#dearMoon

„Weißt du, ein japanischer Kunstsammler hat den ersten privaten SpaceX-Mondflug ausverkauft und sucht nun andere Künstler, um diese Reise gemeinsam mit ihm durchzuziehen? – – Was werden sie wohl fühlen? Was sehen sie auf dieser wunderbaren Reise? Was erleben sie? Was davon werden sie später in unvergessliche Kunst verwandeln?“ „Yusaku Maezawa, ich weiß – hab schon von ihm gehört. Er hat sich gefragt, was wohl seine Kunstidole wie Picasso oder Jean-Michel Basquiat von dieser Erfahrung mitgenommen hätten, wenn sie diese Möglichkeit geboten bekommen hätten und will nun Maler, Filmemacher, Musiker, Schriftsteller, alle möglichen Kunstschaffenden einladen, um diese Reise mit ihm zu machen, um ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte zu beginnen und so Menschen auf der ganzen Welt wieder für die Raumfahrt zu begeistern. Er ist der Meinung, Kunst hat die Macht Weltfrieden herbeizuführen – was für ein glorreiches Vorhaben! – – Aber meinst du wirklich, ich wäre der richtige Mann dafür?“, frage ich und bin mir ziemlich unsicher; wenn man schließlich das letzte Jahr Revue passieren lässt, hab ich doch eigentlich nur Unruhe gestiftet, oder? Menschen verletzt, Leute enttäuscht und … ach …

„Hey, da bist du ja! Ich hab dich schon überall gesucht.“, legt sie ihre Jacke auf den Hocker neben sich und begrüßt meinen Gesprächspartner herzlich mit einer Umarmung. „Du bist vielleicht noch nicht so berühmt wie Andy Warhol oder Michael Jackson oder John Lennon, aber du hast auf jeden Fall das Potenzial dazu! – – Und das zählt.“, lässt er sich nicht davon abhalten Lobeshymnen auf mich zu singen und hindert mich so auch noch daran einen dieser erbärmlichen Jahresrückblicke zu starten, in dem ich meine Erfolge und Misserfolge auflisten würde, wie mittlerweile jeder drittklassige Sender mit seinem Jahresrückblick das Programm zu füllen versucht und wenn wir ehrlich sein sollten nur noch von den Leuten geguckt wird, die vor dem Fernseher eingeschlafen sind.

Er steht stattdessen auf und hantiert an der Jukebox rum, sodass nun Take one last look bevor you leave durch den Laden dröhnt. „Er meint zwar, heute gibt es keine Leckerie; aber ich sage, scheiß auf seine Ansage, lass uns ein bisschen amüsieren, oder?“, zwinkert sie mir verspielt zu. „Und, wie war die Anreise?“, werde ich von ihr jetzt direkt gefragt, als er wieder zwischen uns sitzt und stottere erst: „Ähm, ja. Also. Wo fange ich an?“, um mich dann doch wieder zu fangen und kann mir diesen kleinen Seitenstich gegen die anderen Kneipeninsassen nicht verkneifen, fange an zu erzählen: „Tja, ich hab ganz vergessen, wie das ist, wenn ich aus meiner gewohnten Blase rauskomme. Ich mach die Menschen alle nervös, vorhin im Zug hierhin fingen schon wieder Teenager an fast durchzudrehen, die tuschelten die ganze Zeit und rutschten ungeduldig auf ihren Sitzen hin und her, weil natürlich oben in der Anzeige beim Zug immer die Endhaltestelle angezeigt war, sind sie ganz durcheinander gekommen und wollten ein paar Stationen früher aussteigen.  – – Es war ein bisschen niedlich, fast hätte ich sie gefragt, ob sie ein Foto mit mir wollen.“ „Ha! – Das kann ich mir gut vorstellen; weißt du, dass ist …“, lacht sie und das Kneipenpersonal raunt nur ein ‚Tschuldigung, weil sie vorhin unter der Hand meinten, ich solle doch meine Tasche wieder packen und verschwinden, ich würde nur Unruhe verursachen – zu ihrer Verteidigung, ich bin auch wie auf der Flucht in die Kneipe gestürmt, hab mich hier fast panisch umgesehen und mich schließlich einfach irgendwo auf einen Hocker fallen lassen, hatte dadurch natürlich Unruhe in diese gemütliche Feierabendatmosphäre gebracht; aber was soll ich tun? Nur noch zu Hause bleiben und alle Städte meiden, in denen ein bisschen Tourismus ist und die Leute deshalb irgendwann angepisst sein könnten?

Ich kann doch auch nichts dafür, dass sie mir mittlerweile in Bussen hinterherfahren und überall sein wollen, wo ich bin.

Eigentlich, trotz der ganzen Aufmerksamkeit, hätte ich ja mal wieder Bock Liebesgedichte zu schreiben – und weil sie immer noch wie man Fließband redet, schaue ich sie mir jetzt mal genauer an in ihrem Pullover über dem Hemd, ihrer beigen, hautengen Hose und … „Hast du mir etwa gerade auf die Titten geguckt?“, reißt sie mich aus meinen Gedanken. „Was?“, bin ich deshalb verständlicherweise etwas unvorbereitet. „Natürlich! Leugne es nicht, du Ferkel! Du hast meiner Freundin gerade volle Kanne auf die Titten geguckt!“, lacht mein Freund ausgelassen.

„Ach, kommt schon. Im Endeffekt sind Brüste doch auch nur Fettansammlungen. Ob ich mir jetzt männliche Brustwarzen anschaue oder weibliche, es kommt doch immer auf den Kontext an, ob du darauf stehst und sexuelle Vibes ausstrahlst, so wie du da aber gerade sitzt, hat deine Haltung keinerlei sexappeal, du strahlst nichts aus, was mich anmachen könnte. – – Ich entschuldige mich aber hiermit bei dir, das war reines künstlerisches Interesse, wie sich der Stoff deines Pullovers wölbt, wie sich dein BH unter deinem Hemd hervorhebt, sowas muss ich wissen, um irgendwann Kunst zu schaffen – oder klingt das zu abgehoben?“, lache ich fast selber anhand meiner hanebüchenden, spontanen Erklärung – eigentlich habe ich nur in die Leere gestarrt und das weiß sie auch. „So schnell kannst du dich da nicht rausreden!“, ist sie deshalb ein bisschen verspielt empört und hält ihren Arm nur vor ihre Brust, so als hätte ich einen Röntgenblick und der Arm würde alles weitere abhalten.

„Naja, so ganz Unrecht hat er nicht. Die westliche Gesellschaft hat die weibliche Brust hochstilisiert zu einem Sexobjekt, dass man nicht einmal mehr in Ruhe sein Kind stillen kann. – – Ich weiß auch nicht, woher diese Aufruhr kommt, dieser ewige Zensurgedanke, aber es nervt.“, erwidert eine alternde Lady am Tresen und entfacht eine dieser Kneipendiskussionen.

„Stimmt. Mittlerweile soll Tumblr ja auch seine sexuellen Inhalte von der Internetseite löschen, was ich einfach lächerlich finde, wenn du mich fragst – wenn man Pornos finden will, findet man sie auch. Vor allem im Internet.“ „Wenn nicht im Internet, wo denn sonst?“, verbessert ein Typ meinen Freund. „Naja, auf Werbeplakaten, die Schraubenzieher anpreisen, auf Coca-Cola-Werbungen. Überall sieht man nackte Haut, die unnötigerweise Produkte verkaufen soll.“, wirft die Kellnerin in die Unterhaltung ein. „Da braucht man die Kinder nicht versuchen zu schützen. Man müsste sie nur aufklären, dass das, was im Porno passiert meistens wenig mit Sex zwischen echten Menschen zu tun hat.“, meint die alte Lady am Tresen. „Es gibt jetzt übrigens eine App, mit der du diese sexualisierte Werbung melden kannst. Dann machst du vor Ort ein Foto davon, lädst den Inhalt hoch und im Nu ist die Werbung in einer Datenbank und wird …“ „Wird was?“, unterbricht mich die alte Lady, der das ganze wohl nicht schnell genug geht. „Witzig hierbei ist ja, dass sie letztens auch männliche Geschlechtsteile in die Datenbank aufnehmen wollten und dann aber nur diese Kunstperformance, eine Skulptur in Oslo oder so gemeldet wurde und dieser riesige Penis fällt ja eindeutig unter Kunstfreiheit und ups, gab das ein riesen Theater.“, lacht mein Freund immer noch, seine Freundin sucht kopfschüttelnd an der Jukebox nach einem neuen Song.

„Widerspricht das nicht dem ganzen Pornos findet man sowieso überall Ansatz? Wenn man Pornos überall findet, warum unsere Werbung entsexualisieren? Wir sind doch sexuelle Wesen, oder? Wieso sollten wir das unterdrücken?“, setzt sie sich. „Aber denk doch mal einer an die Kinder.“, zitiert mein Freund diese Simpsons-Figur, dass ich es nicht machen muss. You got me and I got you babe, i got you babe … liefert den Hintergrundsound der weiteren Diskussion. „Wie war das denn damals bei euch?“, fragt sie einfach die alte Lady an der Theke.

„Nun, wir mussten einfach vorsichtiger sein damals. Weil wir nicht so viele Möglichkeiten hatten zu verhüten.“, „Verhüten ist ein gutes Thema. Ich meine, …“, „Wusstet ihr, dass immer mehr junge Menschen aufs Verhüten verzichten und sich dadurch wieder Geschlechtskrankheiten verbreiten?“, streiten sich die alten Leute nun und mein Freund schaut mich nur über den Rand seines Biers an und schüttelt den Kopf, als wolle er sagen, was hast du jetzt schon wieder losgetreten. „Wie wohl Sex in der Schwerelosigkeit ist?“, stupse ihn an und hoffe ihn so etwas aufzumuntern – und ja, ein kleines Schmunzeln huscht über seine Lippen, als wolle er sagen: Du spinnst doch, Stefan.

Kurzgeschichte

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