Steuerhinterzieher fressen unsere Kinder!

Gegenüber von mir sitzen sie noch mit ihren Laptops auf dem Schoß, spielen wahrscheinlich eine Runde Solitare gegen den Computer oder kaufen noch die letzten Weihnachtsgeschenke, schreiben vielleicht wichtige Work-E-Mails, Blitzlichtgewitter erhellt für kurze Zeit den Raum, obwohl draußen ein Schild hing mit Bitte-keine-Fotos-machen, beim zweiten Blick durch den Raum fällt mir erst die Fotoecke auf, wo man sich mit dem Motto des heutigen Abends fotografieren kann.

Meine erste Veranstaltung als offizieller Journalist und dann lass ich den Presseausweis zu Hause. Dabei hätte ich so viel Schabernack damit treiben können, treiben müssen – „Was machen Sie da, der Herr?“ „Ich bin Journalist, ich darf das!“ „Kommen Sie bitte von dem Gerüst runter!“ „Aber ich habe Fragen an das Gerüst!“ – „Hiermit beschlagnahme ich ihren Wagen im Namen der Presse! Ich bin einer wichtigen Story auf der Spur!“ „Was?“ „Fahren Sie schon los! Wir müssen alle Barkeeper der Stadt befragen, ob sie mir einen Drink umsonst ausgeben würden! Das sind wichtige Fragen! Diese Fragen beschäftigen ganz Deutschland!“ – „Nehmen Sie ihre Beine aus dem Kinderwagen oder ich rufe die Polizei!“ „Das ist Behinderung meiner Arbeit! Ich verlange die Akquirierung dieses Fahrzeugs, und zwar jetzt sofort!“ „Stefan komm, lass den Kinderwagen in Ruhe!“ „Stefan? Stefan Schürrer? Der Stefan Schürrer? Oh, sind Sie das wirklich? Darf ich vielleicht ein Foto mit ihnen machen?“

– Gott, vor lauter Blödsinn hab ich jetzt gar nicht gemerkt, wie es immer voller wurde! Erst wollten sie uns noch nicht reinlassen, dass wir draußen im Treppenhaus standen, weil sie noch aufbauen mussten und da dachte ich nur für mich: Wir sind doch alle hier gebildete, weiße Oberschicht – wir stehen vielleicht im Weg rum, werden aber doch sonst nicht stören beim Aufbauen.

Journalismus ist kein Verbrechen, CumEx-Geschäfte, bunter Abend. Zwei Künstler lassen sich leider entschuldigen, wird vorab gesagt, der Rest liefert eine gute Show ab. Erst kommt ein kleiner Einspieler über ein Interview mit dem angeklagten Journalist, nachgestellte Szenen der journalistischen Arbeit so spannend wie ein Hollywoodfilm und dann eine kleine Rede, dann betreten die Künstlerinnen und Künstler die Bühne und hauen so kluge Sachen raus wie: „Eigentlich klingt das alles noch zu harmlos, eigentlich müsste da sowas stehen wie: Steuerhinterzieher fressen unsere Kinder! – um das Interesse der Leute zu wecken.“ oder „Das die jetzt einen Journalisten anklagen, hat was von: Correktiv, wir wissen wo dein Auto steht!“, aber insgesamt ist es eigentlich, wenn man genau aufpasst auch ein Crashkurs im Journalismus (natürlich nicht ganz ernst gemeint):

  1. Man sollte eigentlich immer vermeiden der Mittelpunkt einer eigenen Geschichte zu sein.
  2. Man sollte immer einen Anwalt telefonisch auf Abruf haben, wenn es brenzlig wird.
  3. Wie dieser Spiegel-Gate gezeigt hat, sollte man immer richtig gut recherchieren oder zumindest mit niemandem zusammen arbeiten – – aber das hat keiner auf der Correktiv-Veranstaltung rausgehauen, das hat ein Kumpel von mir am nächsten Abend als Witz gemeint.

Und damit beende ich die kleine Story über den #JournalismusistkeinVerbrechen-Abend vom Correctiv, ein gemeinnütziges Rechenzentrum, dass definitiv unserer Unterstützung bedarf; einfach mal während der Festtage, wenn man die Verwandten am Esstisch nicht mehr ertragen kann, googeln und sich schlauer machen; hab mich an dem Abend schlauer gemacht über ihre Arbeit und habe es kein bisschen bereut – auch wenn ich noch lernen muss den Schreibblock zur Seite zu legen und mit den Leuten zu reden, aber das erfahren wir dann in unserer nächsten Folge Cats of San Francisco! Ja, ich mach da jetzt eine kleine inoffizielle Serie raus; ein paar interessante Dinge kann ich über meinen Aufenthalt in Berlin noch erzählen.

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