Strangers Kiss

„God walked out in the cold of the day, he refused to answer …“, dröhnt durch meinen MP3-Player, als ich vom Bahnhof an der Freitagabendschlange der Disko vorbei stolpere in Richtung S-Bahn, You make me feel good schwappt aus der Disko nach draußen und lässt für alle Wartenden einen geilen Abend versprechen.

Ich komme abgehetzt bei Jan an, weil ich noch eben im Kiosk eine Cola und Chips besorgen musste und da schon wieder im Charlie Chaplin-Stil über die Kante an der Tür gestolpert bin, sozusagen mit der Tür ins Haus gefallen bin; eigentlich war ich einfach noch in Gedanken und habe deshalb die hohe Kante nicht gesehen. Ich hatte schon wieder dieses Zitat in der S-Bahn gesehen, frei übersetzt sowas wie: „In der Schule habe ich gelernt, dass ich nicht der klügste und intelligenteste Mensch auf Erden bin“ – und dieses Mal war das „nicht“ im Nachhinein mit Kulli durchgestrichen worden.

Dann stehe ich vor Jans Tür und warte.

„Tschuldigung, dass du warten musstest. Beim Laden war noch eine Riesenschlange und ich kam da einfach nicht schneller weg.“ „Hast du die Schlange besiegt oder hat sie dich irgendwann einfach gehen lassen?“ „Was?“, fummelt er am Schloss der Tür herum: „Achso, jaja – Trottel. Bin noch übelst verkatert von gestern und …“ „Solange du nicht von Morgen verkatert bist, würde ich mir da noch keine großen Sorgen machen.“, folge ich ihm die Stufen rauf.

„Die Anderen wollten gleich auch noch kommen; glaube aber, wenn wir uns beeilen, können wir noch eine Partie AOE spielen.“, geht er nicht auf meinen Blödsinn ein, was wahrscheinlich besser für uns alle ist. Wir spielen eine Runde AOE gegen drei Computergegner und gewinnen mit einem D-Day Manöver, indem Jan mit seinen Mangen das Flussufer beschießt und ich unter seinem Feuerschutz unsere Armeen mit Landungsboten den Fluss überqueren lasse – das klappt so gut, dass Jan den Sieg für die Anderen konservieren will, sodass ich ihm vorschlage, statt eines Screenshots, was er vor hat, einfach seinen kompletten Laptop an den Kühlschrank zu heften wie die ersten Bilder von den eigenen Kindern; am besten noch mit Magnet, dass wir aufgrund des Lachens die Klingel gar nicht hören.

Die anderen Beiden kommen, Jan zeigt voller Stolz das Ergebnis der Schlacht, unseren Sieg und Jan meint noch, dass er das eigentlich für die Ewigkeit festhalten will, also schlägt Philip vor, mach doch einen Screenshot und hefte ihn an den Kühlschrank, Daniel hat aber eine andere Idee und meint, hefte doch den ganzen Laptop an den Kühlschrank, am besten noch mit Magnet, dass wir noch mehr lachen müssen.

Sie haben Pizza und noch Süßkram mitgebracht, dass wir direkt wieder anfangen Blödsinn zu labern, als wären wir nie getrennt gewesen, nur eben Pizza holen und zur Universität und würden jetzt wieder abends zusammen sitzen wie sonst immer jeden Abend zur Uni-Zeit.

„Ich mach mal Musik an.“, steh ich kurz auf und das erste Lied, dass im Radio läuft, ist Die Ärzte – Hurra, dass wir direkt mit dem Kopf wippen und mit unserem Wasser anstoßen. Philip fängt an zu erzählen: „Ich hab da vorhin mega was erlebt; da stand halt einer ungefähr zehn Zentimeter von mir entfernt in der S-Bahn am Telefonieren und man konnte die ganze Zeit mithören: Weißt du überhaupt, dass er dich wie ein Arsch behandelt und du rennst jedes Mal hinter ihm her, nur wenn er Pieps sagt! – Und das beste ist immer noch das Ende des Telefonats. Er meinte: Ja, Mama! Ich weiß, ich muss jetzt aber los!“ „Ha, witzig.“, setze ich den Fez auf, der auf Jans Sofa liegt und frage, wie viel er für die Pizza kriegt. „Das ist ziemlich cool, wenn du die selber abholst, bezahlst du einfach zwei Euro weniger, als wenn du dir die liefern lässt – irgendwas zwischen fünf und sieben Euro, ich weiß das echt nicht mehr.“

„Das Witzige kommt aber erst noch.“, setzt sich Philip auf den Boden, sodass wir nun im Kreis sitzen, Jan auf dem Bett, Daniel auf dem Hocker, ich auf dem Sofa und Philip eben im Schneidersitz auf dem Boden. „Dann kam halt so ein Spitzenhörnchen auf einmal in die S-Bahn und lief dem Typen den Rücken rauf und auf die Schulter, aber er ist völlig cool geblieben, hat’s in die Hand genommen und wieder draußen ausgesetzt.“ „Nicht die Eichhörnchen! – – Die brauchen wir doch noch, die machen doch so viel Geld.“, flüstere ich, sodass Jan anfängt mit: „Wisst ihr noch, dass eine Mal, als Morty vergessen hatte, dass er mit Eichhörnchen reden konnte und die Eichhörnchen gegen sich aufgebracht hat und Rick und Morty dann die Dimension wechseln mussten, weil die Eichhörnchen die Welt beherrschten?“ „Ich dachte, dass wären die Echsenmenschen gewesen?“ „Was sind denn Echsenmenschen? Hat das was mit der Flat Earth-Theroy zu tun?“, fängt Daniel an die Theorien durcheinander zu bringen. „Ist es nicht immer so, dass diese ganzen Theorien eine Metapher sind für irgendwas; Echsenmenschen sind doch auch nur eine Metapher, dass wir von einer ausgewählten Gruppe von Leuten regiert und manipuliert werden; aber wofür steht die Flat Earth-Metapher?“, bereue ich es jetzt schon davon angefangen zu haben.

„Mir kommt das so langsam vor, als ob du der Weise Mann bist, dem wir zuhören und von dem wir ständig was lernen; wie du schon da mit Fez auf dem Kopf auf dem Sofa sitzt.“, ist Jan kurz beeindruckt. Philip fängt an, dass es doch diese Doku auf Netflix gibt, Behind the Curve, wo sie halt eine Gruppe von Flatearthern mit Kamera folgen, die mit dutzenden Experimenten versuchen ihre Theorie zu begründen und halt ständig scheitern; es ist köstlich, lacht er und geht auf den Balkon, eine Zigarettenpause machen; sodass wir mitgehen.

Draußen ist es bewölkt, der Stadtsmok verhängt die Sterne. „Ich hoffe, wenn mal ein EMP-Stoß alle elektrischen Geräte ausschaltet, dass ich in dem Augenblick draußen bin und endlich die Sterne sehen kann ohne diese Lichtverschmutzung aus der Stadt.“, schaut Jan trotzdem gebannt in den Himmel. „Ich würd‘ das bestimmt bei meinem Glück total verpassen und mich wahrscheinlich nur wundern, warum mein Kühlschrank aus und das Bier warm ist.“, scherze ich. „So wie du wahrscheinlich auch den Weltuntergang verschlafen würdest.“, kommentiert Daniel noch. „Stefan, ich muss dir was sagen; deine Welt ist schon seit drei Tagen untergegangen.“, fängt Philip an. „Wusste ich’s doch; und mir hat mal wieder keiner was gesagt.“, stampfe ich mit dem Fuß auf und stecke mir auch eine Zigarette an.

„Gut, dass du Pizza mitgebracht hast. Hätte keine Lust gehabt zu kochen.“, meint Jan, um das Thema zu wechseln. „Wer hat das schon.“, meine ich nur und asche gelangweilt über die Balkonbrüstung. „Wer kann das schon noch, wäre wahrscheinlich richtiger gewesen.“, wirft Philip nur in die Runde. „Die Generation unserer Eltern hatte noch einen festgeschriebenen Teil, die Mutter als Küchenchefin, die das wenigstens noch in der Schule gelernt hat – und heutzutage müssen wir uns das selber beibringen, weil die ältere Generation es nicht geschafft hat das Wissen gerecht und gleichmäßig zu verteilen. Nein, die Frauen müssen ja weg vom Herd und die Jungs, die sollen sich sowieso lieber draußen austoben und jetzt haben wir eine Generation, die sich das Kochen selber beibringen musste.“ „Naja, wir haben ja noch McLonalds, Bürger Kong und co.“, scherze ich. „Und eine Lebenserwartung von vierzig Jahren, wenn man sich nur von Fast-Food ernährt.“ „Ein Kumpel von mir hat ein T-Shirt, wo vorne drauf ein Rührstab abgebildet ist und drunter steht, everybody in the kitchen.“ „Jeder? Also alle sieben Billionen Menschen in diese kleine Küche?“, zeigt Daniel durchs Fenster in Jans Küche, dass ich nur lachen kann: „Also ich mach das nachher nicht sauber.“

Wir gehen wieder rein und Jan fängt wieder an mit Rick & Morty: „Wisst ihr noch, dass eine Mal, als sie sich die Erinnerung weggeschossen haben mit dieser Erinnerungsauslöschwaffe und sie dann diese ganzen Ampullen durchgegangen sind und diese eine Erinnerung aufkam, wo Morty ein Alien-Monster gefoltert hat und irgendwann stellt sich halt raus, das Monster mag das und Morty voll angewidert war, weil er es nicht folterte, sondern ihm einen Handjob gegeben hat? Und Rick so: Wäre es dir wirklich lieber, wenn du es folterst, statt befriedigst? – – Vor allem, was sagt das über Mortys Charakter aus?“ „Ich fand’s cool, wo sie beide während der Folge irgendwann an den Punkt kamen, dass sie sich umgeguckt haben und meinten: Sind wir die Bösen?“ „Ahh, vielleicht hätte ich mir wirklich einfach den Kopf wegschießen sollen.“, schüttele ich nur den Kopf über den Blödsinn der Beiden. „Dann wäre uns viel erspart geblieben.“, lacht Philip.

„Ich war letztens bei einem alten Schulfreund und hab mit ihm Red Dead Redemption gespielt und diese Mission gemacht, wo es darum ging den elektrischen Stuhl auszuprobieren und wir hatten uns halt darüber unterhalten, ob es Okay wäre einen Menschen zu töten für den menschlichen Fortschritt.“, fange ich an zu erzählen.

„Also wenn du dir den Kopf wegschießen willst, hätten wir hier auf jeden Fall eine Riesensauerei an den Wänden.“, meint Jan nur und Daniel fängt an zu überlegen: „Kannst du dir in einem Raum wirklich nicht den Kopf wegschießen ohne die Wände dreckig zu machen?“ „Vielleicht, wenn du dich in der Mitte des Zimmers auf den Rücken legst und dann die Waffe in den Mund?“, kann Jan schon gar nicht mehr zu Ende erzählen, weil Philip nur meint: „Das schreit doch nach einem Schulausflug – Los, Kinder! Besorgt euch die Erlaubnis eurer Eltern, wir fahren jetzt in eine Junkie-Höhle und schauen nach, ob wir dem Penner, der da lebt, den Schädel wegballern können ohne die Wände dreckig zu machen.“

„Und schon hätten wir die Idee für eine abgefuckte Cartoon-Serie – Family Guy hat diese vier Seekühe und irgendeine Cartoon-Serie wahrscheinlich uns Idioten, die über Pizza Blödsinn labern.“, lacht Jan.

„So, war mal wieder ein inneres Blumenpflücken.“, verabschiedet sich Philip irgendwann und nimmt den letzten Bus nach Hause, sodass wir uns Behind the Curve angucken und natürlich fange ich irgendwann aus purer Langeweile an, die Leute sogar im richtigen Moment auf dem Bildschirm mit Toast zu füttern und reinzuquatschen, mit demselben Blödsinn wie Jan und Daniel, wir können es einfach nicht ernst nehmen, weil es so offensichtlich ist, danach weiß ich nicht mehr viel, bin auf dem Sofa eingeschlafen; ich glaube, Jan und Daniel haben sich noch Youtube-Videos über Faltearther und Sonic the Hedgehoge angeguckt und dann bin ich mit seltsamen Bildern im Kopf eingeschlafen – am nächsten Morgen weiß ich nur noch, dass ich einen Wildfremden auf offener Straße geküsst habe.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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