Keine Lust

i wish i could find a friend like that … but they don’t make them like that anymore.“, dröhnt noch die Musik aus meinen Kopfhörern, als ich mit Jan Philips Wohnung betrete und Philip seine Bücher zurückgebe, die ich mir ausgeliehen hatte.

„Und? Wie fandest du’s?“, zeigt er auf das Baum-Buch und fängt an den Tisch abzuräumen, damit wir gleich Platz für das Spiel haben. „Fand es wirklich eye opening – oder wie sagt man so schön?“, da aber keiner etwas erwidert, Jan nach dem Spiel fragt und Philip es ihm erklärt, oben auf dem Regal, komme ich da so dran, du müsstest auf einen Stuhl klettern, weil es ganz oben im Regal liegt und darunter noch andere Spiele, warte, ich komm einfach mit; erkläre ich weiter, als die Beiden mit dem Spiel unter dem Arm wieder zurück gekommen sind: „Wusste gar nicht, dass Bäume ein großes Nervensystem unter der Erde haben und sich dadurch gegenseitig ernähren, so also ein ganzer Wald eigentlich miteinander verbunden ist und – den Teil mit dem alleinstehende Bäume sterben halt früher, fand ich ziemlich traurig.“ „Ja, dass kommt halt daher, dass sich Bäume, wenn sie zusammen stehen, z.B.: Botenstoffe aussenden, um sich vor möglichen Fressfeinden zu schützen, sie ihre Nährstoffe durch ihr Wurzelsystem verteilen und fun fact so sogar schon längst abgestorbene Bäume weiter am Leben halten.“, erklärt er und reicht mir ein sauberes Glas. „Die Anderen müssten auch jeden Moment kommen.“, macht er nun erst einmal seine Rammstein-Playlist wieder an.

„Die Anderen?“, räume ich nun meine Einkäufe aus der Tasche. „Daniel und Tiziano – zu dritt ist so ein Abenteuer doch langweilig.“ „Apropos Abenteuer, was erwartet uns denn heute?“ „Ich hab da was ganz schönes für euch vorbereitet – ihr werdet Drachen essen oder zähmen können und müsst einen Banküberfall verhindern.“, packt Jan ein paar Bodenplatten aus dem Spielkarton, unsere Spielfiguren, die Karten, dann packt er die Bodenplatten wieder in den Kasten, weil das wohl die Falschen waren, sucht die Richtigen, wirft dabei die Würfel durch die Gegend, flucht kurz, legt ein paar Bodenplatten auf den Tisch, um eine freie Hand zu haben und rauft sich dann durch die Haare, sucht sein Storyboard, sammelt die Würfel wieder ein, flucht nochmal, legt uns unsere Charakterbögen hin, hat endlich einen Eureka-Moment und anscheinend zwei Bodenplatten in der Hand, die richtig erscheinen – währenddessen versucht Philip die vorhandenen Bodenplatten zu einem Kartenhaus aufzubauen, nur um von Jan angefaucht zu werden.

Ich gönne mir den ersten Schluck Grapefruit-Saft aus dem Glas, frage nach einem Untersetzer und zwinge Philip wieder zum Aufstehen – bis wir das Spiel aufgebaut haben, die anderen beiden Pappnasen auftauchen, vergeht eine halbe Stunde mit dummen Witzen über die Charaktervorgeschichte unserer Figuren, unserer Abneigung gegen Rex, dem Hau-Drauf-Schuft, dass die ganze Leory-Jenkins Sache eine abgekaperte Sache gewesen sein soll, was meinst du damit, anscheinend inszeniert und schon klingelt es und Daniel und Tiziano suchen sich aus den restlichen Figuren ihre Figuren aus, werfen ihre Jacken in die Ecke, nicht in dieser Reihenfolge natürlich und machen schon ihre ersten Witze, als Jan die selbstgeschriebene Kampagne vorliest.

„Und ich hab mir extra eine coole Vorgeschichte für meinen Charakter ausgearbeitet! – Soll das heißen, ich kann die nicht verwenden, nur weil es nicht mit der gesamten Geschichte des Spiels zusammenpasst?“, werde ich kurz wütend. „Ich hab dir gerade schon gesagt, dass deine Söldner-Background-Story nicht passt. In der letzten Schlacht allen Lebenswillen verloren und nur zu feige sich selbst umzubringen, deshalb als Söldner anheuern, um im Kampf gegen große, grüne Troll zu sterben – das ist ein bisschen Fad.“, ist Jan jetzt schon genervt von unseren dummen Einwürfen.

„Du hast es auch nicht richtig wiedergegeben, verdammt! Du hast die besten Teile weggelassen.“ „Stefan, dass hier ist immer noch ein Kinderspiel.“, erwähnt Philip mit Kopfschütteln, dass Tiziano kurz fragt, wie denn die ganze Charaktergeschichte gehen würde, Daniel fragt stattdessen, ob seine Charaktervorgeschichte denn passend wäre, natürlich fragt Jan mittlerweile weichgekocht vom Blödsinn: „Was ist deine Vorgeschichte?“ „Nicht meine, Joschuas – durch eine Hexe in ein Biest verwandelt, hat er nun nur noch ein paar Tage Zeit, um seine große Liebe zu finden, bis er für immer als Biest umherstreifen muss.“, fängt er an und Tiziano schüttelt nur den Kopf: „Das müsste der Plot von Die Schöne und das Biest sein.“ „Also fangen wir an?“, fragt Jan nur noch müde in die Runde und fängt nochmal an die Kampagne zu erzählen, diesmal in zwei Sätzen kurz zusammen gefasst: „Ihr seid also wie schon erwähnt über eine Drachenzucht gestolpert und erinnert euch an den Quest, den ihr von diesem …“ „Stimmt, der Waldschrat aus der Kneipe!“, „Nein, dass war doch dieser mysteriöse Waldläufer auf dem Wochenmarkt in … Gott, wie hieß das Dorf noch, dass wir fast abgebrannt hätten?“, „Wir? Du hast mit deinem Feuerzauber herum experimentiert.“, streiten wir uns, dass Jan nur: „Hey!“, rufen kann.

„Das bringt mich auf einen Gedanken. Hast du eigentlich noch das Amulett der Feuerresistenz dabei?“ „Ja, wieso?“, fragt mich Philip. „Weil ich nicht von deinem Feuerzauber getroffen werden will, wenn ich gerade wieder Rex an der Front heilen muss.“ „Vertraust du meiner Treffsicherheit etwa nicht?“ „Und was ist mit Rex, der ist egal, oder wie?“, fragt Tiziano kurz. „Ich vertraue euch allen nicht; aber das ist ein anderes Thema.“, greife ich noch zur Tastatur, weil mir dieses ewige Du hast, du hast mich vom Frontsänger von Rammstein so langsam in den Wahnsinn treibt.

„Müssen wir erst ein paar Trustfall-Übungen mit den Trollen, Kobolden und Wölfen machen, damit du dich gut behütet fühlst?“, macht Philip wieder Witze, worauf Jan nur einwirft: „In dieser Kampagne haben wir gar keine Wölfe – Eiswölfe vielleicht später; aber ich bezweifele, dass wir bis dahin kommen.“ „Nun, wenn wir uns noch weiter mit so Kleinigkeiten aufhalten, kommen wir da ganz bestimmt nicht hin heute.“, reicht Daniel die Knabberschüssel rum und Tiziano fragt, ob wir nachher noch Essen bestellen wollen oder so, weil er anscheinend nichts gegessen hatte.

„Jetzt lass doch mal meine Musik in Ruhe.“, nimmt mir Philip die Tastatur wieder aus der Hand. „Tschuldigung, dass ich Musikgeschmack hab und nicht den ganze Tag Rammstein hören möchte.“ „Das eine hat mit dem Anderen gar nichts zu tun – und gleich würden ja auch andere Lieder kommen; guck da zum Beispiel Gorillaz – zufrieden?“, zicken wir uns schon an wie so kleine Kinder.

„Ich geh mal eben aufs Klo.“, überlasse ich ihm die Tastatur und verfolge die 2D-Comic-Figuren auf dem großen Bildschirm wie sie nun Clint Eastwood spielen.

„Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, kann man das Spiel auch nur auf zwei Varianten beenden – entweder treibt man den Spielmeister so lange in den Wahnsinn, bis er aufgibt oder man stirbt in irgendeiner Höhle.“ „Nur weil du diese zwei Möglichkeiten kennst, heißt das nicht, dass es nur diese zwei Möglichkeiten gibt.“, komme ich wohl gerade wieder passend an den Spieltisch zurück, denn sie versuchen gerade zwei Themen, nämlich die aktuelle Tagespolitik und den Spielverlauf, unter einen Hut zu bekommen und mache vorsichtshalber mal mein Smartphone aus.

„Wie gehen wir jetzt am besten vor?“, „Kannst du nicht mit deinem Feuerzauber reinschießen und erst einmal ein bisschen für Chaos sorgen?“, „Ich würde mich von dieser Seite anschleichen und dann dem ersten Schleimmonster in den Rücken fallen, sodass das uns nicht mehr angreifen kann.“, „Ne, lass mal. Leg mal lieber hier ein paar Fallen hin und dann locken wir sie durch diesen Engpass, wie …“ – „Stellt euch mal vor, die Monster kriegen das ganze Gelaber unsererseits zwischen den Zügen mit und stehen jetzt da vor der Tür ihres Drachennests und schauen sich nur mit einem fragenden Gesichtsausdruck an, so nach dem Motto: Müssen wir uns jetzt Sorgen machen oder was?“, lache ich und in dem Moment setzt die Musik aus; eine Nachricht erscheint auf dem Bildschirm: „Video has stopped – do you want to continue?“, dass wir uns jetzt alle fragend angucken und diesen Müssen wir uns darüber jetzt Sorgen machen?-Gesichtsausdruck haben.

„Drück mal continue.“, weist Jan Philip an, der die Playlist fortsetzt, sich dann kurz entschuldigt, was aus der Küche holen geht und begleitet von We didn’t start the fire mit einer Gin Flasche unter dem Arm wieder ins Wohnzimmer kommt. „Das finde ich bei Star Trek immer so seltsam, dass die einfach immer alle Leute hochbeamen – da stehen drei Leute, also beamen wir die drei Lebensformen hoch; so ganz ohne zu gucken, wo die stehen oder was die machen.“, schüttelt er sich nur für uns alle stellvertretend und bringt mit seiner Frage, ob wir jetzt schon in seiner Abwesenheit einen Zug gemacht hätten, wieder Normalität ins Spiel – ehrlich gesagt saßen wir da nämlich alle ziemlich bedröppelt und wussten nicht so ganz, was wir damit anfangen sollten.

„Ich würd‘ dann mal sagen, da ich ja noch diesen coolen Trank in meinem Rucksack habe, der uns erlaubt die Zeit anzuhalten, halte ich die Zeit an, wir legen unbemerkt Fallen, du schießt einen Feuerball auf die und so locken wir sie in den Engpass, damit wir sie da von allen Seiten beschießen können.“, mache ich einen Vorschlag, der gerne angenommen wird.

Philip würfelt also, wirft eine 20ig und da die Verteidigung der Feinde nicht gut war, mittlerweile läuft Money can’t buy me love, stirbt die Hälfte der Kobolde, dass Daniel und Tiziano kurz jubeln und Philip nur: „Also wenn das in echt möglich wäre, würde das viele Probleme lösen.“, lachen kann. „Wir sind einfach zu viele Menschen – wir brauchen eine Plage.“, sinniert Daniel. „Wie kommst du das denn jetzt darauf? – – Seit wann zitierst du denn The Office?“, sammelt Jan seine Koboldleichen ein.

„Also ich hab da ja andere Pläne.“, zische ich nur wie so oft heute, ohne es näher zu erklären und habe nach dem Musik-Stop von gerade die ganze Zeit den Fernseher im Auge, falls wieder was unvorhergesehenes passiert; nun folgt auf The Beatles Airbourne – back on the bottle und schüttelt uns durch, dass Philip mich nur fragt: „Und das macht dich jetzt nicht aggressiv?“ „Doch klar, und wie!“, greift er deshalb zur Tastatur und lässt Weird Al nebenbei laufen.

„Hat es gerade geklingelt?“, steht Daniel auf und macht die Tür auf, um dann: „Die Pizza ist da.“, ins Wohnzimmer zu rufen.

Kurzgeschichte

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