Der letzte Trip

Ich greife zum Smartphone und twittere nur: „Töröööö“, werfe mich dann aufs Bett, wie ein gelangweilter Tiger im Käfig und mache meinen MP3-Player lauter: „Baby … i miss you too.“, dröhnt es durch die Kopfhörer und dröhnt durch meinen ganzen Körper, dann nehme ich den Kulli und male meine Pulsadern nach und was für eine scheiß geile Metapher das abgibt, drehe mich auf den Rücken und spiele wie eine Katze mit meiner Beute, der MP3-Player an der Schnur der Kopfhörer, ich wie die Katze und albere ein bisschen, drehe den Player hin und her, setze mich auf die Bettkante und drehe ihn und überlege, ob ich sowas verwenden kann, greife nach meinem Notizbuch und überfliege die letzten Seiten: „Warum ist es so schwer für mich Vaterschaftsurlaub zu beantragen? Und das im Jahr 2019? Irgendwer erzählte mir mal, dass Frau Merkels Start in die Politik ein purer Zufall war, weil eigentlich der Berater von Kohl nicht mitkommen konnte und was ist daraus geworden? Sie ist ein Vorbild geworden für viele Kinder, viele Mädchen, nein alle Kinder haben es geschafft sie als Vorbild zu sehen, zu begreifen, dass Frau Merkel eine leitende …“; eigentlich kann man nichts davon wirklich veröffentlichen.

Ich greife zum Handy, meine Frau schickt mir eine Nachricht: „Setz doch den Anfang der Geschichte in die Mitte, dann ist die Geschichte runder.“, werfe das Handy wieder weg, würde am liebsten dieses billige Hollywood-Set eines Lebens verlassen – aber, mein Gott; wenn jeder nur mal eben Zigaretten holen geht, statt zu dem zu stehen, was er da angerichtet hat – ich denke an all die Stunden, in denen ich lieber bei ihr gewesen wäre, statt diese Seiten zu füllen, es ist schon so schlimm geworden, dass ich morgens aufwache und mit der Hand das Papier liebkose, wie ein Portal zur anderen Seite.

Ich greife mir die privaten Briefe von Jack Kerourac und Allen Ginsbourg, wo sie verschlüsselt eigentlich die ganze Zeit nur übers Miteinander-Sex-haben reden … weil von einem Dr. Sax die Rede ist und gehe scheißen. Als ich zurückkomme, natürlich habe ich vergessen die Hände zu waschen, aber was soll’s, stolpere über meine dreckige Wäsche und werfe mich aufs Bett, draußen heulen die Sportwagen durch die Nacht, eigentlich weiß ich doch auch nicht … mache ein paar Sportübungen und frage mich, wie es ihr wohl geht, da auf der anderen Seite, trotzdem jeden Morgen aufzustehen und weiterzumachen, auf der Asche zu tanzen und – was soll sie auch machen? – – Es einfach ignorieren?, mittlerweile habe ich meinen Stift wieder in der Hand, schreibe, mache mir Notizen und überlege, ob es da draußen nicht eine bessere Welt gibt, denke an die TwitterInnen, die wie ein Feuerwerk die Nacht erleuchtet haben … es gibt Gefühle, die kennt man erst, wenn jemand da ist, der sie auslöstwieso heiratet ihr plötzlich alle und bekommt Kinder und so’n Zeug? Habt ihr keine anderen Hobbys? Aldi schafft Plastikfolien für Salatgurken ab – ist die Headline, die Frage ist doch wohl eher; wer hat eigentlich mit dem Schwachsinn angefangen?

Durch das Schreiben deprimiert werden, dass muss man sich mal vorstellen. „everytime i try to help you, you shrug it off, turn to the other side …“, versiegt ihre Stimme, das Konzert wird leise … Stille.

Ich kauer auf dem Stift herum, werfe ihn zur Seite … die Muskeln zucken wieder wie bei einem Tiger, der auf seine Beute springen will, mich macht das einfach nur müde und lässt mich die Drogenjahre nun anders betrachten, knacke meine Finger wie eine Pranke, nur die Klauen sind von den Wunden, die ich Anderen zugefügt habe, stumpf geworden, sind abgestumpft, matt und, ach was weiß ich …

Im Hotelzimmer nebenan stimmt Ed Sheeran gerade seinen neuen Song an, es poltern die Treppenstufen, als hätten sie verlernt, wie man sich auf dem offenen Meer bewegt. Ich denke an das Praktikum bei den Kindern, die im Rollstuhl sitzen müssen und all so ein Mist und wie ich mit der Betreuerin mitgespielt habe und Bauklötze aufreihe, als Anreiz für ihn, was er erreichen und wie er Probleme lösen kann und ich weiß nicht, ob und wann mir dieses Spielprinzip aufgestoßen ist, ich war wütend und traurig zugleich, als ich ihm einen neuen Trick zeigte und er daraufhin nur zucken konnte, wie ein Pizzabote, dem man viel zu viel Trinkgeld gegeben hatte und ich konnte sehen, dass es ihm nicht gefällt, seine Betreuerin meinte da nur hoffnungslos: „Oh, ich sehe, dass dir das nicht gefällt.“

Und der anderen Betreuerin, die fasziniert bei einem anderen Kind meinte, wenn da noch einer steht, wirft er die Bälle immer mal wieder auch in diese Gegend, konnte ich nur fassungslos entgegnen: „Dir ist schon klar, dass der das als Spiel ansieht, oder?“, seine Art des Mitteilens vielleicht ist, sich freut, dass es da auf der anderen Seite jemanden gibt? Und je länger wir miteinander spielen, merke ich, fühle ich, wie tief zufrieden er ist, dass da jemand ist, der die ganze Scheiße bemerkt! – – Danach musste ich immer erst eine Rauchen gehen.

„Kann man das eigentlich in ein Buch – eine Geschichte packen oder wird sie dann zu dick, platzt vielleicht auf wie die vollgeschissene Windel meines Kindes?“, überlege ich.

Natürlich kann Rockefeller aber seine siebte Herztransplantation kriegen und anderer Freunde Väter sterben an einem Herzfehler, in so einer Welt leben wir einfach, also kann ich auch meine Seiten mit dem Aufschrei des neuen Feminismus und Grinder-Apps, Body-Lotions und Flüssigseife als Therapieversuch eines zu offenen Elternhauses füllen.

Ich bereue es immer noch mir diesen Vaper ein zweites Mal aufgeschwatzt zu haben … auch, weil … na, ihr wisst schon, was ich meine, das hat mir schon beim ersten Mal die Lippen so verbrannt, greife also zur guten, alten Pfeife wie nach klassischer Musik, stecke sie an und mich selbst, beuge mich auf wie ach … einstudiert und lasse mich auf den Stuhl fallen, spreize alle Viere von mir und lasse wieder die Gelenke knacken, ächze wie ein alter Tiger – metallic fast.

Den Teil mit den guten, alten Bahnhofstoiletten und dass es da so riecht, als hätte man sich beim Scheißen zu lange Zeit gelassen, was seltsam ist, weil du sie nie lange aufsuchen willst, kann ich gut zu den persönlichen Briefen von Jack Kerourac zwischen Allen Ginsbourg packen, weil das passt doch super, oder? – will  ich eigentlich meine Frau fragen, lasse es aber, sie hat bestimmt gerade genug um die Ohren, ist gerade Schlafenszeit bei den Kindern, da sind die immer so quengelig.

Ich trinke noch was und stolpere, vom schiefen Sitzen ganz taub – so still draußen. Die Sterne und ach … wäre nur jemand da, der den gleichen Unsinn satt hat. Sowas kann doch niemand veröffentlichen! Das ist kein Buch, das ist ein seltsamer Trip nach Amsterdam, um alte, müde Muskeln noch einmal zum Zucken zu bringen, was … ach … den Witz hat Bojack Horseman schon gemacht; – aber was soll ich tun?

Irgendwie muss ich euch ja unterhalten, bis wir alle gemeinsam zu dieser tiefen Eingebung kommen, dass wir sowohl der Junge sind, dem wir den Ball einmal aus anderer Perspektive zuwerfen, um bemerkt zu werden und einmal eben der Ball – ha, hab ich euch ein weiteres Mal! Hab ich doch, oder? Weiß nicht, ich fand das auf jeden Fall ziemlich witzig, müsst ihr wissen.

Genauso kann man auch meinen Aufenthalt in Amsterdam sehen, während zur selben Zeit die halbe Welt eigentlich in Leipzig eigentlich das Buch feiert – wenn ihr meine Anfrage, darüber berichten zu dürfen wie ich will, ablehnt, bekommt ihr eben meine Abwesenheit zu spüren. Klingt hart, ist es auch – na und? Dann bin ich halt unverschämt. Dann bin ich halt etwas lauter, messiger, dreckiger, chaotischer und hinterlasse eine Schneise der gut gemeinten Zerstörung – jetzt weiß ich nicht mehr weiter, ich hab irgendwie die Pointe des Witzes vergessen. Tschuldigung.

Ich weiß noch, dass ich Another Day of Life gesehen habe, als ich mein letztes Manuskript schrieb und jetzt, jetzt läuft gerade die deutsche Version davon auf Instagram, wie cool ist das denn? Okay, der letzte Zug an der Pfeife hat es mir ziemlich gegeben, jetzt singt Amanda Palmer gerade, dass sie es einfach versteht, wie schön es ist zur selben Zeit aufzuschreien, wie ein Heulen in der Nacht … von Einem zum Anderen …

Kein Wunder, dass der Duschvorhang immer vielversprechender aussieht, wenn ich mir schon zum dritten Mal Bier übers Bein gekippt habe … wasche ich mir die Kugelschreibertinte schließlich von den Pulsadern meiner Arme, was für eine seltsame Metapher.

„Hey, willst du Eier dazu?“, trete ich gegen sein Sofa, er hat den Laptop schon wieder aufgeschlagen, scheint nicht mehr aufnahmefähig, hat gerade noch was über Emails checken gesagt, glaube ich; ich hör ihm auch nicht mehr zu, fällt mir gerade auf. Und wie selten dämlich, dass die aus dem Osten damals erzählt haben, dass sie mit Wertmarken an der Kasse gestanden haben, um Lebensmittel zu kaufen – dabei machen wir das doch genau so?

„Ja, bitte. Hast du auch Speck da? Ich hätte jetzt gerne was fleischiges.“, legt er seinen Laptop zur Seite und springt fröhlich in die Küche, macht alle Schränke auf und schaut nach, irgendwie geht mir das doch ein bisschen auf die Nerven, aber eigentlich bin ich froh, dass ich das nicht mehr alleine mache, er jetzt ein paar Gewürze rein wirft, etwas abschmeckt, während ich den Tisch decken kann, also Toast bereitstellen, Marmelade aus dem Kühlschrank, Besteck aus der Geschirr-Schublade und … und während er genüsslich seine Eier isst, lässt er wie aus dem Nichts fallen: „Weißt du, du bist der Einzige, der von einem Junkie überfallen wird und es irgendwie hinkriegt, dass der für deinen Sex bezahlt.“ „Wie meinst du das?“, verschlucke ich mich am Orangensaft.

„Na, dein kleines Abenteuer in Hannover damals – musste gerade darüber nachdenken irgendwie.“ „Naja, die Story war eine komplett andere; aber interessante Idee – merk ich mir.“ „Wie, das hast du doch immer so erzählt, oder?“ „Er war mega hilfreich, ohne ihn hätte ich diesen Abend nicht überlebt – okay, vielleicht anders überlebt; weniger lustig überlebt. – – Jetzt hab ich den Pfaden verloren. Ich meine, ich kann ja nicht einfach mit dreckiger Wäsche im Amerikaner-Hotel einchecken und an der Kasse den Witz reißen, dass ich nicht bezahlen muss, weil ich in meinem Leben schon genug bezahlt habe – – als ob das funktionieren würde? Das wäre ja genauso verrückt wie als wenn dich der Präsident der Vereinigten Staaten facetimed und dir sagt, ich mache mir Sorgen um dich.“

„Hey, was machst du da?“, klebt er ein Bierflaschenetiketten auf meinen Unterarm. „Jetzt weiß jeder, dass du mind. 5 Prozent Alkohol bist.“, lacht er. „Ha – das ist sehr witzig.“, bewundere ich das Etikett eine Zeit lang wie eine Auszeichnung, ein Orden – dass er auf LSD so kindlich wird, hab ich jetzt nicht für möglich gehalten, der gewohnte Effekt setzt bei mir noch nicht ein, kommt wahrscheinlich aber noch. „Irgendwie beruhigend, dass wir zu der gleichen Musik Drogen nehmen wie schon zwei Generationen vor uns.“, fängt sein Kopf bei Black Sabbath an zu wippen. „Ich glaube, dass habe ich dir schon mal erlebt, aber ich find’s wirklich cool, dass Alben richtige Geschichten erzählen. Vorher hab ich ja nur immer diesen Savanna-Party-Mix laufen lassen wie Barney Stinson und sein Awesome-Mix; kennst du ja, aber Thomas hat mir die Augen geöffnet, dass Alben ja ganze Geschichten erzählen können.“ „Mir wird ein bisschen kalt.“, meint er schließlich.

„Soll ich das Fenster zu machen?“ „Nein, nein. Ich finde die frische Luft sehr angenehm; ich glaube, ich hol mir mal die Decke.“ „Oh, das ist eine gute Idee. Bring mir mal das Kissen mit. – – Jetzt sind wir zusammen ein Bett. Du hast die Decke, die dich wärmt und ich hab das Kissen, mit dem ich kuscheln kann … wenn die sich zusammen tun, kann sich das Kissen von der Decke wärmen lassen.“, quassele ich, als wir es uns endlich auf dem Sofa gemütlich gemacht haben.

„Ja, verrückt – – weißt du, ich muss immer daran denken, dass ich Phil nie wirklich verstanden habe, bis ich ihm mal einen Cyanide&Happiness-Comics zeigen wollte und er nur, den kenn ich schon. – – Das ist einfach sein Humor, ist mir später aufgefallen.“ „Welchen Comic? Also worum ging’s?“, hatte ich gerade verdrängt, dass Phil mir dermaßen auf die Nerven ging, weil er nicht mit mir feiern wollte – also Netflix gucken, kiffen und – naja, eben den üblichen Unsinn machen, den die Netflix – Marketing Agentur erfunden hat; aber jetzt musste er mich ja wieder an Phil zu erinnern. „In dem Comic kommt einer und meint: I just had makeup sex – – der Witz dabei ist, dass es sich dabei nicht um Sex handelt, den Leute haben um sich zu vertragen, sondern erfundener Sex ist, make-up-Sex – verstanden? Und dann siehst du einfach jemanden, der mit einer geschminkten Socke Sex hat.“, lacht er.

„Ich hab gerade richtig Lust zu tanzen, … komm, tanz mit mir.“ „Ich dachte, du kannst nicht tanzen.“, blockt er ab. „Natürlich KANN ich tanzen, ich wollte nur NIE.“, betone ich die richtigen Worte und wie um es ihm zu beweisen, drehe ich die Musik lauter und tanze wie Ellen Page in Umbrella Combany-Dingsbums tanzt, losgelöst und nur für mich.

„Du kannst ja wirklich tanzen.“ „Klar – komm, mach mit.“, will ich ihn vom Sofa ziehen und vergesse wohl total, dass er nicht benutzt werden will, um Phil zu vergessen. Er hat seine ganz eigenen Gefühle für mich und ich benutze ihn hier nur mal wieder, um mich abzulenken, deshalb höre ich schließlich auf zu tanzen und lasse mich neben ihm aufs Sofa fallen, jetzt genauso traurig und verletzt wie Jan irgendwie, aber was soll’s.

„Sollen wir jetzt die Lego-Star Wars Bausätze zusammenbauen? Fühle mich schon ein bisschen high, um ehrlich zu sein.“ „Wenn du willst.“, zucke ich nur die Schultern und hole beide Kartons heraus aus der Einkaufstüte, schon im Laden habe ich mich darüber aufgeregt, dass man für diese dutzenden Plastikteile 20 Euro bezahlst – haben die damals schon so viel gekostet? „Mein Gott, wir haben den ganzen Keller voll damit gehabt.“, hab ich Jan im Laden schief von der Seite angehauen und wollte sie gerade wieder zurück ins Regal stellen, bis er meinte, dass es doch lustig wäre die auf LSD zusammen zu bauen.

Eigentlich war ich auch da sauer, weil er meinte, wir können ja drei kaufen, wenn Phil gleich kommen sollte, wäre es doch eine super Idee, wenn jeder von uns einen Bausatz hätte; aber da hat mir Phil schon nicht mehr geantwortet, ob er kommt oder nicht kommt – und Erinnerungen kamen auf an meine erste Geburtstagsparty, wo ich ein Mädchen eingeladen hatte und Mutter kurz vorm Ende der Party hämisch meinte: „Wollte sie nicht noch vorbeikommen?“, dabei wusste sie ganz genau, dass die nicht mehr kommt.

„Someday you and i will fight forever! But for now i get to rock!“, fragt Jan gerade über die Musik, ob er sein Handywecker stellen soll, als Stoppuhr.

„Was?“, achso, der Contest. Ja, ja. Stimmt, wer als Erstes das Lego-Star Wars Set zusammen hat. „Machen wir ab Öffnen der Plastiktüte oder wenn jeder seine Teile draußen hat?“, fragt er, da habe ich schon einen großen Haufen gemacht. „Okay, also dann, wenn wir beide die Teile aus den Plastiktüten haben – mein Gott, ist dir schon mal aufgefallen, wie viel Plastik dafür verschwendet wird?“ „Naja, wenn sie uns getragene Hosen als Vintage verkaufen, kann der ganze Mist auch nicht weniger schlimm sein.“, zucke ich nur die Schultern und fange an ihn aus Langeweile zu piksen. „Hey, lass das.“, lacht er.

„Okay, wir können anfangen. Auf die Plätze, fertig. Los. – – Und wo gehört jetzt das Teil hin? – – Hast du was von mir? Ah, nein. Da ist ja das Teil. – – Warte, was? Du bist ja schon fertig.“, schaut er fassungslos rüber zu mir. „Hast du schon mal darüber nachgedacht, einfach die Regeln beiseite zu lassen und ohne Bauplan zu bauen?“, fragt er schließlich; weil ich in dieser Kategorie ungeschlagen bin. Und er hatte Recht Lego auf Drogen zu spielen ist eine super Idee. „Klar, die ganze Zeit über.“, lache ich.

„So lustig ist das auch nicht – der Witz wird so langsam schal.“ „Ja, ich weiß. Sorry.“, „So, und wie weit bin ich beim letzten Mal gekommen? Ich mein, die Legoteile, die du da hast und meine zusammen würden doch ein viel größeres Ding ergeben – gibst du mir mal deine Teile da?“ „man, what a crazy trip.“, kommt nur von Jan, dann reicht er mir die Teile. „Oh ja, das kannst du laut sagen.“, fange ich wieder an zu bauen.

„Ich muss nach Amerika.“ „Okay, Amerika ist groß. Wohin denn genau? Haben Sie schon einen Flug gebucht?“, entgegnet die Ticket-Fluggesellschaftsdame routiniert. „Ähm, nein – welcher Flieger ist denn der Nächste, der nach Amerika geht?“, frage ich wieder von diesen romantischen Komödien geblendet, das klappt im Fernsehen einfach besser. „Wieso wollen Sie wissen, welcher Flieger zuerst fliegt? Die USA sind ein großes Land, Sie müssen doch wissen, wohin Sie wollen.“, wird sie ungehalten und gleichzeitig glücklich, weil sie wohl endlich wieder ihre Machtposition ausleben kann, andere schikanieren und herum kommandieren kann, so fühlt es sich für mich jedenfalls an.

„Nach … ähm …“, was hatte sie nochmal am Telefon gesagt? Wo ist sie heute Abend auf einem Konzert? War das in … „Montreal.“ „Sir, Montreal liegt in Canada.“ „Dann … ähm …“, wo ist meine Nichte gerade? In Kalifornien? „Nach Florida?“ „Wissen Sie, wohin Sie wollen? Sie brauchen für die USA ein Visum und einen Passport und Sie scheinen mir nicht sehr vorbereitet zu sein.“, hat sie jetzt fast Mitleid mit mir. Am Nachbarschalter fragt eine Kundin, ob sie auch ohne Visum reisen kann. Der Schweiß hat mein schwarzes T-Shirt weiß gefleckt und die Jacke ist sowieso schon ramponiert und hatte ich nicht einen Koffer dabei? Fuck! „Was mache ich hier?“, sage ich zu mir selbst und zur Ticketschalter-Dame: „Man sagte mir, ich muss kein Visum vorzeigen.“ – oder hatte ich mir das Telefonat nur eingebildet?

„Sir, Sie brauchen ein Visum und die richtigen Dokumente; sonst kann ich Ihnen keinen Flug buchen.“ „Man sagte mir aber, ich brauch kein Visum.“, wiederhole ich völlig neben mir stehend, wie hypnotisiert. – – Wo ist mein Koffer? Hab ich den in Amsterdam gelassen? Hoffentlich kommt nichts weg. Vielleicht schicken sie mir ja den Koffer mit einer gehörigen Rechnung zu?

„Wer hat Ihnen das gesagt?“, fragt sie, beugt sich vor, fragt, ob es mir gut geht. „Gute Frage – das weiß ich nicht.“ „Welche Frage haben Sie jetzt beantwortet?“, geht sie nochmal auf Nummer sicher. „Tschuldigung, ich muss wohl schlecht geträumt haben.“, torkele ich vom Schalter zurück und wache neben meiner Schwester im Hotelzimmer auf.

„Ich brauche neue Klamotten.“ „Und was soll ich da jetzt machen? Dir welche aufs Zimmer bringen lassen?“ „Das wäre doch mal ein Anfang.“, lache ich. „Es muss ja kein Anzug sein – ein paar neue Hosen, T-Shirts, Socken und Unterhosen wären schon super. Meine Unterhosen haben schon so große Löcher, die sind schon fast nicht mehr existent.“, gehe ich aufs Klo. „Wie lange willst du denn bleiben?“, fragt sie durch die Tür. „Ein paar Tage, wenn das okay wäre?!“, wasche ich mir die Hände und: „Das Waschbecken ist ja wohl eine Fehlinvestition gewesen, oder? Also, der Architekt, der das gebaut hat, meine ich – entworfen.“ „Wieso meinst du das?“ „Guck doch mal, da kann man sich nicht mal richtig die Hände abwaschen drunter.“ „Ist mir noch nie so richtig aufgefallen.“, entgegnet sie und streckt ihren muskulösen Oberkörper, dass ihr schwarzes Top spannt, wirft sich dann das blonde Haar aus dem Gesicht und zieht ihre Sportschuhe aus. „Meinst du, wir müssen unten an der Rezeption Bescheid sagen, dass du ein paar Tage länger bleiben willst?“ „Wo ist denn das Handtuch?“, entgegne ich. „Ach, mir ist da gestern Abend ein Missgeschick mit dem Wein passiert. Das musste ich etwas zweckentfremden, um die Scherben aufzusammeln.“, gesteht sie und zieht ihr Top aus, wechselt zu Hemd und hohen Schuhen.

„Sollen wir gleich noch was essen gehen?“, fragt sie und zieht sich das Jackett an. „Ich muss zwar noch zu einem Vortrag, aber danach hätte ich Zeit für dich.“ „Ich kann erst raus, wenn ich neue Klamotten hab. Sorry, ansonsten fühle ich mich einfach underdresst.“ „Du meinst wohl gar-nicht-dresst.“, lacht sie. „Ha, ha – sehr witzig.“

Ich wusste nicht, dass sich einmal einen runter holen zu polnischen Pornos umstimmen kann, ob man sich jetzt mit einer Glasscherbe die Pulsadern aufschlitzt oder nicht – erst mal nicht. Weil es wahrscheinlich zu viel Krach macht; aber so weiter leben wie bisher will ich auch nicht. Aber ich werde keinen anderen Namen oder keine andere Identität annehmen, ich werde mir keinen verdammten Reisepass besorgen. Entweder jeder soll wissen, dass ich in die USA abhaue, weil mich hier nichts mehr hält und ich da gebraucht und gewollt bin/war/gewesen bin/immer noch bin (?) oder ich überschreite nicht diese Grenze. Ja, ich will über dem System stehen! Ich hol mir keinen Papierfetzen, um in ein scheiß Flugzeug zu steigen!

„Weißt du eigentlich, was gerade los ist? – – Auf jedem Nachrichtensender reden die davon, dass du wie ein Wahnsinniger Amok gelaufen bist am Flughafen!!“, ruft mich meine Frau an. „WEIßT DU eigentlich, wie verletzend es war, dass du groß rumgetönt hast, dass du mit meinem Freund geschlafen hast? – – Und das eine Mal, als du gesagt hast, dass du es bereust in der Kneipe gefeiert zu haben und auf mich angestoßen hast? Nur weil ich mir von einer Radiomoderatorin einen runter geholt gelassen habe? Das war verletzend, wie ein Messer in der Brust! Ich weiß nicht, ob es anders gelaufen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass die halbe Welt zuhört – ich glaube nicht. Und das ist das Schlimme, aber meine Güte! Ich war scharf auf ihre Gedanken, ich war scharf darauf wie sie spricht, ich war scharf auf sie; da war Feuer zwischen uns, das kann doch niemand leugnen. Das einzig Falsche war doch nur, dass all die Leute mit ihren Erwartungen kamen und uns einreden wollten, was geht und was nicht geht. Ich entschuldige mich, wenn ich der Radiomoderatorin damit die Karriere torpediert habe, irgendwem zu nahe getreten bin, aber … nein, nichts aber! Das war’s! Alles andere habe ich genossen.“

„Was? Guck doch nicht so. Wenn du ein Kind jahrelang zu Experimenten quälst, die es nicht will und ein Nein überhört wird, überstimmt wird, weil die einfach stärker sind und dein Körper nicht dagegen ankommt, dann noch von einem Priester, von der Elterngeneration gesagt bekommst, dass du nicht Jeden lieben darfst, dann bin ich nun mal kaputt!!!! Verdammt!!! – – Also, es tut mir leid, wenn ich Probleme habe Grenzen zu verstehen. Du musst mich einfach nur darauf hinweisen, wenn ich dir zu nahe komme, wenn du es nicht willst. – – Ja? Geht das? Gott, es tut mir leid.“

„Sag doch was! – – Ich komme mir vor wie ein Monster. Wie ein großer Trottel, dabei bin ich … ach … scheiße.“, fange ich an zu weinen. „Und warum kann man nicht überall das Wasser aus dem Wasserhahn trinken? Das passt doch nicht zusammen.“, werfe ich das Smartphone in die Zimmerecke, kauere mich zusammen.

Was für eine Show, eh? Bereit für das Finale? Ich hoffe einfach, ich wache nicht wieder zu diesem Traum auf, sondern habe meine Ruhe – ihr werdet sie auch finden. Ich habe mich entschieden.

Sorry, ich hab keine Lust mehr. Goodbye. Wie oft habe ich das jetzt eigentlich schon gemacht? Falls irgendwer fragt, der Fernseher, Netflix und die Musik aus meinem MP3-Player haben mich beeinflusst – es nicht zu tun. Warum tut das trotzdem so weh? Warum sagt mir niemand, wie weh das tut sich mit einer Glasscherbe die Pulsadern aufzuschneiden? Dann hätte ich das doch getan, als ich noch betrunken war; verdammt. Warum tut es so weh sich das Leben zu nehmen? Sollte es nicht erlösend sein? Und warum kann ich nicht aufhören zu schreiben? Sollte ich nicht mittlerweile den Stift … ach, wie ich mich kenne, werde ich noch schreiben, wenn mich die Sanitäter in den Leichenwagen schleppen.

Super; mit ’ner angeritzten Pulsader kann ich auch schlecht zur Rezeption gehen und nach noch einer Flasche Wein fragen. Oder auschecken. Oder nach Hause. Was soll ich auch sagen; oh, ich hab meine Tasche mit all den Sachen in Amsterdam gelassen, weil ich auf einem crazy Trip war, auf einer Wiederholungsschleife, destined war das alles nochmal durchzumachen; eigentlich einen Flieger nach Amerika besteigen sollte, mich aber erinnern wollte; dafür wieder mal durch die Hölle ging – – so oft wahrscheinlich schon wie Passmann hintereinander 25 Jahre alt ist.

Oh, die einzige Sache, die sich geändert hat, abgesehen von den Musikern, die mir wieder beim Pulsadern-Aufschlitzen über die Schulter geguckt haben und in Songs protestierten, den Netflix-Schauspielern, die mich auf meinem Trip betreut haben wie Therapeuten und Bela B., der für das Hotelzimmer bezahlen wollte, Bojack, der mir ein Business-Upgrade für den Flug besorgt hat – – ich habe diesmal meine Tasche nicht dabei, sondern in Amsterdam gelassen; aber auch wieder tiefe Kratzer am Arm, weil ich mich schon wieder umbringen wollte.

„Und … ähm …?“ „Ja, ich weiß auch nicht, warum ich Bodyguards habe, mir aber kein Hotelzimmer leisten kann.“, zucke ich nur die Schultern.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

Kommentar verfassen