Stadtbibliothek – Nacht der Bibliotheken

„Ich habe mich ehrlich gesagt nicht vorbereitet – gerade habe ich noch einen Witz gemacht, dass …“ „Oh, also diesmal sogar ein Witz, den wir alle nicht gehört haben, weil wir zu spät waren?“, unterbricht mich einer der Lesungsgäste, der bis zum Schluss geblieben ist. „Nein, vorhin im Backstage-Bereich – da meinte ich zu den anderen Autoren, ich habe mich heute Morgen ausnahmsweise mal rasiert, dass war meine einzige Vorbereitung auf den heutigen Abend und jetzt gerade bereue ich es doch ein bisschen, denn ich bin etwas aus der Übung.“

„Ach, iwo – ich fand es bemerkenswert mit was für einer Inbrunst du vorgetragen hast – ich wusste nicht, an welcher Stelle ich applaudieren sollte, deshalb, ansonsten hätte ich früher und öfter applaudiert.“ „Ich wusste auch nie, wann ich applaudieren sollte, deshalb hab ich immer erst mit diesem Dumbledore-Applaus angefangen und gehofft, irgendwer steigt daraufhin ein und alle fangen an zu applaudieren, was dann ja auch geschehen ist.“, unterhalten sich die zwei, während der Ältere immer noch geflasht ist von den Texten, die ich vorgetragen habe – ein paar Minuten später albert er aber schon wieder mit den anderen Beiden rum und will ein signiertes Buch, ein Selfie mit mir und lädt uns später noch auf ein Bier ein, was gut ist, denn nach Lesungen falle ich generell immer in so ein Loch, dass ich nicht mehr weiß, was ich hier eigentlich noch mache – dafür kann man natürlich nicht außer Übung sein, denke ich mir noch resignierend.

„Also ich fand die zweite Hälfte der Lesung komplett anders.“, zieht sich der Dumbledore-Applaus-Typ seine Jacke an. „In der ersten Hälfte habe ich halt drei Geschichten vorgelesen über die gute, alte Zeit der Partys, des Whiskeys und der Frauen und jetzt gerade eben andere.“, packe ich die vielen unverkauften Bücher wieder ein und frage mich immer noch, wieso die eine aus dem Publikum zu dem Schluss kam, dass Frauen in meinen Geschichten nicht gut wegkommen – ich gebe mir immer Mühe sie ehrlich zu porträtieren und wenn sie wirklich in den ersten drei Texten von mir schlecht wegkamen, dann, weil mir die Frauen darin zu der Zeit wohl einfach ziemlich auf den Sack gingen – in der ersten Hälfte las ich Die übliche Ablenkung, Das Leben ist eine Party und du gehst nicht hin und noch einen dritten Text.

„… eben andere? Aha. Also ich fand, dass ging dir schon ziemlich Nahe. – – Man hat gemerkt, dass du da was aus deinem Innersten preisgibst – das kam von hier.“, tippt er mir auf die Brust; da, wo mein Herz seiner Meinung nach liegt – dabei habe ich komplett improvisiert.

Ich hatte mir zwar für vorherige Lesungen Post-Its bei interessanten Texten ins Buch geklebt; – mein Buch siehst übrigens so herunter gekommen aus, dass eine andere Autorin, die über die Suche ihrer wahren Familie geschrieben hat, schon beeindruckt meinte, dass sie froh wäre, wenn ihr Buch mal so von Lesungen verschlissen wäre; – aber wie gesagt, ich hatte nie einen Plan für Lesungen, nur interessante Texte und habe heute auch keinen Plan für die Lesung gehabt und fing im zweiten Teil einfach wild mit Where I’ve been an, ging dann über zu Lass uns ein Schiff bauen und zum krönenden Abschluss las ich noch Kolumne, authentisch #1.

„Und das Buch hast du selbst gestaltet?“, wendet der Ältere es hin und her und legt den Kopf schief beim Überfliegen des Klappentextes: „Stefan Schürrer ist zur Zeit einer der bekanntesten Blogger im deutschsprachigen Raum – ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?“ „Naja, ich wollte erst einer der bekanntesten Schriftsteller im deutschsprachigen Raum schreiben, – also nein, würde ich nicht sagen.“, gestehe ich. „Jemand hat mich beraten und umgestimmt.“, ergänze ich.

„Also hat dir jemand beim Klappentext geholfen?“, fragt einer der Jüngeren nach. „Naja, jemand hat mich beraten und umgestimmt.“ „Also hat dir jemand dabei geholfen.“ „Ja, ein Studienfreund, der gute Jan, hat mir damals beim Formulieren des Klappentextes geholfen – so, jetzt brauch ich aber erst mal ein Bier.“, sonst streike ich hier – lache ich dümmlich über meinen eigenen Witz. „War ja auch anstrengend.“, stimmt mir einer der Beiden zu. „Und du traust dich einfach so auf die Bühne zu gehen und vorzulesen? – – Also, Hut ab; ich hätte mich das nicht getraut.“, fängt der Ältere an. „Naja, ich brauchte ja auch ein bisschen, um wieder reinzukommen; habt ihr ja selbst wahrscheinlich gemerkt. Beim ersten Text war ich noch sehr nervös und war viel zu schnell, sodass ihr das wahrscheinlich gar nicht richtig verarbeiten konntet.“ „Also ich fand’s jetzt gerade super.“, meint der Ältere, der nur zur zweiten Hälfe dazu gekommen war. „Dass du das einfach so kannst, finde ich schon beeindruckend.“

„Naja, ist wie Training, also wie Fahrradfahren meine ich; sowas verlernt man nicht, wenn man sowas schon von klein auf gemacht hat; ich brauchte nur wieder ein bisschen, um rein zu kommen, mir fehlt einfach das Training, meinte ich. Ich merke, ich bin doch etwas eingerostet – – aber jetzt brauche ich wirklich erstmal ein Bier, um meine Nerven zu beruhigen.“, werfe ich mir meine Jacke über und schleppe den schweren Bücherstapel wohl wieder mit mir herum – ich weiß auch nicht, warum ich dachte, dass mehr Leute das Buch kaufen würden, wenn es doch schon in der Bibliothek auszuleihen ist.

Ich müsste mal überprüfen, ob wenigstens die Bibliothek mittlerweile das Geld überwiesen hat für das Ausleihexemplar, mache ich mir eine geistige Notiz und gehe die ganzen Fragen durch, die gestellt wurden und ob ich auch keine dummen Antworten gegeben habe, mich vielleicht auf irgendeine Art und Weise blamiert habe; aber ich habe mich, glaube ich, gut geschlagen – während die anderen beim Bier trinken über die Studienmöglichkeiten in Rheine reden und dass es jetzt eine Universitätsstadt werden kann, man muss nur die Studienmöglichkeiten ausweiten, den Studenten Wohnraum zur Verfügung stellen, dann entwickelt sich auch endlich wieder mehr kulturelle Abwechslung unter der Woche – so würden unter der Woche die Bürgersteige um 22 Uhr hochgeklappt und Rheine zu einer Geisterstadt; zwar gebe es etliche Dinge für ältere Menschen wie Cafés und dergleichen, aber für Jugendliche sei ja nicht mehr so viel; jetzt, wo die zwei Diskotheken geschlossen haben und bla bla bla …

Die Frage, wie ich meine Blogposts schreibe und ob sich die Arbeit an meinen Manuskripten unterscheiden würde, habe ich wohl ganz gut hinbekommen. Ich habe irgendwas über Blogschreiben sei ein 100 Meter Sprint und ein Manuskript schreiben eben ein Marathon-Lauf; da bräuchte der Sportler an sich auch eine ganz andere Physiologie und so sei es eben auch beim Schreiben; einen Blogpost kann ich auch mal eben so aus dem Stegreif herunter schreiben, bei einem Manuskript ist das Zeitaufwendigste zu entscheiden, welche Erzählstränge heraus gestrichen werden, gekürzt werden können oder ausgebaut werden müssen, um eine Geschichte gut zu erzählen und jetzt reden sie wieder über die verschiedenen Biersorten, die das Café anzubieten hat und über den Lehrermangel und dass sie jetzt schon alte Lehrer fragen wieder einzuspringen, die dann mit 10 Prozent mehr Gehalt arbeiten und über die Option der Seiteneinsteiger und dass die das dann aber erst mal schaffen müssen nach einem Crashkurs in Pädagogik und ich werfe nur wieder an der falschen Stelle ein: „Das müssen dann aber auch die Kinder ertragen – man muss das Problem nicht nur aus der Lehrerperspektive betrachten.“

Und auch sonst bin ich völlig fehl am Platz und wie aus der Zeit gefallen, frage mich, was ich hier eigentlich noch mache und wünschte irgendwie, ich könnte mich einfach in Luft auflösen – zu meinen Lesungen kommen nur eine Handvoll Leute, meine Bücher bekomme ich nicht verkauft, mein Umfeld scheint wie in der Zeit festgefahren und ich deshalb in einem ewig währenden Kreislauf der Wiederholungen, dass ich mir das alles irgendwie nicht mehr antun möchte und am Liebsten einfach – puff und weg bin ich.

„Alles okay mit dir?“, stößt einer der beiden Jüngeren mit mir an, als wir alleine sind. „Ich glaube, ich kann nur noch ein Kunststück vorführen; zu mehr reicht meine Zauberkraft nicht mehr – wie klingt das, so für den Anfang einer neuen Geschichte?“

Kurzgeschichte

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