A different Age

„Und ich komme halt in dieses Restaurant rein und die Bedienung ist am Telefon und meint halt so Sachen wie: Oh, he was so sweet, wasn’t he? – Und als ich bestellen will, stellt sie mir halt diesen Berg Servietten da hin, und meint irgendsowas wie: Well, we don’t want that you don’t have enough napkins, don’t we?“ „Weil du der einen mit einem Zewa den Schweiß aus der Stirn getupft hast?“, fragt er und trifft voll ins Schwarze.

„Dabei war das am anderen Ende der Stadt – naja, ich hab dann erst mal in Ruhe was gegessen und irgendwann hab ich gedankenverloren auf den Fernseher gestarrt, ich glaube, es liefen Nachrichten über den Brexit oder so und habe mit meinen Fingern geknackt und erst habe ich mir da nichts bei gedacht, aber dann hab ich rübergeschaut zu der Bedienung und gemerkt, dass jedes Knacken meiner Hand sie noch mehr zusammen zucken ließ. Sie war halt beim Besteck einräumen und zuckte immer mehr zusammen, bei jedem Knacken meiner Fingergelenke, weil sie wohl dachte, ich will mit meinen Fingern die Bedienung her schnipsen, um zu bezahlen – wir waren übrigens alleine im Laden. Erst hab ich gedacht: fuck, jetzt denkt sie bestimmt, ich will sie zu mir her schnipsen, aber dann war mir das auch egal. Soll sie doch ein bisschen leiden. – – Naja, long story short: Als sie dann endlich zu meinem Tisch kam und ich immer noch meine Finger geknackt habe, hat sie halt irgendeinen Witz gemacht, erleichtert gelacht und alle Anspannung war mit einem Male auf ihrer Seite wie weggeblasen. Sie hat mich zwar noch gefragt, was ich jetzt noch so mache, aber ich bin einfach weitergezogen.“, lehne ich mich in seinem Sofa zurück und ziehe die Beine zu einem Schneidersitz an, erwarte fast, dass er irgendeine Diskussion zum Brexit anfangen will, dass er mich fragt, was ich im Restaurant gegessen habe oder wo ich danach hin bin – keine Ahnung, irgendwas wenigstens, aber er sitzt nur da und starrt in seine Tasse.

„Am nächsten Morgen bin ich nach dem Frühstück in einen Coffeeshop, so gegen zehn oder elf rum muss das gewesen sein, war halt noch keine Sau da und erst dachte ich, ich wäre mit dem jungen Kellner ganz alleine im Laden, aber dann kam halt eine andere Kellnerin aus dem Keller, mit Spültuch über die Schulter gelegt, zerzauste Haare und zerbeultes Gesicht, wie man halt aussieht, wenn man frisch aufgestanden ist und keine zehn Zentner Schminke im Gesicht hat, menschlich halt und die beiden haben Donuts von einem Fahrradkurier zum Frühstück bekommen, haben zusammen die Theke weiter aufgeräumt, mir hin und wieder was neues zu trinken vorgesetzt und sind bei Chelsea Digger mega abgegangen, haben mitgesungen, getanzt und so’n Zeug; mega süß – es war wirklich umwerfend, fast so umwerfend, dass ich nach einem Stück Zettel gefragt hätte, um die Stimmung einzufangen; aber ich hatte mir ja ein paar Tage Urlaub gegönnt und einfach nur mal nachgedacht, kein Wort geschrieben.“ „Ja, das ist auch mal wichtig; nur nachzudenken – vor allem mit einem Haufen …“, will er schon wieder zu einem dummen Kommentar ausholen. „Auf jeden Fall.“, unterbreche ich ihn aber, dass er ins Stocken kommt und ich nur wieder: „Auf jeden Fall hat sie sich, nachdem die Kneipe wieder auf Vordermann gebracht wurde mit ihrem Spiegelbild aus einem Aschenbecher geschminkt und ist wirklich, so von Null auf Hundert von einem Entlein in einen – keine Ahnung, ich will jetzt auch nicht herablassend klingen – aber hätte danach gut und gerne im Musikvideo von Chelsea Digger mitspielen können.“, lache ich verkrampft.

„Dagger, das Lied heißt Chealsea Dagger.“, korrigiert er mich aber nur. „Und, hattest du dich denn dann noch ein bisschen mit ihr amüsiert?“, fragt er ganz zweideutig, was etwas unüblich für ihn ist; sonst lässt er mich nicht so viel Quatsch labern und unterstützt meinen Blödsinn nicht weiter, wenn es zu ausschweifend wird. „Ne, bin danach gegangen. Hab meine Morgenroutine eingehalten, bin von Coffeeshop zu Coffeeshop und danach in mein Hotelzimmer.“, zucke ich einfach nur die Schultern und schaue mir den Zeitungsartikel mit der neuen Bilderbuch-CD genauer an, den seine Schwester vorhin für uns vorbei gebracht hat. Sie wollte nur kurz den Zeitungsartikel abgeben, ist dann aber fast drei Stunden geblieben und hat mit uns den üblichen Blödsinn gelabert, Wortwitze gemacht, rumgealbert und am Ende sogar noch ein Gesellschaftsspiel rausgeholt, sodass die drei Stunden wie im Flug vergangen sind – vielleicht ist Zeit wirklich relativ.

„Oh, Mann. – Kennst du eigentlich Hitman, diese Spielereihe?“, reißt er mich aus den Gedanken. „Ja, klar. Haben wir doch damals in meiner WG durchgespielt; – warst du da nicht bei? Oder hab ich das mit meinem zweiten Mitbewohner durchgespielt?“ „Keine Ahnung, aber weißt du, es gibt da diese Witze; einer so: Wann merkst du, dass du zu viel Hitman gespielt hast? Wenn du mit einer drei Nummern zu großen Polizeiuniform ins Polizeirevier läufst, wenn du immer eine Klaviersaite mit dir rumträgst, wenn du vergisst zu springen.“, schaut er auf den Boden seiner mittlerweile leeren Kaffeetasse und lehnt sich vor: „Weil man in den Spielen ja nicht springen kann.“, lacht er jetzt kopfschüttelnd und steht auf, um neuen Kaffee anzustellen.

„Ja, stimmt! Den kenn ich schon. – – Ich weiß noch, dass ich immer total geheimagentenmäßig an jede Mission rangegangen bin, indem ich halt am Ende jeder Mission einen ganzen Raum voller Leichen hatte – ganz nach dem Prinzip: Wenn keiner mehr übrig ist, um den Mord.“ „Stimmt, ja; – ich glaube, haben wir wirklich gemeinsam mit den Anderen gespielt gehabt damals. Du bist immer so tollpatschig in jede Mission rein und hast die Leichen alle übereinander gestapelt.“, verschwindet er in die Küche, um nach dem Kaffee zu gucken und als er wieder ins Wohnzimmer kommt, wechselt er das Thema: „Megaplex und Checkpoint sind für mich die besten Lieder von Mea Culpa – das ist so ein seltsam, cooles Album. Hab gehört, dass die nur eine kleine Vorabvorschau rausgehauen haben und das richtige Album dann im Februar rauskommen soll. Haben die kein bisschen groß angekündigt, nur still und heimlich auf Youtube hochgeladen auf ihren Account – nachdem das jetzt ein paar Mal im Hintergrund gelaufen ist, muss ich sagen, das hat was.“ „Ja, ich weiß auch nicht. Bei Bilderbuch klingt jeder Song irgendwie gleich, wenn du mich fragst. Es klingt alles wie so ein Mix aus cooler Fahrstuhlmusik und diesen Sound aus der Kika Bernd das Brot-Lounge.“ „Witzig, in irgendeinem seiner Songs gibt es auch die Anspielung auf Bernd das Brot.“, lacht er jetzt. „Naja, am Ende ist es doch immer wie … wie drückte es Frank Zappa noch aus? Über Musik zu reden ist wie Architektur zu tanzen?“, werfe ich ihm eines seiner Dauerzitate an den Kopf, dass er nur entschuldigend lächeln kann und schließlich wieder aufsteht und die Kaffeemaschine ausstellt, den Kaffee holt.

„Finde aber, dass das totaler Quatsch ist. Man kann über Musik reden, vor allem, weil man dann erfährt, was der Andere dazu zu sagen hat. Dann kann man irgendwie besser connecten, so auf menschlicher Basis, verstehst du?“, kippe ich mir Whisky in den Kaffee, während er Milch und Zucker nimmt. „Ja? – Ach, was weiß ich.“, zuckt er aber nur mit den Schultern. „Ich will nicht connecten, ICH will nur meine Ruhe.“, ist er auf einmal abweisend. „Ich glaube, wir haben gerade völlig aneinander vorbei geredet.“ „Findest du?“, schaut er mich nur aus dem Augenwinkel an, während er den Zucker verrührt.

Kurzgeschichte

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