Cats of San Francisco

„Tschuldigung für die Verspätung, ich hatte mich ausgesperrt und musste erst ein Zimmermädchen finden, dass mich wieder reinlässt.“, fallen wir uns zur Begrüßung in die Arme. „Kein Problem, jetzt bist du ja da.“, setzen wir uns, ich begrüße seine Freundin mit einem Handschlag über den Tisch hinweg, weil der Kellner schon an unserem Tisch wartet.

„Was machst du denn hier in Berlin?“, „Schön, dass es doch noch geklappt hat.“, reden sie durcheinander. „Ja, hat mich auch gefreut, dass du noch geantwortet hast auf meine Nachricht. War gestern für eine Geschichte in der Stadt, war auf einem bunten Abend über die CumEX-Geschäfte, Steuerhinterzieher und …“ „Ja, haben wir schon von gehört.“, antwortet sie und reicht mir die Speisekarte rüber. „Auf jeden Fall saß ich nach der Veranstaltung draußen vor einem Kiosk auf der Straße und da hat mich einfach eine angesprochen, sind ins Gespräch gekommen und später noch feiern gegangen. – – Irgendwie habe ich das Talent solche Dinge magisch anzuziehen – naja, wie dem auch sei. Habt ihr schon bestellt?“, schaue ich mir die Karte genauer an. „Ne, wir sind nur schon mal rein, weil es draußen arschkalt ist.“, meint er und zeigt auf die Karte: „Hunger auf Fleisch? Dann würde ich dir diese geile Fleischplatte empfehlen.“

„Das wäre dann auch schon meine nächste Frage gewesen, ob du mir was empfehlen kannst.“, klappe ich die Speisekarte wieder zu. „Dann nehme ich einmal die Fleischplatte und irgendwas orangensaftmäßiges, bitte.“, reiche ich die Speisekarte dem Kellner, der nur nickt, die restliche Bestellung aufnimmt und nun Richtung Küche verschwindet.

„Was kann man sich denn unter einen bunten Abend vorstellen?“, fragt sie und ich erkläre kurz, was wie passiert ist und versuche dabei so sachlich wie möglich zu bleiben. „Und danach hast du draußen alleine vor dem Kiosk gesessen und eine hat dich einfach so angesprochen? Und was habt ihr dann noch gemacht, außer was trinken gegangen?“ „Ach, du – keine Ahnung mehr. – – Muss also richtig gut gewesen sein.“, lache ich nur seltsam mystisch und hoffe es dabei belassen zu können; muss ja nicht jeder wissen, dass ich fast geheult hätte.

„Das mit dem Claas Relotius mitgekriegt?“, fragt sie noch und ich nicke: „War doch der Spiegel-Reporter, der wegen Fälschung von seinen Storys aufgeflogen ist, oder?“

Sein Handy klingelt. „Mann, das Teil nervt mich so langsam. Hab mir jetzt zwar ein Smartphone zugelegt, aber das muss ich noch einrichten; denn das alte Ding hier ist einfach nicht mehr nützlich – deshalb hab ich mich auch erst heute Morgen bei dir gemeldet, weil ich dachte, dass das eine alte Nachricht von dir war. Das Handy würfelt nämlich alle Nachrichten einfach durcheinander und zeigt sie mir dann in einer beliebigen Reihenfolge und … hier, schau mal. Da bin ich mir nie sicher, ob das eine neue Nachricht ist oder eine Alte.“ „Oder eine aus der Zukunft?“, wedele ich mysteriös mit den Händen, sodass beide lachen, frage beide dann, was bei ihnen gerade so abgeht, dann fragen sie, was die Anderen so machen und ich erzähle, dass ich wenig Kontakt mit den Anderen habe, das Leben kommt irgendwie immer dazwischen, wollten uns eigentlich nochmal dieses Jahr zum D&D-Spielen treffen, aber irgendwie hat das auch nicht geklappt, dass der und der immer noch seinen Abschluss macht, dass der jetzt wieder zur Universität geht, dass der immer noch eine Professorenstelle sucht, dass … „Wollte er nicht wieder nach Budapest?“, fragt er und kurz stutze ich: „Glaube bei der politischen Lage macht das im Moment wenig Sinn.“ „Stimmt, hab auch gehört, dass die Uni da jetzt auch weggegangen ist und nach Österreich umzieht.“, erklärt seine Freundin.

„Ja, da war doch letztens noch diese große Debatte mit dem Gender-Studies-Studiengang, der abgeschafft werden sollte oder so, dass die da einen Präsenzfall rausgemacht haben – Präsidentsfall? Präzedenzfall, glaube ich. – – Ach, ist auch egal.“, schüttele ich den Kopf. „Gestern zu tief ins Glas geschaut?“, schaut er mich mitleidig an. „Ja, und heute zu wenig gegessen und zu lange wach geblieben.“ „Und dein Bandkollege? Was macht der so? Spielt ihr noch zusammen? Habt ihr noch eure Band?“ „Ja, da war ich letztens noch; aber zum Musik machen fehlt mir einfach die Inspiration.“, zucke ich die Schultern.

„Ich bin immer noch nicht dazu gekommen deine Bücher, die du mir empfohlen hast zu lesen, stehen aber jetzt auf meiner Liste ganz oben.“, wende ich mich ihr zu und probiere mich durch den syrischen Fleischteller. „Ja, macht doch nichts. Einige davon waren ganz okay, andere nicht so sehr – aber es gibt ja noch so viele gute Bücher.“ „Und es werden immer mehr!“, lache ich und: „Der Fleischteller ist super lecker. Geht ihr öfter hier essen?“ „Ja, hab hier in der Nähe gearbeitet und bin dann immer in der Mittagspause hier hin. Noch nie syrisch gegessen?“, schaut er kurz von seinem Telefon hoch, ich schüttele mit vollem Mund den Kopf. „Gibt es in Münster kein syrisches Restaurant?“, fragt sie mich. „Wirklich keine Ahnung, tut mir leid.“

„Witzig übrigens, ich hab jetzt einen Presseausweis, mit dem ich dann hoffentlich in Museen reinkomme und über andere Kunst- und Kulturausstellungen schreiben kann.“ „Ja, echt? Geil – was musstest du dafür machen?“ „Nicht viel, hab den Presseverband angeschrieben, meinen Blog als Nachweis hinterlegt und Schwups die wups ging das klar.“ „Krass, zeig doch mal.“ „Hab ich leider nicht mit, hab ich zu Hause gelassen. – – Hätte aber so schön viel Blödsinn anstellen können damit.“ „Wie meinst du das?“ „Keine Ahnung, Hiermit beschlagnahme ich das Taxi im Namen dieser Berichterstattung! – Oder so’n Mist.“  „Ja, ist dann vielleicht auch besser, dass du den zu Hause gelassen hast. – – Wer weiß, vielleicht hätten sie ihn dir direkt wieder weggenommen, wenn sie gelesen hätten was für Blödsinn du damit anstellst.“, meint sie. „Ach, meinst du, dass die dann in einer Nacht- und Nebelaktion an meine Hotelzimmertür geklopft hätten: Bitte geben Sie uns den Presseausweis zurück, Sie sind es nicht würdig.“, mache ich wieder meine Albernheiten.

„Genau!“, lacht er und sie nur: „Witzig ist ja, Journalist sein ist keine eingetragene Berufsbezeichnung, es kann jeder Journalist werden.“ „Ja, und anscheinend auch beim Spiegel schreiben.“, kann ich mir den Seitenhieb nicht verkneifen.

„Kennst du noch meine Cousine?“, fängt er an zu telefonieren. „Hast du eigentlich gerade Urlaub oder was machst du hier?“, fragt seine Freundin mich noch, aber da er einfach weiter redet, kann ich die Frage gekonnt ignorieren. „Die ist viel rumgereist und jetzt seit drei Monaten wieder in Deutschland.“ „War die nicht damals mit uns in Istanbul?“, überlege ich kurz. „Ja, genau. – – Hi, hast du Zeit?“, ist wohl seine Cousine dran gegangen. Er telefoniert kurz, dann wendet er sich wieder uns zu: „Sie war jetzt auch fast überall, in Indien, Taiwan, Südamerika.“ „Und was macht sie jetzt?“, frage ich. „Arbeitet in einer Einrichtung für Heroin-Abhängige. Da gibt es wohl eine staatlich geförderte Einrichtung, wo sie Heroinabhängigen unter Aufsicht Heroin spritzen, weil sie das Methadon nicht mehr vertragen und sonst an den Folgen des Entzugs krepieren würden.“, fasst er es relativ schwammig zusammen. „Hab das mal gegooglet gehabt, gibt in Deutschland genau zwei Anlaufstellen, die das machen und bei einer arbeitet die halt; witzig, oder? Und ich meine, bevor die halt draufgehen, kriegen die halt eine kleine Dosis Heroin in einem gesicherten Umfeld.“ „Stell dir das mal vor, der Traum eines jeden Drogenjunkies! Vom Staat high gemacht werden.“, mache ich meine dummen Witze. „Naja, ist halt schon scheiße, wenn nichts anderes mehr wirkt und die deshalb darauf zurückgreifen müssen. Die, die da enden, sind wirklich am Ende. – – Ich meine, da schaden die ja niemandem.“ „Ja, wahrscheinlich auch günstiger für den Staat, als mit den Folgen der Beschaffungskriminalität und den anderen Folgen von Drogenabhängigkeit zu kämpfen.“ „Einige arbeiten jetzt sogar wieder in einem geregelten Job. Denen sieht man das gar nicht an auf den ersten Blick.“, meint er. „Hab letztens in einem Bildband aus Amerika Bilder von Drogenabhängigen gesehen, so Vorher- und Nachherbilder. Denen sieht man das wirklich nicht mehr an, dass die drogenabhängig sind. Bei den meisten verfaulen ja die Zähne und wenn du …“ „Und bekommen so große Löcher in der Haut.“, unterbricht mich seine Freundin. „Ja, kann sein. – – Aber mit einem neuen Gebiss im Gesicht siehst du das den Leuten meistens gar nicht mehr an.“ „Und wer bezahlt sowas?“, wundert er sich. „Vielleicht Obama Care? Hab wirklich keine Ahnung.“, zucke ich nur mit den Schultern. „Oder irgendwelche christlichen Vereine, die sind ja sozial eingestellt.“ „Ja, oder vielleicht ist das ein Extra-Service der Dealer.“, überlegt er laut. „Ha! – Genau! Erst machen sie dich kaputt, dann bauen sie dich wieder zusammen.“, lehne ich mich in meinem Stuhl zurück. „Wenn du mich fragst, ein klasse Geschäftsmodell. Die verdienen sich eine goldene Nase! Nicht nur an deinem Untergang, sondern auch, um dann auch noch beim Wiederaufbau abzukassieren!“ „Man muss ja auf seine Kunden acht geben.“, lache ich bitter.

„Hat sie denn jetzt noch Zeit?“, wechselt seine Freundin jetzt das Thema. „Leider nicht, muss noch was erledigen.“ „Was habt ihr denn noch so geplant nachher?“, frage ich in die Runde. „Dachte, wir können gleich noch ein Bier trinken gehen?“, tunkt er mein restliches Brot in seinen Dip.

„Ich muss leider noch ein paar Sachen erledigen, aber ihr zwei könnt dann gerne losziehen und auf die alten Zeiten anstoßen.“, verabschiedet sich seine Freundin.

Kurzgeschichte

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