Bauhaus und Amerika

Ich weiß noch, wie ich nach der Arbeit über den Weihnachtsmarkt ging und den Gesprächen der Mitmenschen gelauscht habe und mich fragte, wie man diese Flut von Worten, die auf einen zukommen, am besten beschreiben kann und ich dachte unweigerlich an ein Reh, dass auf der Straße steht und von großen Scheinwerfern geblendet wird, aber verwarf das Sprachbild ziemlich schnell.

„Oh, schau. Da gibt es Himbeer-Glühwein.“, „Er kann auch nicht immer darauf bestehen, dass ich ihn frage, was er will, oder?“, „Ein Glühwein geht auf jeden Fall noch, würde ich sagen.“, „Nein, du hast völlig Recht. Irgendwann musst du auch mal an dich denken und kannst nicht immer nur Rücksicht auf die Anderen nehmen.“, „Und dann hab ich gesagt, dass …“, „Weißt du eigentlich, wie gut du es hast?“, „Gleich muss ich noch eine Maschine Wäsche aufhängen.“, wird dem irgendwie nicht gerecht, dachte ich und wich den meisten Leuten aus, blieb hier mal stehen und da mal stehen, kaufte mir gebratene Mandeln und verlief mich noch ein paar Mal, bis ich am Museum war.

Dabei war ich mittlerweile schon so oft hier – irgendwie sieht die Stadt aber so komplett von oben bis unten in dieser ganz besonderen Weihnachtsmarktstimmung, geschmückte Weihnachtsbäume, dekorierte Schaufenster, große Anti-Terror-LKW-Blockaden mit Werbung drauf, einfach ganz anders aus; so festlich.

Immer wenn ich Gesprächen lausche, kommt es mir so vor, als würde ich anderen Leuten beim Sudoku-Spielen zugucken und mich wundern, warum sie die eventuellen Zahlenkombinationen mit Bleistift an den Rand schreiben; und dann setzen sie da eine Zahl hin oder da und muss mir das Lachen verkneifen, warum sie nicht diese Zahl da hingesetzt haben – aber ich kann mich auch nicht ständig in fremde Gespräche einmischen.

Ich war schon ganz gespannt, was die Ausstellung so bereithält, wer meine Texte auf meinem alten Blog gelesen hat, – den es mittlerweile leider nicht mehr gibt, weil er angeblich gehackt wurde; great, ich meine, sind ja nur fünf bis sieben Jahre Arbeit verschwunden – der weiß, dass ich in einer Kulturausschuss-Sitzung saß und da die Bauhaus-Ausstellung besprochen wurde. Es wurde hinterher auch gelästert, dass Westfalen keine Hochburg des Bauhauses gewesen sei und naja, wenn man das bedenkt, dann hat die Ausstellung trotzdem überzeugt.

Um mal in so einen typischen Pressetextduktus zu verfallen. Die Bauhaus Ausstellung ist Teil der 100. Geburtstagsfeier der Kunstschule und zeigt im Rahmen des Projekts 100 jahre bauhaus im westen in der Ausstellung die wechselseitigen Beziehungen von Bauhaus-Künstlerinnen und Künstlern und amerikanischen Kunstschaffenden auf dem Feld der Licht- und Bewegungsexperimente – für die Ungebildeten unter uns, Bauhaus ist eine Kunstschule, die ab 1919 die Gattungsgrenzen zwischen bildender, darstellender und angewandter Kunst auflösen wollte und demnach Architektur, Malerei, bildende Kunst und angewandte Kunst revolutioniert hat. Es gab verschiedene Ballungszentren in Deutschland und den USA und nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland sind viele Künstler in die USA immigriert und haben da den Kulturaustausch vorangetrieben – grob gesagt.

Ausgehend von der Bauhaus-Bühne als interdisziplinäres Laboratorium sind in der Ausstellung Licht- und kinetische Kunst, experimenteller Film und Fotografie, Op Art sowie Tanz und Performance aus den 1920er Jahren bis heute zu sehen.

Für wen das jetzt zu viel Fachchinesisch war, kurz gesagt: In der Ausstellung gibt es ziemlich coole Darstellungen von Lichtkunst und Tanzperformances – keine Ahnung, warum ich gerade so gegen dieses Fachchinesisch bin, wo ich doch selber im Zusammenhang mit der Ausstellung so Worte benutzt habe wie eine transzendente Erfahrung, wenn man sich auf die Ausstellungsobjekte einlässt; wahrscheinlich weil ich selbst nur jedes dritte Wort verstehe.

Nein, mal im Ernst. Es ist, als hätte man eine Kiste mit Seltsamkeiten geöffnet und auf den Spieleteppich für die inneren Kleinkinder von uns ausgekippt, viele Exponate wirken wie Einrichtungsgegenstände aus Bond-Bösewicht-Verstecken, die im Hintergrund futuristisch aussehen sollten, da wird mit Licht und kinetischer Energie experimentiert, hier filmt sich ein Dude dabei, wie er auf der Stelle tanzt, in einem Rhythmus, der den Zuschauer in Trance versetzen kann, dass ich noch kurz denke: „Eigentlich sollte man sich die Ausstellung high ansehen, um richtig geflashed zu werden.“ – aber da ja Kinder mitlesen, werde ich von dem Witz absehen und ihn zurückziehen.

Wie mein Arbeitskollege noch anmerkt, entfaltet sich diese transzendente Erfahrung am besten, wenn man alleine in der Ausstellung unterwegs ist und seine Ruhe hat, sich auf die Exponate einlassen kann.

Jeder Ausstellungsraum ist mit einem fancy Zitat ausgestattet, vielleicht sogar eingeleitet und dann stehen da zum Beispiel so Sprüche wie: „Ich bin zu modern, um Bilder zu malen. Bühne, Musik, meine Leidenschaft. Hier kann ich neu sein, abstrakt.“, Oskar Schlemmer ganz dick auf den Wänden.

In einem abgedunkelten Raum lief zum Beispiel eine Dauerschleife von menschlichen Statuen, die sich so langsam bewegen, dass man den Eindruck bekommen könnte, es wäre ein Symbolbild meiner Schriftstellerkarriere und ach, eigentlich wollte ich mir diese Witze verkneifen – witzige Anmerkung, mein Schreibprogramm unterkringelt das Wort Schriftstellerkarriere, wenn man sie trennt, werden sie aber nicht als falsch angezeigt, so als ob diese beiden Worte nie zusammen gehören dürften.

In einem anderen Ausstellungsraum stehe ich vor diesem gelb-leuchtenden Bild, wo die Farben wie hypnotisiert auf einen wirken, meine Gedanken schweifen ab. Wieso habe ich eigentlich von Cinderellas böser Zwillingsschwester geträumt? Oder hab ich Cinderella nur dazu gedichtet, als ich aufgewacht bin? Und warum versetzt mich dieses Bild in so einen merkwürdigen Zustand?

Ich lese die Inschrift: „Das Gemälde sollte ein Tempel für seinen ehemaligen Lehrer Albers sein und erhebt ihn damit in den Olymp der Kunst“ und plötzlich steht diese Menschenansammlung in meinem Rücken und diese Wortfetzen schwappen rüber zu mir: „Grafisch war seine Arbeit 1933 als sein Atelier geschlossen wurde und in der USA neu und strahlte ganz stark und warum erwähne ich das jetzt hier gibt es einen Raum eine Konstruktion kein richtiger Körper lässt sich nachmachen, optische Täuschung nicht nur durch Farbe, sondern auch durch Form und natürlich ist das logisch, weil …“ – fuck, ich muss an die frische Luft.

Ich halte an einem der großen Fensterfronten und bewundere die vereinzelten Weihnachtsmarktstände jetzt im Dunkeln leuchten und komme zu dem Schluss, wenn man eh für den Weihnachtsmarkt nach Münster kommt, kann man auch einmal mit Glühwein im Magen durch die Ausstellung schweben – ein krönender Abschluss für einen sonst beschissenen Arbeitstag, denke ich mir und mach mich auf den Weg nach Hause.

Veranstaltung

Stefan Schürrer View All →

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