Der dicke Kerl

„Und dann ist er an Leukämie gestorben.“ „Oh, mein Gott. Das klingt ja wirklich fürchterlich.“, antworte ich der alten Frau neben mir auf dem Flughafenrunway. „Stellen sie sich mal vor, was passiert wäre, wenn wir abgestürzt wären.“, scherzt der dicke Kerl neben mir auf einmal, der schon die ganze Zeit Flugangst hatte und seinem Sitznachbarn völlig auf die Nerven gegangen ist damit, dass die Stewardess schon mehrmals kommen musste und ihn fragen, ob er sich zusammen reißen kann – naja, so hat sie es nicht gesagt, jedenfalls nicht wörtlich; aber ihr wisst, was ich meine.

Irgendwie war ich dann also doch froh, dass ich mit ihm den Platz getauscht hatte. Sieben Stunden mit dem Flugzeug nach Westen ist auch so schon anstrengend genug, es ist immer anstrengend mit so vielen Leuten in einem Raum eingesperrt zu sein; aber dann auch noch direkt neben so einem dicken Kerl zu sitzen, der sich nicht zusammen reißen kann und wie so ein dummes Baby still sitzen bleiben, Ruhe geben kann und nicht bei jedem Luftloch ausflippt; naja, aber er hätte wenigstens netter fragen können.

„Hey, haben Sie A28?“ „Ähm.“, fühlte ich mich überrumpelt. „Da steht es doch, A28.“, zeigte er auf mein Ticket, dass ich noch weniger sagen konnte; ich hätte wirklich weniger trinken sollen. Verdammt, aber irgendwie ist es doch mittlerweile zu einer kleinen Tradition geworden, oder? Ich meine, damals bin ich nach Istanbul betrunken im Flugzeug geflogen, bin nach Budapest betrunken geflogen, also warum nicht jetzt auch wieder? „Mir wird im Flugzeug so schnell schlecht – kann ich den Sitz haben?“, wartete er nicht einmal auf eine Antwort von mir, sondern setzte sich einfach.

„Ähm, dann setze ich mich einfach …“, ähm, aber wohin denn jetzt? Hier muss doch noch ein freier Sitzplatz sein. „Sir, würden Sie sich bitte hinsetzen?“, fasste die Stewardess mich nun an der Schulter, um meine Aufmerksamkeit zu kriegen. „Sie müssen sich jetzt bitte hinsetzen.“, schaute sie mir jetzt direkt in die Augen. „Ja, ‚tschuldigung. Ich stehe etwas neben mir. Ich – irgendwie wird mir …“, „Also dafür, dass Sie vorhin so neben sich standen, sind sie jetzt sehr gesprächig, junger Mann.“, fasst mich die alte Frau am Arm, dabei habe ich doch gar nichts gesagt.

Aber manchmal hat man wohl so Tage, wo alles schief geht. Erst hatte ich meinen Flachmann vergessen, dann hat die Stewardess mir keinen Alkohol mehr serviert und dann flippt der dicke Kerl neben mir auch noch völlig aus, dass er unbedingt im Gang sitzen muss und jetzt habe ich auch noch diese alte Frau bis zur Gepäckausgabe an den Backen; kann es noch schlimmer werden? Das war’s dann wohl mit meinem ruhigen Urlaub; jetzt ist er auch gelaufen.

Kurzgeschichte

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