Dancing With a Stranger

„Wenn du noch mehr direkt aus dem Topf isst, statt dir einen Teller zu holen, kannst du auch gleich den ganzen Topf essen, denn dann braucht keiner mehr mitessen.“, schimpft er schon wieder mit mir, als er zum Rauchen auf den Balkon geht.

„Jaja, schon gut.“, schlurfe ich – vielleicht habe ich so langsam mein Besuchsrecht überreizt, überlege ich – verschlafen ins Wohnzimmer zurück, wo Jan sich immer noch AOE-Youtube-Videos anguckt und Daniel vor dem Fernseher die Sendung mit dem Elefanten ziemlich gespannt verfolgt. „Und heute, liebe Kinder, werden wir mal gemeinsam herausfinden, was der Fernsehrat eigentlich so macht.“ „Was für ein seltsames Thema für eine Kindersendung.“, lasse ich mich neben Daniel auf dem Sofa fallen.

„Ich saß gerade wohl auf der Fernbedienung und habe ausversehen diese seltsame Sendung mit dem Elefanten-Folge eingeschaltet. Ich weiß gar nicht mal auf welchem Programm die läuft – und umschalten funktioniert auch nicht mehr.“, erklärt Daniel fassungslos, zuckt aber nur die Schultern und legt die Fernbedienung zur Seite, während die eine Handpuppe, ein Erdmännchen, den Elefanten fragt, was denn so ein Fernsehrat macht.

„Eine gute Frage; der Fernsehrat überwacht die Einhaltung der Programmrichtlinien bzw. der im Rundfunkstaatsvertrag aufgestellten Grundsätze.“ „Also eigentlich eine gute Sache?“, fragt die Erdmännchenpuppe. „Eigentlich schon; es ist nur doof, wenn sich Sendungen mit Kritik zurückhalten müssen, weil sich einzelne Ratsmitglieder beleidigt fühlen könnten oder wenn sich einzelne Künstler mit Programmvorschlägen zurückhalten müssen, weil die Wahl des neuen Intendanten bevorsteht und man deshalb lieber verhindern will, dass sich einige Mitglieder auf den Schlips getreten fühlen.“ „Oh, dass war jetzt aber viel auf einmal.“, hält sich die Erdmännchenfigur überfordert den Kopf und taumelt über den Bildschirm.

„Nun, um es vereinfacht zu sagen: Sie bestimmen das Programm.“ „Das ist jetzt aber sehr vereinfacht gesagt.“, fängt das Erdmännchen an zu verstehen. „Ja, wie bei allen Instituten und Organen in unserem Staat ist es in Friedenszeiten und mit engagierten Menschen eine gute Sache; schlimm wird es nur, wenn man diese Organe missbraucht.“, fasst der Elefant nochmal für das Publikum zusammen. „Was für ein seltsames Fernsehprogramm.“, schüttelt Jan nur den Kopf und schaut mittlerweile ebenfalls zu, lacht die meiste Zeit nur. „Ja, ne? – – Völlig absurd sowas Kindern zu vermitteln.“ „Ich fühle mich wie in einer Folge Twilight-Zone.“, kommt von Daniel. „Oder wie diese Simpsons-Folge, wo sie diesen japanischen Cartoon gucken und alle epileptische Anfälle kriegen.“ „Oder diese Kröte in Futurama, die Leute hypnotisiert.“, ergänzt Daniel nochmal Jans Blödsinn.

„Ihr seid doch verrückt, ich geh mal eben raus rauchen.“, mach ich mich kopfschüttelnd auf den Weg zum Balkon und stolpere da über Jans Mitbewohner, der immer noch draußen auf dem Balkon das schöne Wetter genießt, irgendwie kommen wir darauf zu sprechen, dass jetzt vermehrt schwarze Kinder in den USA in Detention müssen, vermehrt für kleine Vergehen nachsitzen müssen und mir fällt dazu nur diese Geschichte vom letzten oder vorletzten Jahr ein von dem Kind, dass abends unterwegs war und von einem Polizeibeamten mit Schüssen durchlöchert wurde, weil es irgendwas aus der Tasche holen wollte. „Das Kind war schwarz, oder?“, fragt Jans Mitbewohner nur, der auch schon dutzende dieser Geschichten gehört hat und deshalb schon weiß, worum es geht.

„Ja, so sind sie – erst schießen, dann Fragen stellen.“, macht Daniel jetzt einen Witz und gesellt sich dazu; ich erzähle, dass mir diese ganze Sache einfach nur komisch vorgekommen ist damals, weil ich kann verstehen, wenn man sein ganzes Magazin verschießt, weil wenn du zum ersten Mal auf einen Menschen schießt, kannst du nicht mehr aufhören, du stoppst erst, wenn du das Magazin leer hast, aber der Typ hat halt nochmal nachgeladen; das war schon seltsam.

„Wahrscheinlich wollte er auf Nummer sicher gehen; hatte einfach zu viele Zombie-Filme gesehen.“, versucht Daniel noch einen Witz unterzubringen.

„Ich hab irgendwo mal Berichte von Soldaten im Kampfeinsatz gelesen, dass sie halt absichtlich über die Köpfe drüber schießen, weil sie eben eigentlich keine Menschen töten wollen.“, kommt Jan auch auf den Balkon raus und fragt nach einer Zigarette. „Wahrscheinlich sind wir Menschen einfach nicht für den Krieg gemacht.“, reiche ich ihm die Zigarettenpackung.

Kurzgeschichte

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