Hyperrealismus

„Also, hast du noch Hunger? Ich hätte noch Bock.“, geht sie die Straße voraus. „Ja, meinetwegen. – – Was willst du denn? Döner? Burger?“ „Mir egal, entscheide du.“, bleibt sie auf einmal stehen, dreht sich verspielt um zu mir und hebt unschlüssig die Arme, stupst mir noch in den Bauch.

„Ok, dann zum Dönermann; der ist näher. – – Könnte jetzt auch einen leckeren Döner mit fett Tsatsiki und Dönerfleisch vertragen.“, laufe ich jetzt vor und sie trottet hinterher. „Was meintest du vorhin denn mit Hyperrealismus? Ich glaube, ich hab das nicht richtig verstanden.“, holt sie schließlich nach einigen Augenblicken wieder auf. „Oh, ok – es ist eigentlich ganz einfach. Hyperrealismus ist die überspitzte Darstellung von Realität, heutzutage mit dem Internet und den vielen Informationskanälen, Social Media und ähnlichem, da ist jeder Trottel, wenn er nicht aufpasst, in der Lage mit einem Tweet Regierungen zu stürzen oder Fernsehsenderchefs zum Einknicken bei der Programmgestaltung zu bringen. – – Irgendwie so. Aber ich weiß gar nicht, was daran so schlimm sein soll. Ich finde es super, dass sich Menschen mit Twitter und ähnlichem über den ganzen Erdball hinweg verständigen können; sie sollten sich nur nicht von Arschlöchern aufstacheln lassen.“, stolpere ich die dunkel ausgeleuchtete Straße runter.

„Der Hyperrealismus, wie ich ihn verstehe, hat seine Wurzeln auf jeden Fall im Surrealismus, genauso wie in der Malerei, der Fotografie und anderen Kunstrichtungen findest du in der Literatur natürlich die üblichen surrealistischen Elemente, dass sich, wir waren ja gerade noch bei der Serie The Good Place, zum Beispiel eine dumme Bemerkung über den Giraffenhals der Gastgeberin in eine echte Albtraumgiraffe manifestieren kann und die Protagonistin im echten Leben heimsucht; aber im Hyperrealismus …“, hole ich zum finalen Schlag aus. „Ja, und genau da hättest du mich verloren.“, entschuldigt sie sich und winkt ab, so als könnten ihr meine Ausführungen körperliche Schmerzen bereiten und sie müsse die scharfen Wörter von sich fern halten.

„Falls du keinen Döner magst, der hat auch Pizza.“, fällt mir noch ein. „Ja, nein – passt schon. – – Für mich muss eine Story aber Sinn ergeben – deshalb kann ich mich auch so schlecht in diese ganzen Fantasiewelten hineinversetzen. Elfen, Orks, Zauberer, Sternenkriege. Das ist nichts für mich.“ „Und woran liegt das?“, hacke ich noch einmal interessiert nach.

„Ich weiß nicht, für mich muss die Situation nachvollziehbar sein. Also zum Beispiel sollte ich sagen können, dass ich von heute auf morgen in die Situation hineinversetzt werden kann und ich kann mich einfach nicht in irgendwelchen Sternenkriegen sehen und Objekte mit der Macht bewegen.“, versucht sie sich zu erklären. „Ja, aber da kann ein Schriftsteller an sich ja nichts gegen tun, mit dem Problem bist du dann auf dich allein gestellt. Ich hätte jetzt noch verstehen können, wenn du gesagt hättest, du kannst bestimmten Fantasiewelten nicht folgen, die nicht in sich schlüssig sind, weil dann hätte der Schriftsteller von vornherein einfach Mist gebaut; aber wenn du dich da nicht drauf einlassen willst, kann ich da nicht viel für dich tun.“, rede ich sie in meiner gewohnten Art gegen die Wand und bin selbst für meine Verhältnisse in letzter Zeit überraschend gemein; vielleicht empfinde ich mich selbst auch einfach nur so, oder es stimmt, was Philip mir letztens geschickt hatte, dass der zu lange Aufenthalt von Astronauten im Weltall den Aufbau des Gehirns wirklich verändert und vielleicht hat er mir mit diesem Artikel noch etwas anderes sagen wollen.

„Ja, ja – da hast du wohl Recht.“, bleibt sie stehen und putzt sich die Nase. „Es gibt da diese wunderbare Anekdote über Hemingway, dass er mal in einem Pariser Café mit Schriftstellerkollegen so einen Wettbewerb anfing wie: Wer kann die kürzeste Geschichte schreiben? und er schrieb halt nur sechs Wörter auf einen Zettel und gewann damit: Babyschuhe zu verkaufen. Wie neu, unbenutzt – heutzutage würde sowas in einem ebay Kleinanzeigenforum stehen. – – Was ich damit sagen will, unsere Realität wird so dermaßen von allen möglichen digitalen Geräten und anderen Wirklichkeiten beherrscht, dass es als eine Art Hyperrealität angesehen werden kann; so viele Einflüsse und Dinge, die unsere Wahrnehmung aufladen und überreizen, unsere Sinne überlasten. – – Das versuche ich in meinen Geschichten darzustellen; deshalb sage ich immer, ich schreibe meine Texte im Stile des Hyperrealismus, weil ich versuche alles mit aufzunehmen und den vielen Einflüssen gerecht zu werden, denen wir heutzutage ausgesetzt werden. – – Ich hoffe, das war jetzt nicht zu viel auf einmal.“, entschuldige ich mich.

„Kennst du eigentlich die Band The Night Game? Ich hab mir letztens dieses Album von denen angehört und überlege immer noch mir eins davon mit nach Hause zu nehmen.“, fängt sie auf einmal an auf der Stelle zu treten und sieht in diesem Laternenlicht zum Anbeißen aus; oder es könnte auch das ein oder andere Bier zu viel sein, dass da meine Entscheidung beeinflusst. „Kennst du die Band Graveyard?“, plappere ich aber und beende so den Abend hier.

Kurzgeschichte

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