Untenrum frei

Ich hoffe, Margarete Stokowski reagiert im ersten Moment nicht genauso widerspenstig auf konstruktive Kritik wie ich; auf langer Sicht bin ich nämlich immer froh um jedes Urteil über meine Kunst, denn nur so kann man wachsen – natürlich bin ich froh, dass man mir sagt, wenn ich auf Twitter zu theatralisch bin und einige Leute damit verstöre; trotzdem könnte die Kritik manchmal netter verpackt sein, sodass ich mich nicht unbedingt direkt daran verschlucken muss.

Aber kommen wir zu dem Buch Untenrum frei von Margarete Stokowski. Es ist eine schöne Lektüre gewesen.

Ich hab mir auch schon mal überlegt so ein Buch wie Untenrum frei zu schreiben, wo ich konstruktivistisch an meine Kindheitserinnerungen rangehe, in der Hoffnung, mir dadurch mein verkorkstes Leben zu erklären; aber 1tens bin ich nicht so verdammt belesen wie Margarete Stokowski und hätte nur meine beschissen freizügige Sprache zu bieten und 2tens tut mir auch so schon die Hand weh vom vielen Schreiben, so viel Schreiben, dass es mir mittlerweile schon schwer fällt nach getaner Arbeit zu masturbieren – wobei man sagen muss, dass Margarete Stokowski schon im Vorwort erklärt, dass es nicht ihre Kindheitserinnerungen sind, die sie da als Ausgangspunkt für das Buch nimmt, sondern die Kindheitserinnerungen einer ganzen Generation von Mädchen; aber das nur vorab.

Also kommen wir zu den zwei großen Problemen von Margarete Stokowski’s Buch.

Vorne drin prangert ein Zeit Online-Zitat, dass mir beim ersten Aufschlagen des Buches direkt ins Auge gefallen ist und seitdem nicht mehr losgelassen hat, sodass ich das Buch fast manisch verschlungen habe.

Da heißt es: „Ein unendlich wichtiges Buch. Bisweilen hat man beim Lesen das Gefühl, es würden sich neue Synapsen im Gehirn ausbilden, die einen veränderten Blick auf die Welt eröffnen.“ – beim Lesen habe ich mich dann aber unweigerlich gefragt, welche LeserInnengruppe sich hier denn gesprochen fühlen soll, denn für die LeserInnen, die Simone de Beauvoir und Susan Sontag schon im Bücherregal haben und mit offenem Blick durch die Welt gehen, hat das Buch nicht viele neue Einsichten zu bieten, nur neue Argumente.

Hier ein Zitat, – ich habe es mir diesmal extra unterstrichen – dass das gesamte Buch meiner Meinung nach, übertrieben ausgedrückt, super zusammenfasst: „Es scheint als würde sich durch den Wechsel von Bravo zu Youtube als Medium lediglich verändern, dass niemand mehr Taschengeld ausgeben muss, um an all die abgefuckten Infos zu kommen, die in der Seele nichts Gutes anrichten.“

Aber ich will dem Buch und der Autorin damit nicht die Daseinsberechtigung absprechen, denn dass die Autorin recherchiert hat, merkt man vor allem an folgenden Alltagsweisheiten: „Frauenkörper zu Dekorationszwecken sind normal. Es ist fast schon ein Running Gag geworden, dass Magazine wie der Stern und der Focus es schaffen, zu jedem beliebigen Thema eine halbnackte Frau abzubilden, egal ob Eifersucht, Esoterik oder Endoskopie.“, die dann in den darauffolgenden drei Absätzen mit wissenschaftlichen Fakten und Studien belegt werden und wo die Autorin sogar mit einem Gesetzesentwurf von Heiko Maas aus dem Frühjahr 2016 profilieren kann.

Das zweite Problem des Buches liegt aber tiefer und sitzt mir schwerer auf der Seele, weil es kein kleiner Kunstfehler ist, der mir aufgefallen ist, sondern ein entscheidendes Merkmal, dass bei Sachbüchern nicht passieren sollte.

Die Autorin bringt in ihren Ausführungen oft erst das Ergebnis und dann irgendein Argument, um ihre These zu stützen – wenn ihr mich fragt, ist das einfach unsauberes Arbeiten.

Ein Beispiel:

Es stimmt aber nicht. Wir sind nicht umgeben von Sex, sondern von einem diffusen Versprechen von Sex – gerade so diffus, dass es sich meist auflösen lässt in einen Zusammenhang von einerseits nackter Haut, vollen Lippen und langen Haaren und andererseits zu kaufenden Produkten oder zu konsumierenden Medien.
Etwas Ähnliches behauptet Laurie Penny in Fleischmarkt. Sie sagt: „Was uns umgibt, ist nicht Sex an sich, sondern die Illusion von Sex, eine Airbrush-Fantasie von Sexualität mit erzwungenem Spaßfaktor, die so steril wie unbarmherzig ist.“ Ich glaube nicht, dass es um eine Illusion von Sex geht, ich glaube, es ist noch weniger. Es ist noch nicht mal eine Illusion – oder höchstens eine Illusion im Sinne eines Versprechens, das im Moment seiner Einlösung unsanft umgelenkt und dann eben keine junge, willige Frau liefert, die mit dir das Bett zerwühlen möchte, sondern einen Mietwagen oder eine Packung industriell gefertigten Kartoffelsalat. Gute Fahrt und guten Appetit, beehren Sie uns bald wieder.

Alles in allem ist das Buch für bestimmte LeserInnengruppen eine Erfahrung wert, wenn auch nur, um all die Autorinnen, die darin genannt werden, mal kennen zu lernen.

Buchkritik

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

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