The Great Dictator

„Glaubst du das, gerade hätte ich wieder fast jemanden mit meinem Fahrrad umgefahren – mein Gott, können die nicht mal aufpassen; wenn ich schon klingele, dann sollen sie wenigstens Platz machen und nicht in den Weg springen.“ „Ich versteh das auch nie, wenn ich mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig fahre und klingele, sie dann immer panisch in meine Fahrbahn springen müssen – deshalb klingele ich schon gar nicht mehr und hoffe einfach, dass ich sie nicht zu sehr erschrecke, wenn ich an ihnen vorbei fahre.“, werfe ich meinen Fahrradhelm neben ihm aufs Sofa und mache hinter Flo die Tür zu.

„Flo kennst du ja, oder?“, stelle ich beide vor, sie geben sich die Hand, dann steht Flo ein bisschen ahnungslos in der Gegend rum und wartet wohl darauf, dass ihm jemand einen Sitzplatz anbietet. „Hast du schon von dem Blogger gehört, den sie letztens freigelassen haben?“, setze ich mich auf den freien Sessel. „Meinst du den in Venezuela oder den in der Türkei oder den in …“, fängt unser Gastgeber an aufzulisten. „Keine Ahnung, auf jeden Fall haben sie ihn freigelassen und ich weiß nicht warum, aber jedes Mal, wenn ich sowas höre, wünsche ich mir, dass ich auch mal gefangen genommen werden würde.“ „Ja, oder? Das ist so seltsam; keine Ahnung woher diese toxic masculinity kommt, aber wenn ich mir so Geschichten von Hemingway anhöre, dass er im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat oder von Roosevelt, der während seiner Rede angeschossen wurde, nur das Manuskript zu seiner Rede und ein Brillenetui hat den Schuss abgefangen, dann möchte ich den Scheiß auch erleben und durchmachen. – – Da werde ich wirklich neidisch.“, räumt er nun den Fahrradhelm zur Seite, sodass Flo sich nun einfach neben unseren Gastgeber auf das Sofa setzt.

„Was guckst du denn da?“, bringt Flo nun die ersten Worte heraus. „Hab nur mal durchgeschaltet, irgendwie läuft gerade nichts im Fernsehen.“ „Es läuft doch gerade Rome – diese coole HBO-Serie, oder?“, mache ich einen Vorschlag. „Ja, ist aber nicht so ganz historisch korrekt, wie sie uns gerne weismachen wollen.“, hat Flo seine Stimme wiedergefunden. „Ist doch immer so, dass der Gewinner die Geschichte schreibt; was ist davon Propaganda und was ist davon damals wirklich passiert? – – Können wir heute auf jeden Fall nicht mehr genau sagen.“, schaltet unser Gastgeber durch die Sender: „Und dies ist das achte und letzte Mal, dass wir das große Backen …“, „Willkommen zu Welt der Wunder …“, „Soldiers! Don’t give yourselves to brutes – men who despise you and enslave you – who regiment your lives – tell you what to do – what to think and what to feel!“

„Halt! Bleib doch mal bei dem gerade!“, zeigt Flo nur auf den Fernseher. „Was? Du willst The Great Dicatator gucken? – – Na gut.“, schaltet er wieder zurück. „Don’t give yourselves to these unnatural men – machine men with machine minds and machine hearts! You are not machines! You are not cattle! You are men! You have the love of humanity in your hearts. You don’t hate, only the unloved hate – the unloved and the unnatural! Soldiers! Don’t fight for slavery! Fight for liberty! In the seventeenth chapter of St Luke, it is written the kingdom of God is within man not one man nor a group of men, but in all men! In you! You, the people, have the power – the power to create machines. The power to create happiness! You, the people, have the power to make this life free and beautiful – to make this life a wonderful adventure.“

„Ich hab mich immer schon gefragt, warum die Massen Hitler damals in Scharen hinterher gelaufen sind; – wenn er solche Reden schreiben konnte, kein Wunder, dass halb Europa ihm in den Tod gefolgt ist, wenn er seine Karriere so begonnen hat.“ „Ähm, du weißt schon, dass das Charlie Chaplins Version von Hitler ist, oder?“, macht er nun den Fernseher leiser, ich kann mir das Lachen kaum verkneifen, versuche ohne ins Lachen auszubrechen zu erzählen: „Apropos Hitler. – – Ich hab letztens eine Doku gesehen, wo es darum ging, dass sie jetzt wohl eine Bilderflut von Hitlers Gemälden auf Auktionen haben – mega witzig, wenn du dir das mal gibst. Hitler hat wohl in seiner aktiven Laufbahn als Maler an die 90 Gemälde gemalt, die meisten davon hat die Nazi-Partei damals eingesammelt und verschwinden lassen, aber auf Auktionen gibt es nun an die 1200 Gemälde und mehr; dass würde heißen, dass Hitler in seiner aktiven Zeit als Maler jeden dritten Tag ein Gemälde gemalt haben müsste – schon witzig für jemanden, der angeblich ein fauler und antriebsloser Maler war.“ „Es gab da mal diesen Film auf Netflix über diesen Kunstfälscher, der einfach angefangen hatte Werke im Stil von berühmten Malern zu malen, also nicht dupliziert hat, sondern einfach mehr Gemälde in deren Stil und die dann verkauft hat, bis der Krieg kam und ihm das Geschäft versaut hat.“, erzählt Flo wie geistesabwesend. „Mir fällt gerade nur nicht mehr ein, wie der Film heißt.“

„Was? Was ist los mit dir? Dachtest du wirklich, dass das ein korrektes Bild von Hitler ist?“, zeigt unser Gastgeber schließlich auf den Fernseher. „Nein, … also … nein, natürlich nicht …“, stammelt Flo nur. „Aber ja, aber nein, aber Ja, aber Nein – ich hab nur, weil und dann hat die Cousine meiner Nachbarin gesagt, dass sie geträumt hat, dass ihr Bruder.“, macht unser Gastgeber Matt Lucas nach, dass ich mir nun wirklich nicht das Lachen verkneifen kann und laut loslache, schließlich Husten muss vom vielen Lachen. „In der Dokumentation haben sie übrigens auch gesagt, dass Hitler mit seinen legalen Kunstankäufen vor dem Krieg und während des Kriegs wohl einen großen Beitrag zum heutigen Bestand der Museen geleistet hat.“, huste ich immer noch. „Naja, was ist schon zu der Zeit legal und was illegal gewesen?“, zuckt unser Gastgeber mit den Schultern. „Also, was durch Enteignung und was mit enteigneten Geldern beschaffen worden ist, meinst du wohl; aber das kannst du heute ja nicht mehr nachweisen.“, erklärt er genauer und schaltet wieder um, diesmal auf Rome, wo Caeser seinen Triumph feiert und dafür den gallischen Vercingetorix durch die Stadt treibt.

„Weißt du, dass bei so Siegesprozessionen eigentlich immer ein Sklave hinter den siegreichen Feldherren stand und ihnen ins Ohr geflüstert hat: Du bist kein Gott.“ „Sicher, dass es Du bist kein Gott war?“, frage ich Flo nochmal. „Ach, komm. – – Heutzutage ist es doch immer schwer die Geschehnisse von damals richtig in der Geschichte einzuordnen, ohne selbst irgendwelche Motivationen mitzubringen – wir haben meist nur noch lückenhafte Aufzeichnungen und können nur von da aus versuchen die Ereignisse von damals zu konstruieren.“, schaltet unser Gastgeber wieder um. „Aber gibt es im Falle Hitlers nicht die Spiegel-Tagebücher?“, fragt Flo. „Du meinst diesen Skandal von damals mit den Stern-Tagebüchern? Das war doch nur eine groß angelegte Fälschung.“, korrigiert ihn unser Gastgeber nochmal und fragt schließlich, ob irgendwer von uns was trinken möchte.

Kurzgeschichte

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