhnung küsst: „Tut mir leid; ich hab mein’s nur gerade in der Tasche, weil du mal gesagt hattest, dass du es nicht gerne hast, wenn Smartphones mit im Raum sind und eigentlich wollte ich nur gucken, wie spät es ist.“

„Oh, sag das doch gleich – hier. Es ist: Oh – die Uhr ist wohl stehen geblieben.“, halte ich ihr meinen Unterarm mit der Süßigkeiten-Uhr hin, die natürlich immer auf 07:30 Uhr steht. „Witzbold.“, knabbert sie jetzt an der Süßigkeiten-Uhr rum. „Hey, wie soll ich denn demnächst wissen, wie spät es ist, wenn du sie jetzt aufisst?!“

„Und wat hat du noch mit ihm beprochen?“, schmatzt sie mit offenem Mund. „Hab ihm nur von deinem Ausraster letztens erzählt; dass du vom Einkaufen wieder kamst und dem Kassierer kein Trinkgeld geben durftest, weil dann seine Kasse nicht stimmt.“ „Genau; dass ist ja auch purer Blödsinn! – – Dann will man mal auf ein paar Cent verzichten, weil sonst das Portemonnaie zu dick wird und dann weigert sich der Kassierer das Trinkgeld anzunehmen. UND DANN AUCH NOCH AUS SO EINEM BESCHISSENEN GRUND, WEIL SONST DIE KASSE NICHT STIMMT! – – Irgendwann verbrenne ich einfach das Trinkgeld vor den Augen der Kassierer, wenn sie es nicht annehmen dürfen. – – Ich meine, irgendein Trottel wird sich doch mit Sicherheit verzählen und dann sind wir 10.000.000.000 Dings im Minus!“ „Ich weiß, wie lächerlich ist das? – – Die Welt hat soundso viel Billionen Schulden, bei wem? Hab ihm das erzählt und er meinte direkt: Bei Braavos.„, bringe ich sie wieder zum Schmunzeln.

„Wir haben dann noch etwas gefachsimpelt, dass Geld ja sowieso totaler Blödsinn ist und irgendwann meinte ich halt, wenn ich verstanden habe, dass das Prinzip Geld lächerlich ist, er verstanden hat, dass das Prinzip Geld lächerlich ist, wieso kommen dann nicht alle Leute zur gleichen Realisation und lassen diesen uralten Witz vom Gütertausch fallen und leben in einer Gesellschaft ohne Geld? – – Woran liegt das? Das die Menschen zu gierig sind? Dann lass uns doch einfach jeden Einzelnen so lange mit Gütern vollpumpen, bis sie verstanden haben, dass das nicht glücklich macht!“ „Und wo willst du die Massen an Gütern herkriegen?“, wirft sie ein. „Nun, das war jetzt eine Metapher – aber vom Prinzip her kann man ja einen großen Haufen an Gütern haben, den man einfach hin und her schiebt, von Mensch zu Mensch, um sie einzeln zu überzeugen, dass sie kein Geld brauchen, um glücklich zu sein.“ „Eine Geld-Entziehungskur sozusagen.“, scherzt sie. „Genau, eine Woche lang oder ein Monat lang darf ein Mensch in so einem unendlichen Luxus leben, dass er oder sie begreift, dass das nicht glücklich macht.“ „Das System ist wohl noch nicht ganz durchdacht.“, kuschelt sie sich an mich ran. „Das System, in dem wir jetzt leben, ist nicht zu Ende gedacht – aber die, die das Sagen haben, profitieren leider davon und wollen deshalb ungerne was anderes ausprobieren.“, lege ich meinen Arm um sie.

Kurzgeschichte

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