Cloudz – Downtown

„Was machen wir denn mit den alten Leuten, die noch am Geld hängen? – – Ich weiß nämlich, dass meine Oma zum Beispiel damals bei der Einführung des Euros noch an die tausend D-Mark unter der Couch gehortet hat aus Angst, dass sie ihr das Geld wegnehmen.“, besprechen zwei Frauen im Podcast Sag niemals Nietzsche – Geld & Langeweile. „Dann tötet die halt.“, rutscht es mir heraus, ich blättere durch die Filmempfehlungen bei Amazon und Netflix und schaue mir neue Trailer bei Youtube an, stolpere über: „Du machst mir Angst, du kannst doch nicht einfach alte Menschen töten lassen, nur weil sie nicht in deine neue Weltutopie passen.“, weshalb ich nur Stift und Papier greife und notiere wie wild: „Ich meinte nicht wortwörtlich, verdammt nochmal; sondern ihre Ängste. – – Denkt denn keiner mehr mit? – – Oh, wir machen uns Sorgen um dich; Oh, du machst uns Angst. – – Hört ihr euch mal zu, bevor ihr sprecht?“, kritzele ich aufs Papier.

Beim nächsten Trailer meint eine Figur: „Was, wenn dich irgendwer auf der Straße absticht, weil …“, dass ich weiter schreibe: „Ja, was weil? Weil ich irgendwem das Geschäft versaue? Das ist doch totaler Bullshit! Jeder, der nur 1 und 1 zusammenziehen kann, wird zum selben Schluss kommen wie ich; nämlich, das Geld das Übel der Welt ist und wir ohne besser dran wären. Und wenn alte Leute nicht verstehen, dass sie kein Geld zum Leben brauchen, müssen wir ihnen das halt besser erklären, verdammt nochmal!“

„Stefan, du hast gleich deinen Termin.“, unterbricht mich meine Mutter durch ein sanftes Klopfen an der Tür; ich aber checke noch meine Emails, bevor ich losgehe. „Ich brauch eine neue Überweisung zum Neurologen.“, begrüße ich schlecht gelaunt die Rezeptionistin, obwohl sie nichts dafür kann.

„Man könnte die Geschichten jetzt in eine Romanform pressen und die Unzuverlässigkeit des Erzählers weiter herausarbeiten, um es zurechtzuschneiden, das würde der Geschichte aber überhaupt nicht mehr gerecht. Mein persönlicher Ratschlag wäre: Druck es für Freunde, in diesem Rahmen wäre es bestimmt ein Kracher. Die scheinen mir ohnehin die Zielgruppe zu sein und lieben die Geschichten über volltrunkene Europa-Diskussionen und semi-adulte Lebensweisheiten sicher.

Noch ein ganz technischer Tipp, da ich sowas eigentlich innerhalb weniger Stunden verschlinge, bei diesem Manuskript aber auch nach Wochen nie mehr als zehn Seiten am Stück lesen konnte: Struktur! Mir fehlte im ganzen Manuskript eine erzählerische Struktur. In einem kurzweiligen Roman sollte kein einziger überflüssiger Absatz stehen – wenn ich die Absätze mit Schlagworten oder Sätzen am Rand zusammenfasse, möchte ich erkennen, dass jeder Absatz irgendwo hinführt (wie ein Argumentationsgang in einer Facharbeit). Bei Deinem Werk habe ich zu Anfang überhaupt keinen Handlungsstrang finden können und später wurde dieser viel zu oft durch noch und noch und noch eine Party unterbrochen, die für keinen Charakter irgendeinen Turning Point darstellten.“, hatte mir nämlich ein Verlag mal wieder auf die Einsendung meines Manuskriptes the wonderful li(f)e of studying geantwortet und mir damit die gute Laune torpediert.

„Dann hätte ich gerne die Gesundheitskarte; hatten Sie schon eine Überweisung?“ „Ja, aber da gerade ein neues Quartal ist, brauche ich eine neue.“, krame ich meine Gesundheitskarte genervt raus und reiche sie über den Tresen.

„Aber du kannst gerne deine neuen Projekte bei uns abgeben; daran sind wir sehr interessiert.“, heißt es noch zum Ende der Email; was kein Wunder ist, weil sie mir geschrieben hatte, dass sie bereit wäre sich meine Ideen anzuhören, als ich einen Tweet gepostet hatte, dass ja kein Verlag auf mich zukommen würde und keiner Interesse an meinen Manuskripten hätte – leider Gottes ist meine Bedingung, dass sie the wonderful li(f)e of studying zuerst veröffentlichen, auch wenn dieses Manuskript schon aufgrund von menschlichen Fehlern durch alle möglichen Hände gegangen ist und deshalb keinen Gewinn abwirft, will ich es zuerst veröffentlichen und will endlich die Anerkennung, die ich verdiene! Jeden Nobelpreis und dass drei Jahre hintereinander würden mir schon genügen, für den Anfang – mache ich mir nichtssagende Notizen im Bus hin zum Neurologen.

Beim Neurologen reiche ich die Überweisung über den Tresen, sie fragt trotzdem noch nach meiner Gesundheitskarte; so langsam komme ich mir vor wie auf der Suche nach Passierschein A38.

„Also; die übliche Routine. – – Wie geht es Ihnen?“, fragt der Neurologe. „Diesmal keine übliche Routine; ich bin seit sechs Monaten wegen Depression und Mobbing am Arbeitsplatz krank geschrieben und nun ist mir noch aufgefallen, dass ich offensichtlich einen Gedächtnisverlust hatte. Da meinte meine Hausärztin, dass ich mal zum Neurologen gehen sollte, um das zu untersuchen.“ „Nun, und wann war dieser Gedächtnisverlust?“, entgegnet er etwas überfordert anhand meiner Ausführungen.

„Das ist das Problem; mein Zeitstrahl ist etwas durcheinander gekommen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“, versuche ich mit einem dummen Witz die Situation für ihn leichter zu machen. „Ja, können Sie das wenigstens irgendwie eingrenzen?“, entgegnet er trocken. „Nun, wenn ich meine Daten richtig zusammen habe, dann würde ich sagen, dass das 2017 passiert ist. Ich kann mich nicht an 2017 erinnern. Der ganze Stress mit meinem Schriftsteller-Blödsinn und der Ausbildung, neben den Klausuren und der eigentlichen Arbeit im Büro noch das Schicksal der Welt auf den Schultern tragen und bla bla – keine Ahnung, wahrscheinlich habe ich da einmal zu oft gefeiert und meine Schaltkreise sind durchgebrannt; aber ich bin auch kein Fachmann, ich kann nur meine Hypothesen aufstellen.“ „Okay, …“, ignoriert er meine dummen Witze. „Schwierigkeiten längerfristige Erinnerungen zu bilden sind auch ein Zeichen von Depressionen. – – Vielleicht sollten Sie so langsam wirklich mal eine Behandlung in Betracht ziehen.“, schaut er nur von seiner Tastatur hoch.

„Es wird so langsam Zeit, dass Sie ihr Leben ordnen; endlich Ordnung in ihr Leben bringen.“, beendet er seine unnötige Ausführung. „Okay, also können Sie mir keine weitere Krankschreibung ausstellen?“, entgegne ich nur, etwas überwältigt.

„Ich kann nur Krankschreibungen in neurologischer Hinsicht ausstellen.“, entschuldigt er sich und gibt mir noch eine Liste mit möglichen Kontakten mit an die Hand; trotzdem bin ich auf hundertachtzig – warum bin ich denn depressiv? Wenn ihr mir alle möglichen Chancen torpediert und mich ständig klein haltet, wie kann ich da meinen Traum ausleben? – Natürlich werde ich da depressiv; wer nicht, wenn andere Leute deinen Traum ausleben?

An der Bushaltestelle schreibe ich, auch ein bisschen inspiriert durch die Late Night Show von John Oliver über die WWE und ihrer schlechten Behandlung der Wrestler: „Endlich Ordnung in mein Leben bringen? Wie wäre es, wenn ich stattdessen Unordnung in euer Leben bringe? – – Ich kann halt auch nur den üblichen Scheiß produzieren, wenn ihr mir nur den üblichen Scheiß vorsetzt! Ist es das, wie ihr mir zwanzig Jahre neue Ideen & Output vergütet? Ich habe gesellschaftliche Debatten angestoßen, da haben die meisten Politiker noch im Politikercamp gelernt vor der Kamera zu lügen! So behandelt ihr also eure Helden? Kein Wunder, dass sie irgendwann die Schnauze voll haben und sich in den Tod saufen; so wie ich jetzt! Und ihr dürft sogar live dabei zuschauen – was für eine Zuschauerservice – wie ich mir den Rest Lebenslust am Abend raus wichse wie so ein hirnamputierter Trottel! Und das alles nur, weil ich der Tochter des Chefs zu nahe gekommen bin, sie sich in mich verliebt hatte; fuck you! Ich kann nur hoffen, dass das Karma euch einholt und ihr irgendwann vom Universum genauso gefickt werdet wie ihr mich gefickt habt; ihr Wichser!“

Zu Hause werfe ich Radio Bob an, in den Nachrichten bedankt sich Horst Seehofer gerade bei irgendwem für seine treuen Dienste, irgendein DFB-Chef tritt zurück, weil er eine teure Uhr als Geschenk angenommen hat, wo er dachte, sie wäre umsonst gewesen, während ich diesen Text schreibe, klopft meine Mutter noch einmal freundlich an meine Tür und fragt, wie es nun weiter geht.

„Ist mir doch egal!“, schimpfe ich nur. „Das kannst du doch nicht sagen.“, tut sie auf erschrocken. „Wenn du morgen keine Krankschreibung abgibst, musst du wieder zur Arbeit gehen. Ansonsten bekommst du kein Geld mehr.“, stammelt sie; und irgendwie tut es mir auch leid, dass ich sie in diesen ganzen Mist verwickelt habe – aber was soll ich tun? „Ist mir sowas von egal.“, entgegne ich aber nur und: „Dann sollen halt Herr Seehofer oder Frau Merkel schauen, dass sie irgendwie für meine Bezahlung aufkommen. Ich hab genug für dieses Land geopfert!“

Ich checke noch einmal meine Emails, antworte der VG Wort auf einen monatlichen Newsletter: „Um als VG Wort im digitalen Zeitalter relevant zu bleiben, bedarf es mehr als bloßer Gesetzesänderung. Ihr müsst endlich verstehen, dass Texte online anders geteilt und verbreitet werden, als durch bloße Klickzahlen auf Blogs zum Beispiel. Solange das Geld noch nicht abgeschafft wurde, müsst ihr euch endlich ein anderes Vergütungssystem für eure Autoren und Kunstschaffenden ausdenken!“, nach dem Ausloggen ploppen die folgende Nachrichten auf, dass Keiner für die Hall of Fame vorgesehen ist, May einen neuen Brexit Termin verhandeln will, Live: Leipzig gibt den Ton an beim Fußball, HSV dank Lasogge im Halbfinale und Muss der Radweg benutzt werden? und zum Schluss noch, dass Böhmermann Merkel verklagt.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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