Outlaw King – Teil 2

„Sorry, it had to be like this. It feels shady, i know. The thing is …“ „Du wirktest gerade so abwesend, ist auch alles okay bei dir?“, nuschelt er unter den Filmdialogen in meine Richtung. „If i just told you the truth we wouldn’t have this conversation.“ „Mh? Tschuldigung, was hast du gerade gesagt?“ „Du wirkst heute so abwesend, so neben dir stehend, alles in Ordnung?“ „Mhm, alles in Ordnung – mach dir keine Sorgen. – – Es ist nur so, dass mich, was du vorhin in Bezug auf die Spieleindustrie gesagt hast, zum Nachdenken – erinnerst du dich noch?“, hacke ich nach, weil er mich schon wieder so ratlos anguckt. „Ja! Ja, klar! Stimmt, wo du das – aber wieso hat dich das zum?“, beendet er nicht einmal seine Sätze, weil er sich wohl gerade wieder daran erinnert hat, dass er noch Popcorn auf dem Boden seiner Tüte hat und greift nach fast jedem dritten Wort genüsslich hinein und bringt mich so auch noch völlig aus dem Konzept.

„Nun, wie sage ich das jetzt am besten? Ich glaube einfach gerade heraus, also: Ich habe einfach Angst herausgeschrieben zu werden aus der Geschichte – erst schreiben sie alle von mir ab und dann verschwindet urplötzlich mein erster Blog, um die acht Jahre harte Arbeit unwiderruflich ausradiert und so jede Spur des Diebstahls verwischt; tschuldigung, wenn ich da etwas skeptisch werde – vielleicht bin ich auch einfach wieder unnatürlich paranoid – aber was soll ich denn machen, hä? – Ach. – – Aber ich komme vom Thema ab, worauf ich eigentlich.“ „Nein, nein. Schon gut. Ich versteh das. Du bist sauer. Ich verstehe, was du sagen willst. Du hast einfach Angst, dass all deine Mühen umsonst umsonst waren – du hast und auch wenn ich jetzt wie ein eindimensionaler DC-Leinwand-Charakter klinge, einfach Angst ohne Spuren zu hinterlassen zu verschwinden und dann war alles umsonst.“, spricht er mir aus der Seele und dreht sich einfach wieder zum Fernseher um.

„Ja, aber …“ „Psst, jetzt wird es spannend!“, unterbricht er mich. „What if you change things and it doesn’t help? We both know you will try again and again. You do it over and over and over until you get it right. You tell yourself one more chance and i can make this, but it wouldn’t work. Look at me! Do you want this?! – It’s the butterfly effect. You can’t anticipate what will change. Everything you do will carry unintentional consequences; everything. If you save someone, you will lose someone. You will open old wounds just when they are healed. You will give people hope just in time to see it snatched away. You start to hate yourself. And even then after all this devastation and all the pain your only reward is more or less the same. Again and again and again! And again and again and again!“ „Alles in Ordnung?“, hört er mich nur noch durch die Klotür übergeben. „Soll ich den Film pausieren?“ „It changes you as a person.“ „Nein, lass ruhig laufen.“, habe ich es gerade so zur Kloschüssel geschafft. „Even if i could be safed, what you would have to go through isn’t worth it. No, there is enough on my conscence without you going mad.“, höre ich die Stimme durch die Tür, höre ich die Stimme, obwohl ich mir die Ohren zuhalte, obwohl ich erst leise summe, dann mehr und lauter, auch auf die Gefahr hin, dass er mich im Wohnzimmer hören könnte.

„Wirklich alles okay da drin?“, klopft er nach ein paar Augenblicken nochmal vorsichtig an die Badezimmertür. „Ja, ich komm gleich wieder raus.“, betätige ich die Spülung, spüle mir den Mund mit kaltem Leitungswasser aus und streiche mir die Haare aus dem Gesicht, lasse kaltes Leitungswasser über meine Hand laufen und lege sie mir dann auf die pochende Stirn, dass einzelne Wassertropfen auf meine Brillengläser tropfen und komme schließlich wieder ins Wohnzimmer, wo mich sein sorgenvoller Blick erwartet – ich atme einmal tief durch, dann fragt Flo auch schon: „Geht es dir wirklich gut? Soll ich vielleicht nach Hause gehen?“ „He was just … what do you mean Who? The guy you were talking about! He was your friend! He founded that lab!“, „Do you talk about me?“, unterhalten sich die Figuren auf dem Bildschirm, sodass mir auf die Stelle keine Antwort auf seine Frage einfällt.

Ich lasse mich einfach aufs Sofa neben ihn fallen, nicke und versuche dem Film weiter zu folgen.

„You know, – mein Vater erzählte mir mal die Geschichte meines Opas.“ „Bist du auch immer erst voll im Englischen gefangen, wenn du Filme auf Englisch guckst?“, lache ich und habe eins dieser gewohnten Déjà-vus – irgendwoher kommt mir diese Szene so bekannt vor. „Ja, krass oder?! Also, mein Opa saß am Sterbebett seiner Mutter und ihre letzten Worte waren: Kannst du mir jemals verzeihen? – stellte sich raus, sie hat sein ganzes Erbe in den Sand gesetzt. Auf jeden Fall ist sie gestorben, in dem Glauben dadurch sein Schicksal besiegelt zu haben, ich habe ihn mal gefragt, als ich noch klein war – du musst wissen, die Familie meiner Mutter war reich und jeder, der in unsere Familie geboren wurde, hatte eigentlich eine großartige Zukunft vor sich; bis eben seine Mutter das Erbe meines Großvaters leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatte – habe ich ihn gefragt, ob er sauer war, wütend vielleicht sogar und …“ „Wie verspielt man denn das Erbe einer ganzen Familie? Ich meine, ich kann verstehen, dass im Krieg bestimmte Dinge den Raubzügen anderer Heere zum Opfer fallen, dass nach einem Krieg keine Nachfahren mehr da sind und das Gut verfällt zum Beispiel, aber wie verspielt man das Erbe?“ „Keine Ahnung – in einem Kartenspiel vielleicht?“, zuckt er nur unwissend die Schultern. „Ich weiß es wirklich nicht. Ist doch auch nicht mehr wichtig, oder? Also, er meinte nur auf jeden Fall, er musste halt von Null wieder anfangen, aber es war – um ihn zu zitieren – one hell of a ride!“

Als der Abspann läuft, fangen wir unweigerlich an über Steingate zu philosophieren: „Weißt du, ich finde es ja furchtbar spannend, die ganze Sache mit dem Für-die-Anderen-sterben-Motiv und dann doch wieder zurück kommen und so; das hat doch was von …“ „Ja – genau! Das hab ich auch gedacht, hat auf jeden Fall was von Jesus.“, muss er seine Ausführungen gar nicht mehr zu Ende bringen; ich weiß eigentlich schon so, wovon er spricht. „Also sind wir uns einig?“, öffnet er sich ein Bier.

„Ich glaube schon.“, öffnet er ein weiteres Bier und reicht es mir, sodass wir anstoßen können. „Weißt du, bei Jesus Geschichte hat mich immer schon gestört, dass sie viel zu wörtlich genommen wird – um mal noch ein Fass aufzumachen; wir reden ja nicht schon über genug Blödsinn heute.“, stoße ich mit ihm ein bisschen zu kräftig an, dass sein Bier anfängt überzuschäumen.

„Nun, einige Sachen sind vielleicht wirklich zur Interpretation offen gelassen – wie dieses Aus-Wasser-Wein-machen oder Übers-Wasser-gehen zum Beispiel. – – Was gibt es da für eine logische Erklärung? Das kann man doch nur wörtlich nehmen, als Superkraft oder so.“ „Hä? Ich glaube, ich kann dir gerade nicht ganz folgen – meinst du jetzt, das soll man wörtlich nehmen oder soll man da was rein interpretieren?“, stehe ich auf und mache A Brief Inquiry Into Online Relationships an. „Das musst du mir wohl nochmal genauer erklären. – – Sorry.“, zucke ich mit den Schultern.

„Also ich würde sagen, Übers-Wasser-gehen war damals schon genauso eine Redewendung wie wenn man heute Dodges Laser Beams sagt. Vielleicht war die historische Figur Jesu einfach verdammt wortgewandt und konnte sich aus jeder Situation rausreden bzw. seine Widersacher gegen die Wand argumentieren.“, versuche ich ihn zu überzeugen, weil nichts mehr von ihm kommt. „Da war nichts wörtlich gemeint, wenn du mich fragst.“, schiebe ich nach und lache. „Wenn das einer deiner legendären Witze sein sollte, dann musst du unbedingt an deinen Witzen arbeiten.“, schüttelt er nur resignierend den Kopf und stößt nochmal mit mir an, genau genommen haut er mit seiner Bierflasche oben auf den Hals meiner Bierflasche, dass das Bier jetzt aber richtig anfängt überzuschäumen und was will man eigentlich mehr, wenn man schon solche Freunde hat, ist das Leben doch eigentlich perfekt.

Kurzgeschichte

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