Blau

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, ich greife nach dem Leben wie nach diesem Papier zum Hände abtrocknen in öffentlichen Toiletten; weil ich nasse Hände habe, erwische ich immer nur Stückchen davon – komme ich gerade vom Klo.

„Meine Großmutter hat mir einmal ein gestricktes Gedicht geschenkt. Also ein Gedicht, dass auf dieses Strickpapier gestrickt wurde, wo wir im Kindergarten immer was mit machen mussten. Das du gewollt bist, war keine eigene Idee, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur, du bist du – den ersten Teil habe ich nie verstanden.“ „Warum erzählst du mir das jetzt?“, schaut sie ihm über der Theke ins halbleere Glas, wartet eigentlich nur darauf, ihm ein neues Glas hinzustellen. „Und nach ihrem Tod, da habe ich das Gedicht weggeworfen, ich war so wütend auf sie und auf dieses Gedicht, dass ich es nicht mehr in meinem Zimmer haben wollte.“, nimmt er den letzten Schluck und knallt das Glas auf die Theke, winkt ab, als sie sein Glas auffüllen will und fragt nach der Rechnung, sodass ich nun mit ihr alleine zurück bleibe.

„Gestern war einer hier, der hat doch ernsthaft behauptet, dass es kein Zufall wäre, dass der Film mit den Städten, die sich gegenseitig bekämpfen.“ „Mortal Engines.“, helfe ich ihr aus. „Genau, dieser Film, wo sie London aufhalten müssen – dass es kein Zufall wäre, dass der Film zum Brexit rauskam; – hier sind immer solche Verrückten. Musst du also nicht ernst nehmen.“, stellt sie mir und sich ein Kurzenglas hin, nun dröhnt statt Tyler Swifts – look what you made me do Pinks – what about us durch die Boxen.

„Könnte auch sein, dass das eine verspätete Antwort auf die Einmischung der Londoner in die Metoo-Debatte Hollywoods war; wenn du dir nur die neuen Harry Potter-Filme anguckst oder die eine Supernatural-Staffel, wo sich Engländer in die amerikanische Filmindustrie eingemischt haben.“, fasele ich, dass sie nur: „Bist du auch einer dieser Verrückten?“, lachen kann und mit mir anstößt.

„Kein bisschen – ich finde das nur interessant, wie die Filmindustrie, wie jede Industrie, ihre eigenen Mechanismen hat, um mit Problemen oder Situationen umzugehen. – – Was machst du mit dem Sohn von Freddy Mercury? Du lässt ihn in einem Freddy Mercury Bio-Pic auftreten, ganz einfach.“, don’t judge me, cause if you think i would judge you, fängt Astrid S – Issues an zu singen, dass sie sich nun zurücklehnt und nichts erwidert.

„So schön warm draußen, oder?“, fragt sie. „Man konnte heute richtig die Sonne genießen.“, wischt sie jetzt die Theke, weil ich nichts erwidere. „Mir fällt da nur dieser Comic von Sarah Andersen ein, wo die Figur sich ein Eis holt und sich über das schöne Wetter freut und im Hinterkopf hat sie die ganze Zeit diesen Gedanken: Fuck, es ist fast noch Winter und ich kann ohne Jacke draußen rumlaufen. Die Erde stirbt, dass kann nicht richtig sein.“, hebe ich freundlich mein Glas, um Nachschub zu bekommen. „Ziemlich gute Musik, die du hier laufen lässt – wie heißt das Lied?“ „Ähm, Moment. Das ist … ähm Danyiom mit Echo.“, guckt sie mit dem Glas und der Whisky-Flasche in der Hand im Computer nach und geht dann die restlichen Tische abwischen und lässt mich mit meinen Gedanken alleine.

Kurzgeschichte

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