Tausend Farewells

Ich bin nicht genauso wie du. Ich kam nämlich gerade von einer 48 Stunden Woche, zu Hause gerade noch so ein paar Zeilen geschrieben und sonst jeden Abend vor dem Fernseher eingeschlafen wie so ein altes Sitcom-Klischee von einem schlecht gelaunten Familienvater, der schlafend beim Freitagabendfilm im Fernsehsessel von den Kindern mit Spielzeug dekoriert wird und an seinem Geburtstag nicht mal seine Geschenke auspacken konnte.

Du hingegen surfst wie auf Wellen durch die Lacher des Publikums und es macht Spaß dir dabei zuzusehen. Ich hingegen sitze in Fake-Meetings, gehe zu irgendwelchen unnötigen Terminen, die scheinbar nur dafür angesetzt wurden, um mich zu beschäftigen, sitze vor’m Rechner und muss stumpfsinnig irgendwelche Rechnungen erfassen, dass der Kollege schon so dumme Witze macht à la Das ist ja richtige Werkstattarbeit, mh? dass ich ihm gerne mal erwidern würde, er solle auf seine Wortwahl achten – sowas kann auch verletzen; vor allem, wenn man ständig und überall nur Breitseiten abbekommt.

Aber ich werde mich hüten, sowas anzusprechen. Nachher biete ich nur noch mehr Angriffsfläche, bekomme noch mehr dumme Sprüche reingedrückt – es ist erschreckend, aber woran man sich so alles gewöhnen kann.

Ich erzählte irgendeiner noch stolz von meiner Woche, was ich so im Büro geschafft hatte und irgendwie tut es mir im Nachhinein ja auch leid, aber wem sollte ich es denn sonst erzählen, ich habe ja niemanden, mit dem ich über sowas reden kann, und irgendwie war ich auch ein bisschen stolz darauf, bis sie meinte: „Ich weiß nicht woran das liegt, aber alle meine Freunde haben nur noch so Erwachsenen-Themen.“ – also wechselte ich das Thema und fing davon an, dass ich letztens dieses Meme gesehen hatte, wo ein Hund ins Lagerfeuer starrte und darunter stand: „Ich hab letztens meinen Hund zum Lagerfeuer mitgenommen und als er so gebannt ins Lagerfeuer starrte, wurde mir auf einmal klar, dass mein Hund ja Stöcker liebt und ich bringe ihn zu einem Ort, wo Stöcker verbrannt werden! Ich bin ein Unmensch!“ – und ich meinte noch, dass das doch ziemlich witzig sei, aber sie wollte sich wohl nicht auf meinen Humor einlassen.

„Was machst du denn hier?“, reißt mich mein Kollege während der Mittagspause aus dem Schreiben. „Der Bus kam nicht.“ „Oh, nur für dich nicht? Oder sind die Anderen auch wieder da?“, bleibt seine Frage im Raum stehen, ich schreibe schon wieder weiter:

Wenn mir nicht schon so viele Schicksale auf der Seele liegen würden, die ich mit meinen Texten torpediert habe, würde ich sowas sagen wie: „Ich war menschlich wahnsinnig enttäuscht und ziemlich sauer – auch auf mich selbst, weil ich es nicht vorher erkannt hatte. Anscheinend ging es weniger um die Arbeit, mein Können und Anerkennung der Kompetenzen, als vielmehr um ein plumpes Tauschgeschäft.“, schreibe ich aus einen Zeitungsartikel ab und frage mich, was ich mit den vielen Gedankenfetzen, den vielen Ereignissen des Wochenendes nur anfangen soll – für einen richtigen Text werden sie nicht reichen. Jetzt würde ich gerne so eine Künstlerfreundschaft wie Casper und Materia haben und mich durchs Quatschen mit dem Anderen inspirieren lassen, aber aus dir war ja keine vernünftige Antwort rauszukriegen, du warst so voller Adrenalin, dass ich irgendwann einfach umgedreht und nach Hause bin.

Natürlich musste mir erst ein guter Freund die gröbste Wut nehmen und mir den Kopf zurecht rücken, indem er sowas meinte wie: „Du bist doch genauso, wenn du von der Bühne kommst!“ – dass wir irgendwann wieder rumalbern konnten à la: „Weißt du, als ich gehört hatte, dass Söder jetzt auch ein Raumfahrt-Programm starten will, nach Trump mit seiner Space-Force und den Bemühungen des privaten Sektors, dachte ich mir: Was wissen die, was wir nicht wissen?!“ „Meinst du etwa, eine Alien-Invasion steht bevor?“, legt er unschlüssig seinen Kopf schief und musste sich das Lachen verkneifen. „Hey! – Keine Ahnung! Aber es ist schon merkwürdig, dass musst du zugeben, oder?“, lachten wir und irgendwie hoffe ich, dass ich auch mal so mit dir lachen kann.

Tagebuch

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