Der Saloon

„Morgen.“ „Mahlzeit.“, antworte ich automatisiert und leicht verwirrt, weil es schließlich irgendwas um die 20:00 Uhr ist und warum sollte man mich da mit Morgen begrüßen?  Das ist schon der vierte oder fünfte Trottel, die mich mit Morgen begrüßt, obwohl es nach dem Mittag ist; aber andererseits, warum guckt die nicht genauso verwirrt, wo ich sie mit Mahlzeit begrüßt habe? Wusste sie, dass sie mich verwirren wird?

„Ich habe nie einen anderen Menschen getroffen, der irgendwo einen Neustart mehr verdient, mehr nötig gehabt hätte, als er.“, höre ich noch vom Kartentisch, dann bemerken sie mich und schweigen verdächtig.

„Worüber redet ihr?“, frage ich in die Runde und ziehe mir einen Stuhl zurecht. „Red Dead Redemption 2 – ein ziemlich geiles Spiel.“, kommt der Erste mit einer Ausrede um die Ecke; ich bekomme es nur am Rande mit, weil ich noch immer der Frau hinterher gucke, die selbst in einem Pullover gut aussieht und gerade den Laden verlässt. „Mh?“, frage ich deshalb. „Red Dead Redemption? Du kennst doch das Cowboy-Spiel, oder?“ „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich finde es immer noch seltsam, dass das Pferd nicht von allein den Bäumen ausweicht, wie oft ich deshalb schon gegen Bäume geknallt bin.“, meint der Andere.

„Warte, meint ihr etwa, ich bin dieser Charakter aus Red Dead Redemption 2? Arthur Morgen? Eines Königs würdigen Namens? Oder vielleicht sogar das Pferd? Hat deshalb die SPD einen Pferdeclub á la Andreas Pony Hof gegründet? Ich dachte, ich bin für bestimmte Menschen ein Truthahn, für einige ein Hund, weil ich auf bestimmte gesellschaftliche Konventionen verzichte und lieber meine Triebe auslebe, als Rücksicht auf irgend wen zu nehmen oder ein Elefant, weil ich nichts vergesse, aber verzeihe; und jetzt soll ich auch noch ein Pferd sein, vielleicht sogar wegen dieser bescheidenen Nietflix-Serie? Oder doch ein Roboter, der ein Notsignal aus einem menschenverachtenden System schickt wie in der Doctor Who-Folge letzte Woche? Ich komme so langsam mit den ganzen Parabeln durcheinander. – – Ok, im Endeffekt bin ich ja froh, wenn Politiker meine Ideen aufgreifen, aber wie sagte Stefan Zweig laut eines Zeit-Online Artikels aus dem Film Von der Morgenröte: „Er sei Schriftsteller, kein Politiker, entgegnet er dem Fragesteller. Er könne Werke von politischer Bedeutung schaffen, sich aber nicht auf das Niveau jener herunterbegeben, die seine Sprache für ihre menschenverachtenden Parolen missbrauchen.“ – das kann man der SPD Gott sei Dank nicht vorwerfen; im Gegensatz zu Horst Seehofer, dem armen, alten Mann, der zu seinem 69ten Geburtstag 69 Abschiebungen vollführt hat oder Dieter fucking Bohnen, der beim vom Schiff springen eines seiner Jünglinge ein Pullover mit der Aufschrift: Sei eines mit der See – getragen hat. Vielleicht hätten sie diese Sachen auch ohne meine vielen Texte gemacht, vielleicht aber auch nicht; trotzdem fühlte ich mich in gewisser Weise verantwortlich.

Kommen wir zurück zur SPD, um diese nicht in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Auch wenn Die Anstalt behauptet, die SPD würde ihre Wahlversprechen nicht einhalten und Leo Fischer letztens einen Tweet abgesetzt hat, dass die SPD wie alle Jahre wieder ihr Versprechen abgibt Hartz IV abschaffen zu wollen, hat sie jetzt doch endlich eine Alternative zu Hartz IV, nämlich das Grundeinkommen. Die Vorteile dafür liegen natürlich auf der Hand und ich könnte jetzt dutzende Studien an den Tag legen, um diese zu erklären, aber ihr seid ja wohl selbst in der Lage zu googeln, oder?

„Ähm, alles okay Stefan? – Du starrst verdammt lange ins Nichts, muss ich mir Sorgen machen?“, fragt der Erste. „Sollen wir erst mal was trinken?“, fragt der Zweite. „Oh, beim Trinken bin ich dabei.“, mache ich eine witzige Bemerkung und komme heute wohl nicht mehr aus meinen Gedanken raus, mich beschäftigt einfach zu viel – sollten Wochenenden nicht eigentlich dazu da sein, um sich zu regenerieren?

„Witzig, dass du vorhin …“, versucht er wohl irgendwas anzusprechen, ich jedoch unterbreche ihn und plappere drauflos: „Hör mal, ich will nicht schon wieder meinen Broterwerbsjob in den Fokus der Aufmerksamkeit stellen, aber letztens hab ich mit einem Kollegen eine Alternative zur Verbesserung eines Programms besprochen und ohne sich mit mir kurz zu schließen, hat er hinter meinem Rücken versucht, diese umzusetzen und natürlich ist nichts daraus geworden, denn wenn du den ursprünglichen Ideengeber aus der Gleichung ausklammerst, wird das ganze Projekt den Bach runter gehen – oder zumindest nicht die gewünschten Ergebnisse liefern; aber was sage ich, wir versuchen hier gerade den Alltag zu vergessen und ich nerve euch mit meinen Arbeitsproblemen.“ „Wenn man sie als Parabel betrachtet, ist es fast spannend.“, meint der Erste und versucht sich an einem Schmunzeln.

„So wie damals in diesem Bob Dylan-Song, wo er seit drei Tagen nichts gegessen hat und in ein Restaurant kommt und meint: Ich sei ein Yelp-Kunde und daraufhin hätte der junge Koch in seiner Nervosität ein Feuer in der Küche verursacht und Bob Dylan sei ohne seinen Hut vor den Flammen geflohen.“, bringt der Zweite wieder sein seltsames Pop-Wissen in der Unterhaltung unter. „Aber Yelp gab es damals doch noch gar nicht, oder?“, korrigiere ich ihn. „Naja; nicht, dass wir davon wüssten.“, kontert der Zweite mystisch und bringt noch ein Zitat unter: „Umberto Eco sagte mal: Wenn man sich in seinem Leben mit Dingen beschäftigt, ändert sich ständig alles. Und wenn sich nichts ändert, bist du ein Idiot.“ „Was willst du mir damit sagen?“, erwidere ich noch mehr verwirrt als vorher.

„Ihr hattet eine neue Runde bestellt? – – Ich hab mir die Freiheit raus genommen für dich auch direkt ein Bier mitzubringen, ist das richtig gewesen, Stefan?“, schaut mich der Kellner vorsichtig an, stellt das Tablett zwischen uns auf den Tisch und verteilt die Getränke.

Kurzgeschichte

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