Familienkaffee

„Das ist wirklich krass, weil … ach, keine Ahnung, du musst das mal mitkriegen. Es ist wirklich absurd. Jeder will irgendwie, dass ich ihre Geschichte aufschreibe. Da war mal diese Eine, die halt, weil ich meine Tasche ausgeräumt hatte und da ein Kulli bei war, direkt fast aufgesprungen ist und meinte: Du schreibst? Dann musst du alles aufschreiben, was wir gerade besprochen haben! Und sie erzählte mir ihre ganze, verdammt coole Lebensgeschichte!“ „Wer will denn gleich Kaffee?“, unterbricht sie mich, den Kuchen unter dem Arm.

„Und in Amsterdam hab ich in diesem Restaurant gefrühstückt und am Nebentisch von mir saßen halt ein paar Syrer und die erzählten so laut, dass es jeder hören konnte: Es gibt keinen syrischen Staat mehr; bla bla – und dass sie eigentlich nur jemanden suchen, dem sie ihre Geschichte anvertrauen können, dass sie jemanden suchen ihre Flüchtlingsgeschichte zu erzählen und all sowas und … Alter, dass ist wirklich frustrierend, wenn man eigentlich Urlaub machen will. – – Hab mich dann aber trotzdem mit denen unterhalten und die meinten, dass es für sie mittlerweile völlig normal sei, dass sie Leichen auf der Straße liegen sehen und all so einen Mist und … ach …“ „Ich hab letztens übrigens mal dein Rezept ausprobiert.“, meint meine Mutter zu meiner Tante. „Der Kuchen ist wirklich lecker geworden, jetzt wo ich echte Vanille statt des Vanillezuckers benutzt habe.“ „Oh, und hast du auch die Mandeln in den Teig gerührt, wie ich es dir empfohlen habe?“, übergehen sie meine Erzählung anscheinend vollkommen.

„Auf jeden Fall hatte ich nicht mal in Amsterdam meine Ruhe, eigentlich wollte ich ja nur mal ein paar Tage Urlaub machen. – – Aber irgendwie kannte mich jeder.“, komme ich deshalb zum Ende. „Bildest du dir das nicht nur ein?“, fragt mein Vater und schenkt den Kaffee ein. „Nein – das müsst ihr mal miterleben! Das ist wirklich krass!“ „Kennt ihr zufällig diesen Comic?“, holt mein Bruder sein Smartphone raus. „Hier, Jack the Ripper. Aber eben als Jack the Stripper – und alle so: Oh, my! Jack the Stripper!“

„Ich wusste nicht, was du benutzen willst, deshalb hab ich dir Löffel und Gabel hingelegt.“, erklärt meine Mutter die Besteckverteilung und erklärt sie eigentlich nur für mich, als sie den Kuchen anschneidet und mir ein Stück Käsekuchen gibt. „Weißt du, ich hatte von meinem Hotelzimmer aus Blick auf den Schriftzug Omnibus Idem – war halt als Schriftzug auf einem der Nachbarhäuser drauf.“ „Warst du nicht schon mal in so einem Zimmer?“, fragt mein Vater. „Das ist fast schon so lange her, dass es nie passiert ist.“, flüstere ich, dass die Frau meines Bruders nur kontern kann: „Was nuschelst du dir da in deinen imaginären Bart?“, dass ich kurz schmunzeln muss und meine Tante frage, ob dass das Rezept von meiner Oma sei.

„Ich hole mal eben noch die andere Kaffeekanne aus der Küche.“, entschuldigt sich meine Mutter kurz. „Weißt du, ich hab ja immer gedacht, Treibsand würde ein viel größeres Problem werden, weil ich es so viel in den Kinderserien unserer Zeit gesehen habe.“, stupst mir mein Bruder in die Seite und gönnt sich ein Stück vom Kuchen. „Ich hatte letztens einen Handball-Profi in meiner Praxis und habe gedacht, weil er halt eine gewisse Zeit auf der Ersatzbank saß, dass er völlig aus der Form wäre oder so, aber der hatte ein richtiges Sportlerherz, Blutdruck und Kreislauf war in Stresssituationen optimal – er hatte nur etwas Speck angesetzt.“, unterhält sich die Frau meines Bruders simultan mit meiner Tante.

„Aber insgesamt finde ich es schon krass, wenn man das mal bedenkt, ich war dann noch im Reichsmuseum und in der Vorhalle waren halt laut Audioguide alle niederländischen Künstler in so Kirchenmosaiken abgebildet und was mich verwundert hat, war, dass da auch Plato abgebildet war – das muss ich auf jeden Fall nochmal irgendwann recherchieren.“, brabbele ich immer noch. „Wie hat dir denn der Trip ins Reichsmuseum gefallen? – – Ich weiß noch, dass ich mit eurer Mutter damals vor zwanzig Jahren mal da war und“ „Aber dass ist ja jetzt schon wieder so lange her, dass kann man nicht vergleichen.“, unterbricht meine Mutter meinen Vater nur und er nimmt ihr die andere Kaffeekanne aus der Hand, stellt sie neben sich auf den Boden, legt den Arm um sie und küsst sie auf die Wange.

„Was ich ein bisschen makaber fand, dass du am Ende der Tour noch die Möglichkeit hattest, wie in dieser einen Docter Who-Folge mit Emojis deine Erfahrung zu beschreiben; du konntest zwischen Happy, nicht so happy, nicht ganz so traurig und traurigem Smiley auswählen; fast so, als wäre der ganze Besuch ein einziger Business-Trip und bedürfe nur noch einer einfachen Bewertung. Irgendwann bekommen wir nur noch die Möglichkeit Daumen hoch oder Daumen runter auszuwählen. – – Aber ganz ehrlich.“, gönne ich mir einen Schluck Kaffee und habe auf einmal die ganze Aufmerksamkeit des Kaffeetisches: „Wie soll man sonst Massen von Menschen, in diesem Fall Touristen, verwalten, als mit Hotelketten, die überall auf der Erde identisch sind, mit Hostelzimmern, mit Restaurants, die wie … ach, … keine Ahnung – für mich ist das ein klarer Indiz für den Einfluss der EU, also diesem Überall-die-gleichen-Maßstäbe-überall-die-gleichen-Richtlinien-Freihandelsabkommen-Kapitalismus-Monstrums. Kein Wunder, dass England bei diesem kapitalistischen Spiel nicht mehr mitmachen will – es ist einfach nur traurig, dass die EU diesen Trumpf der Reisefreiheit in der Hinterhand hat, um dem einfachen Volk den EU-Austritt madig zu machen. – – Tschuldigt mich mal eben, ich muss mal eben austreten.“, entschuldige ich mich und gehe pissen.

Als ich wieder zum Familienkaffee zurück komme, diskutieren sie über die neue Studie, dass Zahnspangen anscheinend keinen medizinischen Nährwert haben und dass, sobald die Krankenkasse nicht mehr für Zahnspangen bezahlen will, einfach eine neue Studie aufploppt, die belegt, dass es nicht mehr gut für die Zähne ist und ohne irgendwas von den vorherigen Argumentationen mitzukriegen, meine ich einfach: „Finde es schon seltsam, dass jeder, der als Kind eine Zahnspange hatte, jetzt eine Beißschiene zum Schlafen braucht.“ „Weil auch alles miteinander zu tun hat.“, kontert nur mein Bruder und fragt, ob ich noch ein Käsekuchenstück möchte, weil er gerade seinen eigenen Teller vollmacht und die Kuchengabel in der Hand hat.

„Ja, warum nicht.“, halte ich ihm meinem Teller hin.

Kurzgeschichte

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