The last call

Ein Krachen. Ein Wummern. Dann ein Knall. Und eine Tür öffnet sich.

„Scheiße, ich dachte, dass hätte ich jetzt endlich hinter mir – wieso passiert mir sowas noch? Ich dachte, ich hätte meine Pflicht getan. – – Wer ist denn jetzt schon wieder in Not und braucht meine fachmännische Meinung?“, stolpere ich aus der Kiste, die schief und schräg im Dachstuhl hängt und falle dabei wortwörtlich auf die Nase, nicht nur sprichwörtlich, sondern wirklich wortwörtlich und kann gerade noch so meine Arme hoch nehmen, um ernste Verletzungen im Gesicht zu verhindern.

„Aua! – – Scheiß Dreck!“, fluche ich deshalb und stehe unter großem Stöhnen wieder auf, schaue mich um und schaue in erstaunte Gesichter: „Was denn? Hä? Will irgendwer zuerst? Also, was kann ich für euch tun, hä? – – Was denn jetzt?“

„Ähm, wir … ähm …“, stottert der Erste. „Was? Was wollt ihr?“, grummele ich und schaue von einem zum Anderen; noch fast Teenager, Kinder fast, die mir hier gegenüberstehen. So müssen sich also Pokemon fühlen, wenn sie aus ihrem Pokeball geschmissen werden, um urplötzlich irgendwelche Kämpfe zu bestreiten; arme Schweine. „Also, was wollt ihr von mir?“, frage ich noch einmal in die kleine Runde und suche meinen Flachmann in meinem weiten Umhang, in der Hoffnung, er hat den Sturz überlebt und die Pfütze auf dem Boden ist wirklich nur Regenwasser, dass ich aus London und dem dortigen, tosenden Unwetter mitgebracht habe.

„Bist du ein Timelord?“ „Warum? Weil ich aus einer Kiste komme?“, finde ich schließlich den Flachmann in meiner Jackeninnentasche und muss enttäuscht feststellen, dass dieser nach kurzem Schütteltest leer ist. „Okay, ich möchte einmal ein paar Dinge klar stellen – ihr habt mich gerufen. Ihr wolltet mich hier. Ihr braucht mich hier – also bitte, bitte akzeptiert, dass ich nun hier bin. Und ich bin ich. Ich bin kein Timelord. Ich bin nicht Doctor Who oder Torchwood oder dergleichen, nur weil ich aus einer scheiß Kiste komme – ich wäre wirklich froh, wenn ihr eure Erwartungen einfach über Bord werfen könntet, weil – nunja, wir sind gerade nicht auf einem Schiff, wo ihr eure Erwartungen über Bord werfen könntet, aber ihr versteht schon, was ich meine, oder? Ihr seht nämlich nicht so aus, als würdet ihr nicht verstehen, warum ich hier bin. – – Ihr habt mich schließlich gerufen; oder sollte ich sagen, eurer Unterbewusstsein hat mich hier her gebracht, weil ihr tief in eurem Inneren wusstet, dass ihr diese Nacht nicht ohne mich überstehen werdet. Und deshalb bin ich jetzt hier – ich weiß doch auch nicht, wie der ganze Kram im Detail funktioniert. Auch wenn ich keinerlei Ahnung habe, wogegen ihr ankämpft oder was euch beschäftigt, bin ich jetzt hier um zu helfen. Also, wie kann ich euch helfen?“, werfe ich schließlich meinen Flachmann in die Kiste zurück, die nun nur noch gerade mal so groß ist, dass ein dutzend Bücher hinein passen, richte meinen Kragen und straffe meinen Mantel.

„Wow.“, kann einer der Teenager nur erwidern. „Your velvet words are so misleading Wrapped up in layers of gauze to keep from sleeping How many? How many were taken by your charm?“, höre ich es nun aus einem Radio ein Stockwerk tiefer dröhnen, ansonsten kann man die Stille im Raum fast sprichwörtlich entzwei schneiden; wenn ich ein Messer dabei gehabt hätte, hätte ich aber wahrscheinlich diesen unsichtbaren, kaum spürbaren Draht der übernatürlichen Verbundenheit zwischen mir und den Teenagern im Raum gekappt – soviel ist sicher.

Aber da das Ganze so nun mal nicht funktioniert – glaubt mir, ich habe es mehr als einmal ausprobiert – versuche ich wenigstens das Beste aus der Situation zu machen. „Wenigstens einen guten Musikgeschmack habt ihr.“, ergreife ich wieder das Wort, weil wir uns sonst wohl ewig so weiter angeschwiegen hätten. „Susan? Susan!?“, hallt es nun aber bestimmend aus dem Stockwerk tiefer herauf. „Susan, was habe ich gesagt über den Dachboden? Der Dachboden ist T A B U!“ „Oh, netten Dutt haben Sie.“, stecke ich meinen Kopf die Dachbodentreppe herunter.

„Ähm, äh, danke – der … ähm … Dutt ist nicht gerade meine bevorzugte Frisur, aber bei der Arbeit nun mal praktischer; aber darf ich fragen, wer Sie sind?“ „Natürlich dürfen Sie das; Sie dürfen nur keine Antwort erwarten.“, zwinkere ich ihr zu und lasse mich neben sie fallen, diesmal sogar mit den Füßen zuerst, sodass ich neben ihr zum Stehen komme, als Susans Mutter wieder die Dachbodentreppe herauf ruft: „Susan!!! Susan?!? – – Wer ist denn dein gutaussehender, charmanter Freund hier?“

Sie zwingt die Teenager so nun auch einer nach dem Anderen nach unten in den Flur. „Also Mama, ich kann das erklären.“, fängt Susan an nach einer Erklärung zu suchen, während ihre beiden Freunde wild durcheinander reden: „Miss Monday, wir haben nur.“, „Also, wir haben nur versucht.“, „Und dann.“, „Wir wissen auch nicht, wie die Kiste.“, „Sie kam aus dem Nichts.“, „Ich schwöre, Mama – wir haben nichts angefasst.“, versucht Susan die Situation zu retten, aber Miss Monday wusste wahrscheinlich schon beim ersten Krachen und Wummern und Knall, der vom Dachboden kam, dass sich ihre Tochter und ihre Freunde an ihren alten Tagebüchern vergangen hatten – irgendwann musste dieser Zeitpunkt ja kommen; rückblickend betrachtet war es vielleicht keine gute Idee gewesen ihre Doctor Who Fan-Fiction, ihre Tagebücher und alten VHS-Kassetten in derselben Familienerbstückkiste mit den Zaubersprüchen drauf aufzubewahren, die angeblich von Generation zu Generation weitergegeben wurde und von Magie nur so strotzen sollte – richtig überzeugt war Miss Monday nie von diesem Humbug; nunja, bis jetzt.

Kurzgeschichte

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