Sherlock Holmes und die Waschküche

„Also, Sie wollen von mir, dass ich den Mord an ihrer Frau aufkläre, auch wenn Sie ihn offensichtlich selbst geplant und in Auftrag gegeben haben? – – Warum? Um als Tatverdächtiger auszuscheiden? Um vorzugaukeln, dass Sie alles in ihrer Macht stehende getan haben? Um ohne schlechtes Gewissen einzuschlafen? – – Was auch immer es war, es wird Ihnen nicht weiter helfen.“

Bevor John etwas dazu sagen kann, klopft es nur kurz an der Tür und schon steht Mrs. Hudson im Zimmer, wirkt ein wenig überrascht darüber, dass Sherlock mit einem Kunden im Zimmer sitzt. „Mrs. Hudson!“, springt Sherlock auf, fast wirkt es so, als wolle er sie mit beiden Händen am Kragen packen und wieder aus dem Zimmer werfen. „Wie oft muss ich Ihnen eigentlich sagen, dass ich nicht Ihre Haushaltshilfe bin! Ich räume nicht mehr hinter Ihnen her! Damit das klar ist, das ist nicht meine Aufgabe!“, hält Mrs. Hudson dagegen und wirft einfach den dreckigen Wäscheberg ins Zimmer, den Sherlock wohl wieder einmal in der Waschküche liegen gelassen hat, in der Hoffnung, dass Mrs. Hudson ihn anstandslos mit waschen wird.

„Mrs. Hudson! Sie sehen doch, dass ich hier gerade mit Kundschaft sitze – können Sie vielleicht in einer halben Stunde wiederkommen?“, entgegnet Sherlock nun etwas zurückhaltend. „Ich wusste nicht, dass Sie gerade arbeiten, Sherlock; aber Sie halten mich auch von der Arbeit ab, wenn ich jedes Mal zu Ihnen rauf kommen muss und Ihnen sagen muss, dass ich nicht ihre Wäsche mit wasche. – – Wann lernen Sie es endlich, Sherlock?!“

„Und Sie halten mich von der Arbeit ab, wenn Sie hier herein …“, aber Mrs. Hudson wirft die Tür schon wieder zu und marschiert die Treppe herunter, sodass sein Einwand nicht gehört wird. „Ähm, Sherlock.“ „Ja, John – ich weiß, ich weiß. – – Also, wo waren wir?“ „Sie wollten ihre Wäsche waschen?“, entgegnet der Kunde von dieser kurzen Unterbrechung völlig durcheinander gebracht. „Soll ich Inspector Lestrade anrufen?“, kramt John routiniert sein Smartphone heraus und fängt schon mal an zu wählen. „Manchmal kannst du aber auch wirklich ein ganz schönes Arschloch sein, Sherlock.“, klingelt es am anderen Ende der Leitung.

„Ich dachte, dass hätten wir schon geklärt, John – ich bin kein Arschloch; ich habe nur einen unglücklichen Spürsinn für die Erwartungen meiner Mitmenschen gepaart mit einer großen Unverträglichkeit für deren Blödsinn; dass macht mich noch lange nicht zu einem Arschloch.“ „Ich rede von Mrs. Hudson. – – Ja, guten Tag Inspector Lestrade. Es wäre nett, wenn Sie einen Einsatzwagen vorbei schicken würden, um einen Tatverdächtigen in Gewahrsam zu nehmen.“

„So dürfen Sie sich wirklich nicht gegenüber Ihrer Haushaltshilfe verhalten – einfach die Wäsche dazu legen, das geht nicht.“, mischt sich der Kunde wieder ein. „Sie ist nicht meine Haushaltshilfe.“, entgegnet Sherlock nur und lässt sich wieder in seinen schweren Ohrensessel fallen. „Sie ist viel mehr als das.“ „Und warum können Sie ihr sowas nicht mal ins Gesicht sagen? Das würde Mrs. Hudson wahrscheinlich, wenigstens für einen Moment, sehr glücklich machen.“, hat John aufgelegt und fragt den Kunden nun, ob er noch etwas Tee möchte, solange er auf die Polizei wartet.

„Weil ich sowas nicht kann. Täglich kommt die unterschiedlichste Kundschaft mit ihren Problemen hier herein, zwischendurch unterhalte ich mich mit den führenden Wissenschaftlern des Landes z.B. über die Zukunft der Robotik oder zum Zeitvertreib mit Priestern über die Auslegung der Bibel, Gelehrte aus der ganzen Welt fragen mich um meine Meinung bei den kompliziertesten Sachverhalten; ich lege mich mit den größten Verbrechern in der Weltgeschichte an, dabei ahnen sie alle nicht, dass ich es nicht schaffe meiner Mrs. Hudson zu sagen wie unentbehrlich sie ist.“

„Sherlock? – – Meinten Sie das gerade ernst?“, steht Mrs. Hudson in der Tür, begleitet von zwei Streifenpolizisten, die wohl gerade in der Nähe waren und deshalb so schnell auf Inspector Lestrades Einsatzruf antworten konnten.

Kurzgeschichte

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