The morning after

„Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damals in meiner WG auf dem Balkon mit einem saß, der seine Freundin extra mitgebracht hatte, um mich kennen zu lernen – denn damals war ich wohl schon sowas wie eine kleine Legende.

Auf jeden Fall saß ich da in meinem Bademantel, trank White Russian und war angewidert von der Welt, ohne auch nur irgendwas davon zu verstehen, hatte ich schon die Schnauze voll davon. Und jetzt? Jetzt sitze ich hier und habe Hoffnung; denn obwohl wir Menschen manchmal egoistisch und unüberlegt handeln, habe ich das tiefe und zutiefst menschliche Gefühl, dass es nur gut wird, wenn wir hin und wieder inne halten und unseren Mitmenschen bei Zeiten mal in die Augen gucken, in die Seele schauen und den eigenen Schmerzen im Schmerz des Anderen erkennen. – – Oder klingt das zu pfarrerhaft?“, lege ich meine Notizen beiseite und stupse sie an, sie ist nämlich noch total vertieft in Hemingways Paris – Ein Fest fürs Leben.

„Ich glaube nicht, dass pfarrerhaft ein Wort ist.“, schaut sie nicht einmal von ihrer Lektüre hoch. „Hast du mir überhaupt zugehört?“ „Natürlich habe ich dir zugehört, aber ich bin gerade beschäftigt, du siehst doch, dass ich gerade versuche zu lesen.“ „Bist du immer noch eifersüchtig, dass ich Nicole Kidman vorhin eine sexy Couger genannt habe?“ „Was? Quatsch.“, legt sie jetzt doch ihre Lektüre zur Seite und richtet sich im Bett neben mir auf. „Ich wundere mich immer noch, wie schnell du wegen sowas eifersüchtig werden kannst. Das war doch nur ein dummer Kommentar.“ „Ich bin nicht eifersüchtig!“, ist sie jetzt sogar fast wütend.

„Ok, tschuldigung, dass ich davon angefangen habe. Wie findest du denn jetzt meine Eröffnungsrede? Du weißt doch, dass ich ohne deinen Input nur ein halb so guter Pfarrer bin.“, versuche ich jetzt mit einem kleinen Witz die Stimmung wieder zu glätten. „Was ist denn mit dem Part, dass du … warte, wie hast du es ausgedrückt? Na, was du über das Sitcom Valley gesagt hast? Ich glaube, dass waren deine Worte. Sitcom Valley hast du es genannt.“ „Stimmt, dass ich es absurd finde, dass wir offenbar die Technologie haben Menschen auf den Mond und zurück zu schicken, aber daran scheitern ein Smartphone zu bauen, dass nicht all unsere Daten speichert und gegen uns verwendet – aber wie kriege ich das jetzt da rein? Ich brauche, glaube ich, einen guten Übergang, um zwischen den Themen … warte … ich glaube, ich hab’s.“ „Jetzt sag mir nicht, du erzählst den Leuten hiervon? Du kannst mich doch nicht schon wieder in die Geschichte reinschreiben.“, steht sie jetzt auf und wirft sich ihren Seidenbademantel über.

„Vorsicht, da stehen …“, konnte ich gerade noch sagen, dann lief sie auch schon gegen die unausgepackten Umzugskisten, die wir noch immer nicht ausgepackt haben. „Fuck!!!“, flucht sie deshalb verständlicherweise. „Du kannst doch nicht einfach die Kisten hier rumstehen lassen, dass jeder Idiot darüber stolpern kann? Was, wenn ich jetzt übelst gefallen wäre? – – Wolltest du die nicht so langsam wegräumen? Das geht so doch nicht, Mann.“, humpelt sie aus dem Zimmer.

„Hast du dir was getan?“ – „Ach, leck mich!“, höre ich sie nur aus dem anderen Raum. „Ja, tschuldigung. Es war ganz klar und eindeutig meine Schuld, dass ich die Umzugskisten da so doof in den Weg gestellt habe. Werde sie noch ausräumen, versprochen.“ „Du bist schon wieder am Schreiben, oder?“, kommt sie schon wieder mit einem Glas Wasser ins Zimmer.

„Weißt du, was ich faszinierend finde? – – „Dass wir mal aus einer dreckigen Pfütze gekrochen sind, uns als Affen an den Bäumen geschwungen haben, uns dann weiterentwickelt haben, die Welt untertan gemacht haben, aber immer noch diese faulen, dreckigen … – jaja, ich lass dich ja schon deinen Text zu Ende schreiben.“, unterbricht sie mein abwesendes Gebrabbel und lässt mich in Ruhe schreiben – deshalb liebe ich sie, weil sie immer genau weiß, was ich brauche. Was würde ich nur ohne sie tun? Wahrscheinlich hätte ich mich schon längst aus dem nächsten Fenster gestürzt, aber sie gibt mir die Kraft durchzuhalten und weiterzumachen, obwohl so viel Scheiße passiert in der Welt, finde ich bei ihr immer die Kraft mich auf ein Neues aufzuraffen und dem Schlechten in der Welt ins Gesicht zu lachen – Gott, sie würde mich jetzt wieder auslachen, wie kindisch und dumm das klingt, aber ich stehe dazu.

Kurzgeschichte

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