The Window

„Noch eine Partie?“ „Ne, lass mal eine Pause machen.“, beende ich Age of Empire. „Weißt du noch, dass David immer auf dem Weihnachtsmarkt steht und selbstgemachte Frühstücksbrettchen verkauft?“; – als ob ich mir sowas merken würde; nichts für ungut David, denke ich und antworte gedankenverloren ohne Hintergedanken: „Ne, vielleicht hab ich einfach nicht so ein gutes Gedächtnis wie gedacht. – – Kommt beim näheren Überlegen vielleicht vom vielen Trinken; dabei gibt es doch selbst in Game of Thrones eine Figur, deren Charaktereigenschaft heißt: I drink and i know stuff.“, kratze ich mich angesichts dieses schlechten Witzes entschuldigend am Hinterkopf und komme mir vor wie Sherlock, der sich nicht merken will, ob die Sonne der Mittelpunkt des Universums ist. „Mhm – genau, du Trottel.“, lacht er trotzdem, fast mitleidig.

„Hast du denn wenigstens von dem Hackerangriff gehört?“, fragt er. „Auf die Politikerinnnen und Politiker, Promis und Medienmenschen? Ja, was soll man da noch zu sagen? – – Ich war’s auf jeden Fall nicht.“, stelle ich meinen Laptop zur Seite. „Bin doch selbst schon zu dämlich meine Sachen vor Angriffen zu schützen; sieht wohl so aus, als säßen wir jetzt im selben Boot.“, zucke ich nur die Schultern. „Habe letztens mit einem IT-Experten geredet und fun fact, er hat beinahe wortwörtlich gesagt, wenn sie dich abhören wollen und Informationen von dir stehlen wollen, schaffen die das auf die eine oder andere Art auch. Guck dich doch nur mal in diesem Raum um, hier liegen zwei Laptops, mein Smartphone – die kriegen dich immer irgendwie dran.“, bietet er mir jetzt ein neues Bier an.

„Also haben wir verloren, wir können aufgeben; du sagst: man kann sich die Kugel geben, den Strick nehmen, etc. pp? Es hat also keinen Sinn mehr.“ „Du sollst mir nicht sagen, was ich hören will. Ich will deine Meinung dazu hören; deine echte Meinung.“ „Okay, hier ist ein klein bisschen Wahrheit: Als ich dir vorhin beim Zocken gesagt habe, dass ich gesehen habe, dass du diesen Artikel über Jason Bourne gelesen hast und auf Facebook geteilt hast, geliked hast und ich ihn daraufhin auch gelesen habe, wollte ich gucken, wie du reagierst, wenn ich dich damit konfrontiere und das Interessante ist, du hast nur das geantwortet, was im Artikel stand. Du hattest keine eigene Meinung.“, lehne ich mich vor und stoße mit ihm an. „Jorden Pet“, versucht er mich noch zu korrigieren. „I know, come on – this is our thing.“, sagt wohl mein Blick, denn jetzt lacht er: „Naja, dass ist halt, wie man seine Meinung bildet.“

„Ich hol mal noch neues Bier aus dem Keller.“, entschuldigt er sich kurz. „Weißt du, was ich an Jason Segel“ „Ha, Jason Segel; der ist gut.“ „Ja, ne? Was ich an Gorden Ramsey bewundere? Seine Argumentation. Er benutzt halt viele Dinge als Metapher, um seinen Standpunkt deutlich zu machen und dann kannst du das halt auch schlecht angreifen, weil er immer noch sagen kann, das war nur eine Metapher.“, kommt er mit einem neuen Sixpack unter dem Arm ins Zimmer. „Ja, da hast du völlig Recht – ich hab letztens eine Hörsaalvorlesung von Flash Gorden gehört und da hat er eben anhand von Harry Potter die Stellung des Mannes in der Gesellschaft zusammengefasst und ich dachte mir die ganze Zeit: Ja, aber irgendwie ist das Bild etwas schief, dass er da präsentiert und dann hat er halt die Klasse gefragt, wer die Harry Potter-Bücher gelesen hat oder zumindest die Filme gesehen hat und alle Hände sind halt nach oben gegangen und er meinte dann: Ja, seht ihr! Deshalb mach ich das hier für euch!“ „Ja, fair enough.“, nimmt er noch einen letzten Schluck, bricht dann das neue Sixpack an: „Was machen wir jetzt? Noch eine Partie AOE?“ „Wie wäre es mit eine Folge gucken?“ „Was denn?“ „Hab schon ewig nicht mehr How I met your Mother gesehen, um ehrlich zu sein, bin ich gespannt, was mir beim zweiten Gucken so auffällt.“ „Wegen Jason Segel gerade?“, lächelt er. „Schon wieder?“, lehnt er sich aber in seinem Schreibtischstuhl zurück. „Always.“, lächele ich und wühle etwas in seinen Sachen: „Woher hast du die denn? – Broken Crown.“, lese ich das mit Edding Geschriebene auf der Burger King Krone. „Da steckt doch bestimmt eine Geschichte hinter?!“, werfe ich sie ihm zu. „Du musst auch immer in meinen Sachen wühlen, oder? Es geht immer Weiter, immer weiter mit dir, stimmt’s?“, fängt er die Krone und verschüttet dabei fast sein Bier.

„Oh, meinen Mitbewohner kennst du noch?“, setzt er sich die Burger King Krone auf. „Hi, störe ich? Wollte eigentlich nur ein Bier von euch schnorren – na, wie geht’s?“ „Ganz gut, danke – und selbst?“, machen wir erst etwas Smalltalk und kommen dann auf Filme zu sprechen, reden darüber, dass die Türkei auch Superman-Filme gemacht hat, also damals diese 70iger Jahre-Superman-Filme der Amerikaner furchtbar schlecht kopiert hat und wir machen unsere dummen Witze, dass es jetzt nur noch fehlen würde, dass Superman statt eines S auf der Brust ein T stehen hat und reden über Uwe Boll’s – Postel und dass er es geschafft hat, die Essenz des Videospiels perfekt einzufangen und dass man das doch erst mal schaffen müsste und und und, bis er sich entschuldigt, uns wieder alleine lässt.

„So, sollen wir noch eine Partie spielen?“

Kurzgeschichte

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