Cats of San Francisco – Teil 3

„Weißt du, und dann bin ich mit einem Sixpack Bier und ein paar Süßigkeiten unter dem Arm ins Madame Tussauds und ich fragte die an der Kasse, kann ich die hier irgendwo einschließen? Habt ihr ein Schließfach und sie nur: Ne, sorry – also bin ich mit ’nem Sixpack Bier unter dem Arm durchs Madame Tussauds gelaufen.“ „Was man halt so macht, – hast du dir wenigstens zwischendurch ein Bier gegönnt?“, lacht er. „Ne, das nicht – aber ich fand’s irgendwie nicht so spannend für einen allein. Du läufst da halt durch und kannst dich auf den königlichen Thron setzen oder dich mit David Guetta hinter einem Mischpult fotografieren lassen, Hulk die Faust geben oder ein paar andere Spielereien ausprobieren, aber für jemanden alleine dadurch zu gehen, hat halt wenig Sinn gemacht, weil du keinen hast, der dich fotografieren kann, wenn du zum Beispiel auf dem Thron sitzt.“ „Ja, das kann ich verstehen.“ „Aber; und jetzt kommt das spannende, ich bin halt irgendwann, als ich in einem Pub draußen saß und genüsslich einen Joint geraucht hatte, wieder auf mein Hotelzimmer, weil ich die Schnauze voll hatte von Menschen; neben mir am Tisch saßen halt amerikanische Touristen und die redeten die ganze Zeit wieder über mich, ohne mich anzusprechen und das hat mir dann doch gereicht – weißt’e, ich hab halt kein Problem damit mich mit den Leuten zu unterhalten oder so, aber dieses Wir-reden-jetzt-mal-über-ihn,-ohne-ihn-anzusprechen-während-er-im-Raum-ist, da reagiere ich allergisch drauf. Bin dann aufs Hotelzimmer, hab Bob Dylan laufen lassen und war wohl so entspannt, dass es mir vorkam, als würde Bob Dylan nur für mich spielen, als wäre er im Raum.“ „Entspannt, mh?“, lacht er. „War schon ziemlich abgefahren. Da hast du natürlich Recht.“, winke den Kellner herbei.

„Auf jeden Fall hab ich in dem Hotelzimmer dann mein Kommunistisches Manifest verfasst, wenn du es so nennen willst – oder mein Manifest gegen Geld. – – Ein Punkt davon war halt, dass zwischen Stars und dem Publikum so viel Geld gesteckt wird, so viel Geld, dass du ganz vergisst, dass du, wie im Madame Tussauds, eigentlich auch nur dafür bezahlst, um Menschen in Momentaufnahmen ihres Lebens zu sehen. Das Madame Tussauds ist doch auch nur eine Momentaufnahme, wenn du David Guetta hinter dem Mischpult siehst zum Beispiel.“

„Was darf’s sein?“, unterbricht uns der Kellner. „Noch ein Weizen für mich und was darf’s für dich sein?“ „Einmal die Nummer 15, danke.“ „Und das war jetzt auf dem Weg zur SolarCar-Challenge?“ „Genau, mein Zug hielt halt in Amsterdam, machte da einen Zwischenstopp und weil ich noch einen Tag Zeit hatte, dachte ich mir: Shit, ich amüsiere mich jetzt!“ „Dann hast du ja in gewisser Weise doch noch dein Indie-500 Rennen gehabt!“, dreht er sein leeres Weizenglas mit einem Lächeln auf den Lippen in seiner Hand hin und her.

„Hab ich auch einen Text drüber geschrieben, obwohl der nicht hundertprozentig geworden ist, kann man sich den trotzdem mal in Ruhe geben.“ „Den letzten Text, den ich von dir gelesen habe, war der von der Frankfurter Buchmesse – wie fandest du die Messe denn jetzt?“ „War ziemlich cool, auch wenn ich andere Erwartungen daran hatte. Bin aber einfach fasziniert, dass mir mittlerweile wohl ein gewisser Ruf vorauseilt.“ „Wie meinst du das jetzt?“ „Nun, irgendwie wartet überall da, wo ich aufkreuze, schneller, leichter Spaß auf mich; so auch gestern. Ich musste nur um eine Straßenecke biegen und schon saß da eine, die anscheinend nur auf mich gewartet hatte. – – Ich find’s einfach lustig.“ „Dass dir der Ruf vorauseilt?“, reicht er dem Kellner das leere Weizenglas.

„Genau – danke.“, wende ich mich dem Kellner zu und beobachte dann eine Kellnerin am Nachbartisch das Essen verteilen. „Schon cool, was die hier an den Wänden hängen haben, oder?“, kommentiert er meinen abwesenden Blick. „Ja, ich find’s cool, dass die hier überall selbstgemalte Gemälde hängen haben.“, schaue ich mich jetzt nochmal kurz um, ob vielleicht irgendjemandem sonst noch aufgefallen ist, dass ich ihr hinterher geguckt habe. „Ja, das ist wirklich ziemlich cool; sind sogar ziemlich gut, wenn du mich fragst.“, lacht er jetzt angesichts meines Versuchs abzulenken.

„In Rheine haben wir auch ein Cafè, in dem Künstler ihre selbstgemalten Bilder aufhängen können. Das ist auf der einen Seite natürlich super fürs Restaurant, weil umsonst Dekoration und für den Künstler eben eine gratis Werbefläche; so profitieren beide davon – und wer weiß, vielleicht kauft ja sogar jemand mal eins der Bilder.“ „Stimmt, so hab ich das noch gar nicht gesehen.“

„Wieso machst du dein Handy denn jetzt aus?“, schaut er mich skeptisch an. „Nenn es Paranoia, aber ich hab einfach Angst abgehört zu werden.“ „Wie jetzt?“ „Nun, es fängt doch schon damit an, dass du dein Smartphone auf dem Tisch liegen hast bei einer Konversation und dann schaust du drauf und siehst Werbung über genau diese Produkte, über die du dich gerade unterhalten hast.“, stecke ich das auseinandergebaute Smartphone in die Tasche. „Und zusätzlich bin ich ein wertvolles Ziel – keine Ahnung.“, bleibe ich mystisch. „Wie meinst du das?“, flüstert er, lehnt sich in seinem Stuhl nach vorne. „Ach, ist auch egal.“, bereue ich davon angefangen zu haben. „Nein, mich erst heiß machen und dann nichts erzählen, dass geht nicht.“ „Es ist ein zu weites Feld – oder wie würde Effi Briests Vater jetzt sagen.“, winke ich ab. „Hab das Buch mal in der Schule gelesen, aber viel weiß ich nicht mehr davon, um ehrlich zu sein.“, ist er so investiert in die Geschichte, dass er komplett sein neues Weizen vergisst.

„Okay, willst du es wirklich wissen? – – Dann gibt es aber kein Zurück mehr – na gut. Du wolltest es wissen; ich hab dich gewarnt. Alles fing wahrscheinlich 2016 an. Da hab ich von der Arbeit einen Trojaner runtergeladen, also im Auftrag des Arbeitgebers einen Trojaner auf meinen privaten PC runtergeladen, dadurch ist wahrscheinlich auch mein Manuskript geleakt worden und das ganze Theater mit dem 1live-Moderatorin-Skandal ist wahrscheinlich auch dadurch zu begründen.“ „Warte, nicht so schnell – wie meinst du das?“ „Nun, ich habe verschiedene Anhaltspunkte, dass ich von meiner Arbeitsstelle überwacht und ausspioniert wurde. – – Das Witzige daran ist ja, dass ich bereit war, dass alles unter den Teppich zu kehren und einfach weiter zu arbeiten, aber die haben einfach nicht locker gelassen; haben mich rausgemobbt, haben mir erst durch ihre Taten, dann fast wörtlich gesagt, dass sie mich nicht da haben wollen; also habe ich mir gedacht, ich schlage jetzt zurück, mit allen Waffen, die ich habe.“, dabei weiß ich selbst, wie absurd das klingt. „Letztens auch Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall, obwohl sie eigentlich nicht groß ermitteln braucht, wenn du mich fragst, weiß doch eh jeder, dass ich überwacht werde.“, zucke ich resigniert die Schultern und gönne mir noch einen Schluck.

„Wie meinst du das?“, runzelt er verständlicherweise die Stirn. „Nun, da wären ein paar Gelegenheiten, in denen ich zum Beispiel, … ähm … um mal ein Beispiel zu nennen, haben wir da den Vorfall, dass ich vor einer Versammlung, wo ich als JAV-Mitglied sitzen sollte, mit einem Kumpel vorher abends mal gescherzt habe, dass ich ja endlich die wichtige Führungsebene fragen könne, was sie davon halten ihre Mitarbeiter zu überwachen und statt, dass sie mich diesbezüglich zur Seite nehmen und mir vielleicht die Möglichkeit geben mich zu erklären, mobben sie mich, dass ich nichts sage – was ja auch schon impliziert, dass sie entweder mein Gespräch mit dem Kumpel abgehört haben oder mein Kumpel mit ihnen im Kontakt steht. – – Ich weiß nicht, was davon schlimmer ist. Und dann haben wir noch die Tatsache, dass ich mal mit einem privat Saufen war – ich weiß, super Beweislage – aber ich meinte zu ihm halt, dass ich hoffe, dass durch mein neues Buch mindestens fünf Leute ihren Job verlieren und ein paar Tage später meint der Typ, der wahrscheinlich für den Trojaner verantwortlich war, der auch Kontakte nach Berlin hatte.“ „Echt?“ „Ja, dass er ganz bestimmt nicht seinen Job verliert.“ „Ok, und du meinst, der ist wirklich dafür verantwortlich gewesen? Dann müsste der ja wenigstens versetzt werden deswegen.“ „Nun, wurde er auch – und er hat sich auch indirekt bei mir entschuldigt, weil – naja, du kennst das ja, wenn man in der Öffentlichkeit keine Möglichkeit hat, es direkt anzusprechen und dann einfach ein Glas umwirft und meint: Es tut mir wirklich leid.“ „Aber das können doch alles auch Zufälle gewesen sein, oder?“, lehnt er sich fassungslos in seinem Stuhl zurück.

„Und ich meine, die Sachen sind doch jetzt schon einige Zeit her, wie kommst du darauf, dass du immer noch überwacht wirst?“, versucht er eine andere Strategie. „Naja, ich hab letztens einen Porno geguckt und am nächsten Morgen meine Freunde getroffen und die haben einfach eins zu eins Anspielungen auf den Porno gemacht. – – Das war schon sehr merkwürdig, aber halt auch ziemlich eindeutig.“, nehme ich noch ein Schluck aus dem Bierglas – das krasse ist ja, dass die ganze Sache erst so richtig ins Rollen kam, nachdem er sich bei mir entschuldigte, überlege ich und gönne mir noch einen erfrischenden Schluck.

„Weißt du, vorher habe ich es halt nicht wahrhaben wollen, habe die Tatsache wahrscheinlich erfolgreich verdrängt oder geglaubt, irgendwelche Freunde von mir hätten mein Manuskript geleakt, aber jetzt, nachdem er sich halt dafür entschuldigt hat, habe ich den Beweis schwarz auf weiß – das ist halt, als hätte er sich selbst überführt.“ „Und wie kommst du darauf, dass der Typ dafür verantwortlich war?“ „Naja, ich hab jetzt halt auch drei – vier Jahre in der Firma gearbeitet und da bekommst du über den Flur-Funk halt so einiges mit; ist ja nicht so, als wären alle bei der Arbeit scheiße gewesen. Ich hatte auch einige Verbündete, die für mich da waren. Was mich halt richtig frustriert, ist die Tatsache, dass ich deshalb meine Freunde vor den Kopf gestoßen habe, weil ich halt auch dachte, die wären für das ganze Schlamassel verantwortlich. – – Ich weiß nicht, ob die mir jemals deshalb verzeihen können, dass ich halt meine Wut an ihnen ausgelassen habe; das ist ja fast so, als würde ich den Boten für die Nachricht erschlagen. – – Zu meiner Verteidigung, diese ganze Sache ist mir zwischenzeitlich einfach über den Kopf gewachsen.“ „Ähm, ja. Tschuldigung; ich glaub, ich geh mal eben pissen.“, steht er auf und wankt zur Toilette.

„Ich hab jetzt letztens nochmal Fear and Loathing geguckt und finde die Stelle immer noch witzig, wo der Anwalt zu der Bedienung meint: Wie war es eigentlich mit dem Eisbären zu schlafen?“ „Ja, das meint der ja auch nur, weil Hunter ihm vorher steckt: Guck mal, da vorne treibt es eine Bedienung mit einem Eisbären!“ „Und er nur: Erzähl mir nicht so einen Scheiß!“, lacht er jetzt auch, als er wieder vor mir auf seinem Stuhl sitzt. „Was ich super witzig finde, wenn sie halt im Hotel einchecken und Hunter mega drauf ist und überall Eidechsen sieht, telefoniert halt im Hintergrund einer, dass er eine Niere zu verkaufen hat und später sind die ja im Hotel und der Anwalt meint zu ihm, dass diese Droge aus der Niere eines Typen gefiltert wurde, total selten sei und so – du musst auf die Details achten, verdammt!“, erkläre ich fast schon frustriert.

„Also, um nochmal auf das Thema von gerade zurückzukommen.“, lässt er deshalb nicht locker. „Ja?“, entgegne ich jetzt nur, bereit mich jeder Frage zu stellen. „Hast du noch mehr Anhaltspunkte? Oder – ich meine, dass deine Freunde dich mit dem Porno aufgezogen haben, ist halt auch ziemlich wage, wenn du mich fragst.“ „Naja, die haben …“ „Also versteh mich nicht falsch, aber wenn ich halt einen Witz mache über Pornos und mein Kumpel darauf anspringt, dann treib ich halt die Sache auf die Spitze.“ „Naja, erstens war es keine Anspielung, dass irgendwer Porno gesagt hat und zweitens waren halt die Details krass passend. – – Insgesamt sind mir das einfach zu viele Zufälle. Ich könnte noch ein, zwei Dinge genauer beschreiben, will aber nicht noch mehr Personen mit in den Dreck ziehen. Reicht doch, dass ich mit dieser Sache für immer gebrandmarkt wurde wie so ein beschissener Harry Potter-Verschnitt, oder? – – Ich will eigentlich nur noch Gerechtigkeit, Anerkennung für meine geschriebenen Sachen, eine entsprechende Entschädigung und ansonsten in Ruhe meine nächsten Texte schreiben, verdammt noch mal!!! Ach, ist doch alles scheiße. – – Du entschuldigst mich eben?“, werde ich zum Ende laut, stehe nur auf, gehe auch aufs Klo und als ich mich wieder etwas beruhigt habe, zum Tisch zurück komme, ist der Laden endgültig voll, alle reservierten Tische, die vorher noch ein oder zwei leere Plätze boten, sind besetzt, bei einigen Tischen sind Stühle dazu geschoben worden, wahrscheinlich, um den spontanen dazugekommenen Weihnachtsfeiergast willkommen zu heißen und drei Reihen hinter uns kichert ein Mädels-Tisch, als hätten sie mich erkannt.

„Apropos Harry Potter, finde ja, dass der Halbblutprinz der beste Film der ganzen Reihe ist, um ehrlich zu sein.“, versucht er ein anderes Thema, aber ich starre immer noch den Gang herunter, schaue der Kellnerin dabei zu, wie sie Getränke verteilt, Gerichte serviert und zwischen den Tischen hin und her wirbelt und frage mich, ob damit meine normalen Tage für immer gezählt sind – wäre mir ganz recht, um ehrlich zu sein.

„Also ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich hab jetzt Hunger.“, winkt er nun die Kellnerin zum Tisch. Wir reden schließlich noch über dies und das, zum Beispiel wie Thomas Mann und Bertold Brecht in Amerika nach der Emigration zu recht gekommen sind und dass man Brecht die Arbeitserlaubnis nicht gestattete, weil er ja Kommunist war und dass von den Manns der beste Schriftsteller immer noch Klaus war, weil … naja, er am ehrlichsten und direktesten geschrieben hat und dann trennen wir uns, ich will den Schlaf der letzten Nacht nachholen, höre dabei Radio und höre dutzende Anspielungen auf das Gespräch mit meinem Kumpel in der 100 Biere-Kneipe, fahre schließlich mit einem schlechten Gewissen wieder nach Rheine, wo ich im Lotto-Geschäft eine Unterhaltung zwischen dem Kassierer und einem Kunden mitkriege: „Du musst schon alles aufrubbeln, um den Gewinn einzulösen.“ – dabei weiß ich doch, dass es keinen beschissenen Santa Claus gibt, der einem einfach so einen Lotto-Gewinn auszahlt, man muss dafür kämpfen! Und genau das tue ich nun – sie hatten genug Zeit, mal auf mich zuzukommen und mir einen Vergleich anzubieten, aber da sie es lieber aussetzen wollten, mich rausmobben wollten, müssen sie jetzt mit den Konsequenzen leben.

Kurzgeschichte

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