Who cares?

„Ist aber heute ganz schön leer hier, oder?“, frage ich die Kassiererin, als sie meine Waren übers Band zieht und fast erschrocken hochguckt; fast so, als hätte sie sonst nichts weiter von mir erwartet als die übliche Verpeiltheit, dass ich gerade an der geschlossenen Kasse meine Waren hinlegen wollte, worauf sie noch freundlich winkte: „Hier drüben!“

„oh, ich dachte … ähm …“ „Ja, da vorne ist kein Weiterkommen. Musst du schon hier versuchen.“, lächelte sie und fast zur gleichen Zeit betritt ein Kunde den Laden. „Ja, bestimmt rennen die uns aber morgen oder übermorgen wieder die Türen ein, wegen Weihnachten.“, antwortet sie jetzt fast genauso nervös. „Ja, als würden die Geschäfte nach den Feiertagen nie wieder aufmachen.“, lache ich verkrampft, versuche diese angespannte Energie zu entschärfen und verstaue meine Einkaufsgegenstände irgendwie in dem Baumwollbeutel und achte nicht darauf, wo die schwer zu verstauenden Gegenstände hinkommen und wo die leichten Gegenstände landen – um ehrlich zu sein weiß ich auch nicht mal mehr, wer mir das mal beigebracht hat, aber irgendwoher weiß ich, dass man eigentlich Sachen, die leicht zu zerdrücken sind, nicht nach unten räumt und die robusten Dinge nicht nach oben; wie bei den Bremer Stadtmusikanten gehören die schwereren Tiere nach unten und die leichten Tiere nach oben; ich frage mich jetzt kurz, wo ich wohl hingehöre, falls ich mal als Bremer Stadtmusikantencharakter eingestuft werde; falls jemals jemand einen D&D-Charakter von mir machen sollte, dann werde ich wahrscheinlich ein Luftballon über den Köpfen der Anderen.

„Genau, als gäbe es die Welt danach nicht mehr; Weltuntergang und Apokalypse und so’n Mist. – – Aber hauptsache die Menschen haben genug zu Hause. Ist ja nicht so, als würden sie schon vorher die Möglichkeit haben Sachen einzukaufen; nein, alles muss auf den letzten Drücker passieren.“ „Ja, naja – schönen Abend noch! Bis später!“, verabschiede ich mich jetzt überhastet, sobald ich das Kleingeld zusammen habe und mache mich auf den Weg zur Fietze.

Mittlerweile sollte ich mich doch daran gewöhnt haben wie mein Gehirn funktioniert, dass es seltsame Muster sieht und getriggert wird, wenn es bestimmte Wörter hört – zum Beispiel hatte ich heute Morgen in der örtlichen Regionalzeitung, als ich genug von Twitter hatte und den Tweets von J.K. Rovling zum Brexin, sie retweetete so Sachen wie: „Brexit is not like a war – you can win a war!“,  gelesen hatte, die Überschriften überflogen – gegen 13 Uhr – und habe kurz gestutzt: „Der dritte Weltkrieg – Weltuntergang – made in Rheine! Der neue Kinofilm!“, „demnächst gibt es nur noch das Nötigste.„, stand im Artikel und unter der Rubrik „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“ stand „Thomas Gottschalk erhält Ersatz-Orden!“, was ich dann genauer las und stolperte erschrocken über folgende Worte im Artikel: „Wie der Phönix aus der Asche!“

„Ja, gleichfalls!“, ruft sie mir noch aufgeregt hinterher – fast froh, dass ich mal ein paar Worte mit ihr gewechselt habe – und wendet sich an den Security-Mann: „Stimmt doch, oder? Warum muss immer alles auf den letzten Drücker …“, dann schließt sich die Automatiktür hinter mir und ich stehe in der Abendkälte.

Vor ein paar Tagen hatte es noch geschneit, dass der Schnee liegen geblieben ist, aber direkt der Abend danach war die Luft mit einer Art Smoke belegt, dass man keine fünfzehn Meter weit gucken konnte, die Erde nicht abkühlen wollte und man ohne Mütze, ohne Handschuhe und mit offener Jacke rumlaufen musste, um nicht zu schwitzen – es war fast schon surreal durch den Schnee zu stapfen, aber gleichzeitig nicht zu frieren.

Ich erinnere mich noch daran, denn ich musste einfach mal wieder raus, nach Tagen in diesem Zimmer eingesperrt zu sein, mich nur meinen Emotionen hinzugeben, nagte einfach an meiner körperlichen Verfassung und weil man ja immer sagt, körperliche und geistige Verfassung seien miteinander verbunden, musste ich einfach raus, mich bewegen, Bewegung in meinen Geist kriegen, so beschloss ich kurzfristig an die frische Luft zu gehen.

Trotzdem lässt mich dieses Gefühl nicht mehr los, ich hätte eine Limonade zu einem Messerkampf mitgebracht; naja, Gott sei Dank wollte niemand sonst etwas von mir und ich konnte getrost mit meiner Fietze nach Hause fahren – warte, fuck. Ich bin ja noch unterwegs. Wow, eine rote Ampel! Shit! – Gott, ich muss wirklich besser aufpassen, vor allem in so wichtigen Situationen wie dieser hier. – – Shit, Gott sei Dank hat das keiner gesehen.

Zu früh gefreut, denn da ist auch schon ein Polizeiwagen, direkt neben mir. Wo kommt der auf einmal her? Mit Blaulicht und Sirene bringt mich der Wagen zum Halten. „Hi, Officer. Was kann ich für Sie tun?“ „Wir hatten eigentlich gedacht, Sie könnten uns das beantworten? Wissen Sie, was Sie da gerade gemacht haben?!“, haben sie sogar ihr Fenster komplett herunter gedreht, steigen trotzdem aus.

„Ach, kommen Sie. So schlimm war das doch nicht; ist doch nicht so, als hätte ich eine rote Ampel übersehen!“, nuschele ich und steige vom Fahrrad ab. „Aber Sie haben eine rote Ampel überfahren!“, kontert die Polizeibeamte. „Gerade eben! Wir haben es doch gesehen!“, lacht sie angesichts meines Rechtfertigungsversuchs. „Einmal bitte Ihren Ausweis und was haben Sie denn da in Ihrem Fahrradkorb?“ „Meine Einkäufe – hier ist mein Ausweis. – – Aber das war nur eine Dorfampel, weit und breit war nichts zu sehen, kein Kind, kein Auto, nichts – das ist doch einfach nur lächerlich.“, nerve ich die Polizeibeamte wahrscheinlich wie jeder andere Typ, der sich aus einem Ticket herausreden will.

„Sie haben auch kein Rücklicht, dass macht dann 20 Euro.“, händigt sie mir einen Strafzettel aus. „Wir dürfen leider kein Bargeld mehr annehmen, deshalb haben Sie jetzt 14 Tage Zeit diesen Strafzettel zu bezahlen.“, händigt sie mir noch meinen Ausweis aus und schaut mir dabei zu, wie ich alles wieder einpacke.

„Schieben Sie bitte ab jetzt Ihr Fahrrad, ja? – – Und gehen Sie gelassen in diese gute Nacht.“, zwinkert sie mir zu und steigt wieder ein.

Kurzgeschichte

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