Alan – The Raven

„Please allow me to introduce myself. i’m a man of …“ „Ganz schön laut hier.“, stupst er mich an. „Ich brauch erst mal was zu trinken.“ „Zu nüchtern für das alles hier, oder was?“, scherzt er, folgt mir aber ins Chaos – er hat ja auch nicht zwischen dem üblichen Familiengedöns drei Texte rausgehauen, die seine Gegenwart und Zukunft massiv beeinflussen können. „I was round when Jesus Christ had his Moment of Doubt and Pain.“, dröhnt aus die Boxen. „Hast du eigentlich diese Geschichte gehört von dem Typen, der im Fear and Loathing-Styl auf die Start- und Landebahn des Flughafens in, war glaube ich, Hamburg gebrettert ist?“ „Please to meet you – Hope you get my Name.“ „Was hat er?“, hab ich kein Wort verstanden oder zumindest habe ich, glaube ich, nicht das verstanden, was er eigentlich wollte, drängele mich aber einfach zur Theke durch und hebe die Hand, bekomme nur ein Kopfnicken vom Thekenpersonal.

„But whaaat puzzling youuu is the nature of my game!“, singen die anderen Gäste jetzt leiernd und zeitversetzt mit, sodass ich nicht verstehen kann, was der Typ hinter der Theke von mir will, seine Worte kommen irgendwie auch nicht bis an mein Ohr. In diesem Krach ist er wie ein kleines Teilchen einer großen Fließbandfertigungsanlage, er schnappt sich die gespülten Gläser und hält sie einmal unter den Wasserhahn, um das restliche Spülmittel raus zu waschen – als ich noch als Kneipenwirt gearbeitet habe, haben wir das immer auf Nummer sicher gehen genannt – und füllt dann am laufenden Band neues Bier in die Gläser, die mittlerweile jegliche Form annehmen müssen; bei dem Andrang ist es ihm aber auch nicht zu verübeln, dass man sein Bier auch in einem Krug kriegt.

„Stefan? Stefan Schürrer? – – Hey, deine Brillengläser sind beschlagen.“, tippt ein alter Schulfreund in diesem ganzen Chaos, um meine Aufmerksamkeit zu ergattern, auf meine Schulter und lacht. „Ja, und wie geht’s dir so?“, bin ich wohl noch zu menschlich, noch zu nüchtern, noch zu normal für diese Art des Gesprächs, denn er schreckt daraufhin kurz zurück, wie ertappt schaut er auf den Boden, wir beobachten gemeinsam für einen kurzen Augenblick sein Bier, wie es tollpatschig auf den Paketboden tropft, dann richtet er sich wieder blitzartig auf, hält sein Bierglas aber immer noch ziemlich gefährlich, sodass es jeden Moment wieder auslaufen könnte. „Ganz gut. Danke.“, nuschelt er nur und verschwindet wieder zu den restlichen Tischen; also zu den restlichen, ehemaligen Schulfreunden, die mal wieder für die Feiertage in die Stadt gekommen sind und jetzt Recht froh sind nach dem ganzen Stress mit der Familie am 26. Dezember endlich wieder die Luft raus zu lassen – jedenfalls geht es mir jedes Mal zum Stefanus Steinigen so.

„Bringe dir auch deine Stange Zigaretten mit; die kannst du dir dann mit deinen Freunden teilen *Zwinker-Emoji*.“, piept mein Smartphone auf einmal, Arnold hat auf meine Nachricht von vorhin geantwortet, dass ich schon losgefahren bin.

„Also, was willst du trinken?“, fragt mich Flo und steht immer noch neben mir an der Theke. „Bier bitte!“, halte ich dem Wirt die Hand vor die Nase. „And all Sinners are Saints.“, singe ich für mich Sympathy for the Devil mit, wippe mit dem Kopf und wippe mit dem Fuß und merke erst jetzt, weil er den Blitz an hat, dass neben mir einer steht, der sein Smartphone rausholt und ein Foto machen will und wahrscheinlich bin ich wirklich noch zu nüchtern für diesen Mist, denn mein ganzer Körper verkrampft und jeglicher Rhythmus ist mir schlagartig aus den Knochen gefahren – oder ich war einfach nicht darauf vorbereitet in meiner alten Stammkneipe, in der ich damals schon meine Kunststunden geschwänzt hatte fotografiert zu werden; bevor ich aber irgendwas sagen kann, meint ein Anderer an der Theke: „Hey, muss das sein? – – Pack das Ding weg!“

Flo versucht unterdessen bei dem Wirt zu bestellen, bekommt aber keinerlei Aufmerksamkeit von dem Thekenpersonal, kurz überhöre ich, wie einer ihm den Tipp geben will: „Bei dem kannst du nicht bestellen, musst bei den Mädels bestellen, die hier rumlaufen.“ – aber er hört es nicht und bevor ich ihm etwas sagen kann, reicht mir der Wirt ein Bier aufs Haus, wie er sagt; ich bedanke mich herzlichst – schließlich habe ich jetzt etwas in der Hand, woran ich mich festhalten kann.

Ich gönne mir einen großen Schluck und betrachte dann den Raum. Vor einer halben Stunde habe ich ein paar Leuten geschrieben, dass ich mich jetzt auf den Weg mache, ob die schon da sind?

Ich kämpfe mich wieder in den Kneipenraum zurück, der voller bekannter, wenn nicht sogar alter, guter Freunde ist und nicke ein paar Gesichtern zu, die mit mir Augenkontakt suchen – es sind aber nicht die, denen ich geschrieben hatte und die, die hier sind, sind so in Gespräche vertieft, dass ich mich ungerne einmischen wollen würde.

Jetzt fallen mir auch die Bedienungen auf, die mit ihren Tabletts durch die Gegend rennen und mit vollen Gläsern im Laden verschwinden und mit Leeren wieder zur Theke zurückkehren. „Woran denkst du gerade?“, steht Flo auf einmal neben mir mit einem Bier in der Hand. „Oh, hast du auch was gekriegt?“ „Hab’s mir einfach unter dem Zapfhahn weggenommen.“, lacht er. „Also, woran hast du gerade gedacht?“, fragt er wieder. „Ach, habe letztens Bumblebee geschaut und frage mich, wie ich daraus eine Geschichte mache. – – Der Film hat alles, was ein Film heute braucht: eine starke weibliche Leitfigur, 80iger Nostalgie und …“ „Hey, da bist du ja.“, grüßt mich ein alter Schulfreund und reißt mich aus der Konversation. „Seit ihr schon lange da?“, fragt der Nächste, der gerade mit dicker Jacke und Mütze reinkommt und sich den Weg zu uns freigekämpft hat.

„Worüber redet ihr?“, schmeißt er sein Zeug auf einen der Tische, auf denen schon unsere Sachen liegen. „Über neue Filme und Serien.“, werfe ich in die Runde, worauf Arnold ohne zu antworten bei einer der Kellnerinnen direkt acht Bier bestellt – wer weiß, wann sie wieder bei unserem Tisch vorbei kommt. „Apropos Serien – kennt ihr schon Final Space? Falls ihr ein Fan von Futurama gewesen seid und Gary and his Demons mochtet, dann werdet ihr diese Serie lieben!“, streicht er sich die Haare aus dem Gesicht, richtet seine Fliege und steckt sein Hemd wieder in die Hose; dann ist Tom auch anscheinend endlich angekommen. „Die kannte ich noch gar nicht; hab aber letztens Bird Box gesehen, sehr zu empfehlen. – – Solltest du dir unbedingt mal angucken, Stefan.“, lehnt sich Arnold auf den Tisch und wird auch schon wieder von Lemon Tree’s „I’m turning, turning, turning, turning around.“ übertönt, der Song läuft jetzt schon zum zweiten Mal in der kurzen Zeit, in der ich hier bin.

„Hey! Da seid ihr ja! – – Stefan, was muss ich da lesen? Bist mit den Menschenrechten verlobt? Abgefahrene Sache!“, haut er mir zur Begrüßung etwas zu fest auf die Schulter. „Habt ihr die zehn Bier bestellt?“, stellt die Bedienung ihr Tablett auf unserem Stehtisch ab. „Klar.“, brabbele ich drauflos und will schon das Bier greifen, als am Nachbartisch einer winkt: „Zehn Bier? Die sind hier!“

Isolation is not good for me. Isolation – i don’t want to sit on a lemon tree.“, pfeift Benjamin unverfroren am anderen Ende des Raumes und nickt mir jetzt zu, als er mich endlich gesehen hat und gerade unterhält er sich noch mit einem aus seinem Physik-LK von damals, will er mir mit gestikulieren verständlich machen, gleich kommt er zu uns rüber.

„Na, kann man ja trotzdem mal versuchen – ’ne?“, zwinkert mir Tom zu. „Hier, ich kann nicht mit ansehen, wenn ihr auf dem Trockenen sitzt.“, stellt einer vom Nebentisch uns vier Bier hin; dass wir auf ihn anstoßen, jeder hat sich so schnell ein Glas genommen, als wenn wir mit den Gläsern Reise nach Jerusalem gespielt hätten, sodass Flo leider leer ausgeht – ich schaue nur kurz rüber zu ihm, aber sein Blick sagt mir: „Schon gut, ich hab ja noch.“

„Also? Sagst du uns, mit wem du verlobt bist?“, haut mir Michael noch mal auf die Schulter. „Ist es die eine? – Na, die, die hinter dir her war? – – Dann ist dir aber schon klar, dass du einen ziemlich geilen Schwiegervater bekommst, ’ne? Ich sag nur, ein verdammt wilder Zirkus.“, lacht er und eröffnet so die Bühne für die Anderen. „Nur blöd, dass dich dann deine Schwägerin schon nackt gesehen hat?“, legt Tom nach. „Ja, vielleicht sollten sie aufhören mir hinterher zu spionieren, dann würde sowas auch nicht passieren.“, flüstere ich fast, dass nur Flo mich hören kann. „Oder ist das gar nicht die, die hinter dir her war? Eine ganz Andere? – – Aus dir ist auch nichts rauszukriegen.“, zwinkert mir Michael zu und hebt sein Bierglas zum Anstoßen.

„Ach, weißt du – ich.“, versuche ich noch, dann stellt die Bedienung unsere acht Bier auf die Platte des Stehtisches und fängt an die leeren Gläser wegzuräumen. Irgendeiner steckt der Bedienung ein bisschen Geld zu und schon labern sie wieder ihren wunderbaren Blödsinn, ich aber entschuldige mich und kämpfe mich durch diese Masse an Menschen, irgendwer lehnt sich auf einmal auf meine Schultern, lallt mir ins Ohr: „Ich hab es immer geliebt, wenn Sam und Dean bei diesem Song über die Landstraße gebrettert sind.“, als hätte ich zu verantworten, dass sie den Song nicht mehr spielen und verstehe von meinen eigenen Worten nur sowas wie: „Ja, was kann machen gehabt deren Entscheidung.“, stolpere mit diesem legendären Keyboard Part von Carry on my Wayward Son in den Ohren und im Magen, in den Knochen aus der Tür an die frische Luft, irgendwer ruft noch nach mir, gerade als „I can hear the voices say“ laut mitgesungen wird – vielleicht hab ich mich wirklich ausgepowert in den letzten Tagen und zu viel geschrieben, ich bekomme ja gar keinen geraden Satz mehr raus; geschweige denn, dass ich mich vernünftig auf eine Sache konzentrieren kann.

Gott, was meinte er gerade nur mit diesem Zirkus? „Hey, hast du mal Feuer?“, gesellt sich eine schwankend zu mir. „Hier, auch über die Feiertage wieder zu Hause?“ „Mhm.“ „Und schön mit der Familie gefeiert?“ „Mhm.“ „Darf ich mein Feuer wieder haben?“ „Oh, hab ich das gerade eingesteckt?“, guckt sie völlig aufgelöst und macht drei Schritte zurück, tritt dabei in einen Scherbenhaufen, die hier überall rumliegen und fällt fast.

Als ich durchgeatmet habe, meine Zigarette achtlos auf die Straße geschnipst habe, stolpere ich wieder rein. Flo fragt als erster, ob alles in Ordnung ist. Dann lehnt sich Arnold fürsorglich rein und erkundigt sich, ob alles gut ist und nun ist auch Benjamin an meiner Seite, der mir ein Bierglas hinhält. „Jetzt ist alles wieder gut.“, lächele ich nur verkrampft und stoße mit den Jungs auf eine weitere Runde an.

„Die gucken alle möglichen Youtube-Videos; aber eben keine Scheiße, sondern voll die interessanten Dinger. Da gibt es zum Beispiel diese russische Katze, die den Kindern das Ein mal eins beibringt. Voll witzig. – Wieso hatten wir keine russische Katze, die uns das Ein mal eins beibringt?“, wirft Michael die Arme in die Luft und aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Flo die Frage stellen will, wie diese Katze das denn macht.

„Also, was macht das Leben so?“, fragt mich Michael aber und fragt dann, wo ich denn immer so hingucken würde.

„Achso, hab ich euch noch gar nicht vorgestellt? – – Tut mir wirklich leid. Kann mich in letzter Zeit irgendwie so schlecht konzentrieren. – – Michael, dass ist Flo. – – Flo, dass sind Michael, Tom, Arnold und Benjamin.“

Kurzgeschichte

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