Am Meer

Auf der Fahrt hin zur See mit der Mitfahrgelegenheit hat mich der Gedanke schon nicht mehr losgelassen, wie oft ich mich wohl verlaufen werde, wenn ich abends betrunken aus der Kneipe stolpere, während ich mit den anderen Beiden über Frauen im Militärdienst sprach; weil der Fahrer anfing, dass seine Tochter witzelte, sie könne doch nicht zur Bundeswehr gehen, schließlich hätte sie nicht den richtigen Nagellack fürs Gelände, worauf der Beifahrer meinte, dass das doch ganz einfach sei, man müsste nur die Finger in den Schlamm da draußen stecken.

„Aber ich hab gerade erst meine Haare gewaschen.“, „Braucht jemand Feuchttücher?“, „Diese Handfeuerwaffe passt doch niemals in meine Handtasche.“, machten wir daraufhin unsere dummen Sprüche und alberten herum – wir hatten unseren Spaß. Es ist wirklich faszinierend wie einfach ich mich überall anpassen kann, wie ein Chamäleon, dass sich zum Überleben überall an die Hintergrundfarbe anpassen kann; so gut, dass ich mich so langsam frage, was mich ganz tief unter all den Schichten des social Makeups und Chamäleonfarbenlacks ausmacht.

Meine Befürchtung mich zu verlaufen war aber unbegründet, als ich die zehn bis zwanzig schnuckeligen Häuser vor dem Deich sah – hier werde ich mich nicht verlaufen, wenn ich mal wieder nicht schlafen kann und beim Grübeln hier links abbiege und dann da rechts abbiege und plötzlich bei irgendwem im Vorgarten stehe, mitten auf einem Fußballfeld oder im militärischen Sperrgebiet gestrandet bin, nicht mehr weiß, wie ich nach Hause kommen soll, dafür aber die Weltformel aufgestellt habe – aber was hilft mir das, wenn ich nach Hause will?

„So, da wären wir.“, hält die Mitfahrgelegenheit am Straßenrand und wünscht mir noch viel Spaß, ein paar ruhige Tage und gute Erholung. „Schon?“, frage ich mit Blick auf die Uhr, weil es zwei Stunden vor der vereinbarten Schlüsselübergabe ist. „Sollen wir mit dir warten? Wir könnten einen Kaffee trinken gehen?“ „Ich zahle auch wohl.“, meint der Beifahrer noch diplomatisch, aber ich bedanke mich fürs Mitnehmen und rufe schließlich die Vermieter an und entschuldige mich für die frühe Verspätung; – also fürs zu früh kommen.

Er meint, in einer Stunde könne er bei der Ferienwohnung sein, also mache ich mich mal einfach auf und erkunde das kleine Dorf und natürlich ist der Buchladen meine erste Anlaufstelle. Die Verkäuferin steht hinter der Theke und telefoniert, mein Moin wird deshalb erst mal nur mit einem freundlichen Kopfnicken erwidert. Ich schaue mich etwas um, in wenigen Tagen werde ich die Buchhandlung in- und auswendig kennen, weil ich jedes Mal nach einem kleinen Strandspaziergang hier vorbeischlendere und durch das Sortiment stöbere. Das erste Buch, dass ich auf ihre Empfehlung hin kaufe, ist: Herz auf Eis von Isabelle Autissier.

Nach ihrer Empfehlung nicht das typische Frauenbuch, aber ihre Kollegin würde immer noch davon schwärmen. Beim nächsten Besuch wurde ein ausführliches Gespräch über Herz auf Eis von ihrer kleinen Tochter gestört, die in der Kinderecke ihre Hausaufgaben macht und all ihre Aufmerksamkeit einnimmt, weil sie ihrer Mutter den kompletten Schulalltag auf diese süße Art und Weise nacherzählt, wie es nur kleine Kinder können: „In zwei Wochen musst du mich daran erinnern Kevin sein Buch zurück zu geben, weil die Lehrerin hat gesagt, dass Fabio auch lesen lernen soll und deshalb brauch ich das Buch und muss das mit zur Schule bringen, dann kriege ich auch von Lena einen Lolly, weil sie hatte gesagt, dass …“, also kaufe ich mir diesmal nur T.C.Boyles – Das Licht und ging meiner Wege.

Ich sehe Kinder, die an der Hand ihrer Großeltern die Promenade entlang schlendern und sich Stofftiere aussuchen dürfen, natürlich sucht sich die Kleine das schwarze Schaf aus, dass die Oma lachen muss und vor dem Friseurladen bleibt ein kleiner Junge vor dem Schaufenster stehen und drückt mit seinen kleinen süßen Fingern auf das übergroße Plakat eines Models und ich weiß nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund muss ich lachen, dass die Mutter sich zu mir umdreht und ebenfalls kichert und im Laden, wo ich mich mit Bierdosen eindecke, um Treibstoff fürs Schreiben zu haben, stehen hinter mir in der Schlange zwei junge Frauen und kichern wie kleine Mädchen, unterhalten sich hinter vorgehaltener Hand, dass sie mich doch größer geschätzt hätten und fast hätte ich sie auf einen Drink eingeladen; aber nur fast, denn ich hatte ja noch eine Geschichte zu Ende zu schreiben.

Am ersten Abend im Restaurant tuschelten die Kellnerinnen wieder, dass ich mich am zweiten Abend getraut hatte, obwohl es eines dieser Klischees aus einer dieser Drei-Groschen-Romane ist, sie zu fragen, wo man sich hier denn amüsieren kann und so kommt es, dass ich mit Simone nach Hause gehe. Simone macht am nächsten Morgen beim Kaffeekochen eines dieser Morgenmagazine an, sie unterhalten sich über die Party von Prinz Harrys Frau in New York, die im siebten Monat schwanger ist.

„Musst du den Mist nebenbei laufen lassen? Gestern Abend hast du noch gesagt, dass du Rick and Morty gut findest und jetzt guckst du so einen Mist.“, entfährt mir etwas zu schlecht gelaunt, bis ich meinen Morgenkaffee hatte, bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen. „Lass mich doch, ich finde das interessant.“, tanzt sie vom Herd zum Kühlschrank, um noch ein paar Eier fürs Omelette rauszuholen. „Darf man überhaupt hochschwanger in den Flieger und mal eben um die Welt fliegen? Ist das nicht schlecht fürs Baby?“ „Was meinst du, wird es ein Junge oder ein Mädchen?“, geht sie nicht auf meine Frage ein. „Sollen wir dann gleich eine Runde am Strand drehen?“, dreht sie sich zu mir um und lacht zufrieden.

„Musst du nicht wieder arbeiten?“ „Erst am Nachmittag, vorher können wir ja noch ein wenig spazieren gehen.“, schlägt sie wieder vor. „Ja, gerne.“, ein bisschen frische Luft wird mir gut tun.

Uns kommt am frühen Morgen eine kleine Familie entgegen, die Mutter mit dem Kleinen, der vor dem Friseurladenschaufenster stand, und ihre Frau, diesmal hat der kleine Racker ein Change the World T-Shirt an, worauf ich Simone, als die kleine Familie an uns vorbei ist, frage: „Für wen ist so ein T-Shirt gedacht? Für den Kleinen oder für die Erwachsenen, die ihn in den Arm nehmen, ihm Gute-Nacht-Geschichten vorlesen und die Welt erklären?“ „Gute Frage, ich würde sagen, da der Kleine wahrscheinlich noch nicht lesen kann, für uns.“ „Meinst du?“, will ich mir in dem Wind eine Zigarette anstecken, bekomme aber einen Kuss von ihr.

Am Nachmittag, als sie arbeiten muss, schreibe ich an Am Meer und verliere mich wieder in meine Welten, dass ich gar nicht mitbekomme, wie sie wieder durch die Tür kommt. „Hey, ich hab uns Abendessen mitgebracht – hast du schon gegessen?“ „Mh?“, schaue ich nur kurz vom Smartphone auf, mein getriebener Blick macht ihr wohl Angst, denn sie fragt, ob alles okay sei. „Hä?“ „Ist alles okay? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“ „Was?“, bringe ich nochmal raus, erst jetzt begreife ich, dass sie es ist, die da mit mir im Raum ist.

„Egal, ob Lea auf Insta Fanboxen verziert, Spassmann ihren Turnbeutel vergessen hat, Lisa ihre Hündin ihrer Katze vorzieht, Böhnermann auf Twitter Unsinn bei der Zeit macht, sich mit Sebastian Lang vergleicht; den Text, den ich gerade schreibe, diese Wohnung, dieser Ausblick, diese Gegend, die Gespräche an der Kasse, die Kinder, die denselben Blödsinn machen wie beim letzten Mal; ich habe das alles schon einmal erlebt! Es ist, als würde ich durch eine Simulation meines eigenen Lebens laufen! Das Einzige, was anders ist, was sozusagen echt ist, bist du Simone. Du fühlst dich an wie ein positiver Fehler im System.“, werfe ich mein Smartphone aufs Sofa. „Ich verstehe nicht. Was heißt das? Was willst du mir damit sagen?“, weicht sie schockiert zurück.

„Das, das hier; irgendwas ist hier entschieden faul und du, Simone, bist die einzige Sache, die echt ist – glaube ich. Ich hab mir nur nie was anmerken lassen. Irgendwas ist aber anders an dir. Irgendwie, ähm, irgendwie bist du die Lösung zu diesem Albtraum, der seit längerer Zeit mein Leben ist. – – Du kennst doch dieses Gefühl eines Déjà vu?“, brabbele ich und lasse mich erschöpft auf den Esszimmerstuhl fallen. „Déjà vus sind Fehler in der Matrix.“, sagt sie wie auswendig gelernt. „Ja! Genau!“ „Und zeigen, wenn die Matrix nicht rundläuft.“, erklärt sie weiter und steht wie angewurzelt in der Tür. „Genau! – Nur diesmal bist du der Fehler! Verstehst du!?“, springe ich wieder auf.

„Okay, jetzt beruhigen wir uns mal alle wieder.“ „Also der Fehler, der … also kein Fehler, sondern ein Indikator für die Matrix.“ „Okay – ich glaube, du hast dich überarbeitet. Komm, setz dich erstmal, wir essen jetzt lecker die asiatischen Nudeln, die ich uns zum Abendessen mitgebracht habe und dann mach ich dir jetzt noch eine Folge Rick & Morty an; – da wo wir gestern stehen geblieben sind?“, chauffiert sie mich aufs Sofa, platziert das Essen auf den Wohnzimmertisch und greift zur Fernbedienung.

„Wo waren wir? M. Night Shaym-Aliens?“ „Dann können wir auch gleich Auto Erotic Assimilation gucken.“, zucke ich die Schultern und fange an die gebratenen Nudeln mit Hühnchen zu essen. „Den versteh ich nicht.“, erwidert sie nur, belässt es aber dabei.

Kurzgeschichte

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