Tagebucheintrag #332

Oh, verdammt. Du fehlst und wie du mir fehlst. Ich weiß manchmal nicht, wo vorne und wo hinten ist. Seneca hat mal über Freundschaft geschrieben, dass man einer Person vertrauen soll und sie werden Vertraute, also grob gesagt, behandele deine Mitmenschen wie Freunde und sie werden deine Freunde – ich habe es versucht. Ich habe es wirklich versucht, aber wenn ich sie wie meine Freunde behandele, enttäuschen sie mich immer wieder, immer wieder aufs Neue.

Wahrscheinlich hat Seneca, als er diese Abhandlung über Freundschaft geschrieben hat, nicht daran gedacht, dass man in einem Terror-Regime leben kann, wo jedes Wort auf die Goldwaage zu legen ist, ansonsten wird man eines Tages zum Verhör abgeführt und wird nie wieder gesehen.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach so kurzer Zeit wieder von einer inneren Migration reden würde. Selbst diese Zeilen aufzuschreiben bringt mich wahrscheinlich in Gefahr, wenn sie gefunden werden, aber ich muss diese Worte einfach aus meinem Kopf haben, diese Gedanken loswerden und da ich niemandem trauen kann, schreibe ich sie eben auf. Ich muss nur vorsichtig sein, dass keiner diese Zeilen findet. Heutzutage bespitzelt jeder Jeden. Nicht einmal vor der eigenen Mutter ist man sicher, jeder könnte ein V-Mann sein und mit den Behörden zusammen arbeiten. Es ist verhext, erst wird man überwacht, dann bespitzelt und dann bekommt man ein hanebüchenes Veröffentlichungsverbot, dass man keine Auftritte mehr kriegt, dann bekommt man nebenbei mit, dass die Presse per Gesetz daran gehindert wird mit einem zusammenzuarbeiten, dass sie sich strafbar macht, wenn sie über mich berichten würden.

Was kommt als Nächstes? Ich möchte es mir nicht ausmalen. Ich weiß nicht mehr weiter. Sonst wäre ich zu dir gegangen und hätte dir mein Herz ausgeschüttet, dass wir gemeinsam eine Lösung finden würden, doch leider haben sie dich zuerst erwischt, dass ich an deiner statt die Verantwortung für den ganzen Sauhaufen übernehmen musste und guck, was aus mir und den Anderen geworden ist.

Wir haben – nein; ich habe keine Orientierung mehr und klammere mich an jedes bisschen Hoffnung, um durch den Tag zu kommen, aber ohne dich ist es tausendmal schwerer.

Das wollte ich einfach nur mal loswerden.

Ost-Berlin, den 25.September 1985

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