Simones Besuch

„Mir ist plötzlich das eingefallen, was Karl der Große sagte: Lasst meine Armee Bäume, Steine und Vögel sein.“, erklärt Sean Connery Harrison Ford in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug, ich schalte um. „Oh Gott. John, is that you?“, läuft Watchmen auf dem nächsten Programm, ich lege die Fernbedienung zur Seite.

„Nations around the world still reeling for this morning announcement …“, Simone schaltet aber auf eine Talkshow um, wo gerade das Kochbuch eines Stars vorgestellt wird. „Gott, ich kann diese Kochbücher nicht mehr ernst nehmen. Schau dir mal an, mit was für Zutaten die kochen, sowas kann sich ein normaler Haushalt niemals leisten.“, meckert sie. „Ich sag da nichts zu.“, drehe ich mir eine Zigarette, um gleich ein bisschen an der frischen Luft alleine zu sein.

„Wieso? Wieso bist du so? Wieso interessiert dich nichts mehr? – – Man kann wirklich nicht mehr mit dir reden.“ „Ach, lass mich in Ruhe.“, will ich nun an die frische Luft, werde von ihr aber zurückgehalten: „Als hätte eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, nachdem sie von ihrem Day-Job kommt, noch groß Lust oder Zeit zu kochen.“ „Oder gesund zu kochen – es ist doch viel entspannter eben eine Pizza in den Backofen zu stecken, als sich dann noch an den Herd zu stellen und zu kochen. Und kochen ist auch nichts besonderes mehr, wenn du es jeden Tag machen musst; irgendwann wird es eintönig immer wieder dasselbe Gericht aufzutischen. – – Die haben einfach den Bezug zur Realität verloren.“, zeige ich mit der Zigarette auf den Fernseher und gehe durch die Balkontür nach draußen.

Warum interessiert mich das alles nicht mehr? Warum bin ich so? Ich glaube, alles lässt sich auf ein Ereignis zurückführen, als … „Geht es dir wirklich gut? Ich meine, nachdem, was du mir da gestern anvertraut hast, mit den Déjà vus und allem, mache ich mir schon Sorgen um dich.“ „Denkst du etwa, ich werde verrückt? Verliere den Verstand?“, bin ich ungehalten, weil ich eigentlich meine Ruhe hier draußen haben wollte. „Nein, dass habe ich nicht gesagt. Du kennst doch mit Sicherheit Menschen, die hypnotisiert werden und dann aus ihrem früheren Leben aus dem 15ten Jahrhundert erzählen. Und das in einer Detailliertheit, dass können die gar nicht aus einem Buch oder Film wissen – die würde ich auch nicht verrückt nennen.“, legt sie ihre Hand auf meine Schulter.

„Selbst diese Unterhaltung habe ich schon einmal erlebt.“, schüttele ich ihre Hand von meiner Schulter. „Weißt du, ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich diesen Zirkel durchbreche; heute Morgen noch lag ich im Bett und habe bis zur letzten Minute überlegt dich reinzulassen oder nicht reinzulassen und hatte eigentlich vor dich nicht reinzulassen, aber in der letzten Minute habe ich mich doch noch entschlossen dich reinzulassen und siehe da, ich habe schon wieder diese verdammten Déjà vus! – – Was sagt das über mich? Über diese Situation? Habe ich diese Situation schon einmal erlebt? Kann ich in die Zukunft sehen? Habe ich einmal zu oft in Amsterdam die Sau rausgelassen und mich aus dem Universum gekifft? Was zum Teufel passiert hier? Kann mir das bitte mal jemand erklären?“, werfe ich theatralisch die Arme in die Luft. „Siehst du den Baum da?“, versucht sie offensichtlich abzulenken. „Ja.“, gehe ich darauf ein, müde dem Universum zu widersprechen.

„Damals haben die Indianer diesen Baum wahrscheinlich angebetet, weil er etwas heiliges an sich hat und wir fällen ihn, um daraus Möbel zu machen. – – Was ich damit sagen will, es kommt immer auf den Blickwinkel an.“, lehnt sie sich in der untergehenden Sonne an die Balkonbrüstung. „Selbst diese Unterhaltung haben wir schon einmal geführt. – – Lass uns doch mal dieses Szenario durchspielen, nehmen wir doch mal an, ich habe Déjà vus. Woran könnte das liegen? Wurde ich von Aliens entführt? Bin ich verrückt geworden? Oder habe ich einfach nur vergessen, dass das alles schon einmal passiert ist? Aber was heißt das dann für mein Umfeld? Sind die solche Arschlöcher, dass sie mir diese ganzen Sachen nochmal antun?“ „Also ich würde sagen, du bist nicht verrückt – ich dachte, dass hätten wir jetzt geklärt?!“, habe ich sie wütend gemacht. „Ich habe auch nicht gesagt, dass ich verrückt bin – es ist nur ein Szenario, dass wir hier jetzt durchspielen. Bitte bleib doch mal sachlich. Ich bin nur soviel verrückt, wie mein Umfeld voller Arschlöcher ist; verstehst du?“

„Ja ja, verstehe. Weißt du, ich würde sagen, dass das Leben wie ein Baum ist und du kannst dich jedes Mal entscheiden, welche Abzweigung du wählst.“ „Und du meinst, ich kann jede Abzweigung vorhersehen und egal, welche ich auswähle, diese habe ich dann schon gesehen? – – Das ist witzig.“ „Es gibt ja auch nur zwei Möglichkeiten, witzig oder nicht witzig.“, lacht sie. „Das hast du aus der Känguru-Trilogie.“ „Echt? Das hat immer mein Freund Manuel gesagt.“ „Wahrscheinlich hat er das aus der Känguru-Trilogie geklaut – oder Mark Uwe hat es von deinem Freund Manuel geklaut.“, schnippe ich den Zigarettenstumpf über die Balustrade.

„Können wir jetzt wieder rein gehen?“ „Ja, warum nicht.“, folge ich ihr und bin gespannt, was das Schicksal noch so für mich bereit hält.

Kurzgeschichte

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