Uns verbrennt die Nacht

„Und das hat sogar der Typ, dem das Nachbargrundstück gehört, versucht mit viel Geld zu verhindern. – – Aber weißt’e, dem gehört das Hotel in der Stadt und der hat halt versucht das Grundstück zu kaufen, aber irgendwelche Investoren aus dem Ausland haben ihn halt überboten – momentan will die SPD an das Problem ran, aber dafür müssten die fast 615 einzelne Grundstückspläne ändern.“, diskutieren wir Lokalpolitik im Lokal und ich denke die ganze Zeit nur, ob er weiß, worauf er sich da eingelassen hat?

Ich war vorhin fast absurderweise früh dran und da ich heute noch nichts gegessen hatte, hab ich gedacht, kann ich ja, solange er noch nicht da ist, mal den Asiaten auf der Ecke ausprobieren und natürlich kam er dann genau in dem Moment an, als ich den ersten Bissen gebratene Nudeln mit Hühnerfleisch nehmen konnte und dann wollte auch noch eine von einem Junggesellinnenabschied, die gerade noch mit den Anderen lautstark Toxic von Britney Spears mitgesungen hatte, was von uns und meinte, die Braut würde sich nicht trauen, worauf ich nur so einen dummen Witz gemacht hatte, dass das kein gutes Zeichen für eine Braut sei, sie müsse sich ja bald trauen, was Gott sei Dank nicht gehört wurde; auf jeden Fall haben wir dann noch ein paar Fotos gemacht und ich habe in Ruhe weiter essen können und fragte ihn, ob es ihn stören würde und er entgegnete etwas entgeistert: „Ähm, nein. Iss ruhig, stört mich kein bisschen. – – Ich hab das zuerst gar nicht verstanden, was die von uns wollten, aber dann hat es Sinn gemacht.“, lächelte er noch genauso verstohlen wie vor zwanzig Jahren; einer meiner ältesten Freunde, fast schon Kindergartenfreunde – seltsam, wie die Zeit vergeht.

„Und dann haben wir halt mal ein Konzept eingereicht und oh shit, ich hab nicht mal mehr daran geglaubt, dass das wirklich noch ein Thema ist. Wir haben für diese Freizeitfläche im Studium halt ein Konzept entworfen, dass einen offenen Sportplatz fördern sollte und die haben unser Konzept einfach in der Luft zerrissen, weil es angeblich für Frauen zu gefährlich sei. Ein freier Sportplatz würde nur Halbstarke und Männer anziehen und Frauen bräuchten einen sicheren Ort, um Sport zu betreiben, eine Sporthalle und so’n Mist. – – So veraltete Geschlechterrollen wurden da noch unterrichtet, völlig absurd.“, erzählte er bei einem weiteren Bier. „Ach, damit musst du mir gar nicht erst kommen, veralterte Geschlechterrollen. – – Ich saß in meiner Verwaltungsausbildung mit diesen Kindern zusammen, und ja, ich sage jetzt absichtlich Kinder, weil sie am Anfang der Ausbildung mit ihren siebzehn oder achtzehn Jahren eben noch Kinder waren und ein paar noch nicht mal angefangen hatten, die Werte ihrer Eltern und Großeltern“ „ihres Elternhauses“, korrigierte er mich. „zu hinterfragen; – danke. – – Was die sogar noch zum Ende ihrer Ausbildung für Sprüche rausgehauen haben à la Ich kann gar nicht abwarten, dass mein Freund mit seinem Malermeister fertig ist, dann mach ich nur noch halbtags und kann mich um die wirklich wichtigen Dinge kümmern. Und wenn ich dann sowas gemeint habe wie: Ich würde auch gerne halbtags arbeiten und mich um den Haushalt kümmern, kam halt nur was zurück wie: Du bist doch einfach nur faul. Und ein paar der Lehrkräfte waren da auch keine großen Leuchttürme der moralischen Erziehung, wenn sie ihre sexistischen Sprüche und Witze aus dem letzten Jahrtausend rausgehauen haben. – – Aber mich hat das alles auch nicht interessiert, ich wusste ja schon damals, dass in der Verwaltung nicht meine Zukunft liegt, es nur ein Sicherheitsnetz ist, damit meine Eltern Ruhe geben und ich endlich eine anständige Ausbildung vorzuweisen habe.“, konnte ich mein vorlautes Mundwerk nicht beherrschen und warte eigentlich immer noch auf den Backlash, dass man mir deshalb wieder irgendein Seminar streicht oder für diesen Spruch einen Sonderurlaub nicht genehmigt.

„Wow – so waren die Lehrkräfte wirklich drauf?“, setzte er sein Bier wieder ab. „Ja, ich verallgemeinere gerade etwas – aber um ganz ehrlich zu sein, mir ist so vieles mittlerweile auch einfach egal. – – Ich weiß halt, dass ich gut schreiben kann, wenn ich mir Mühe gebe und das reicht mir.“, kramte ich meine Zigaretten aus einer meiner Jackentaschen, meinte noch sowas wie: „Stört es dich, wenn ich eben rauchen gehe?“, als ich auch schon vom Tisch aufgestanden bin. „Ähm, nein – kein bisschen. Du rauchst?“, fragte er und stand ebenfalls auf. „Nicht viel und nicht oft, aber wenn ich abends was trinken gehe, tut es ab und an mal gut vom Tisch wegzukommen und seine Gedanken zu sortieren.“, lief er mir jetzt hinterher.

„Und das Bier willst du da stehen lassen? – – Warte, nicht dass wir da gleich zwei weitere Bier stehen haben.“, lachte er, drehte er wieder um und kam mit unseren beiden Bierkrügen nach draußen.

„Also, jetzt sag doch mal. Wie läuft’s denn mit dem Schreiben?“, fragte er jetzt und verneinte mein Angebot auf eine Zigarette, sodass ich mir wie so ein intellektueller Idiot in diesen Film Noir als Einziger genüsslich eine Zigarette ansteckte und den Rauch in den Abendhimmel blies. „Eigentlich wollte ich heute Abend nicht übers Schreiben reden.“, entschuldigte ich mich und wunderte mich selbst, warum ich so abweisend war. Wahrscheinlich war ich einfach nur froh, dass mal wieder jemand Interesse an meinem Schreiben hatte und spielte deshalb etwas auf Unnahbar, in der Hoffnung, noch ein bisschen mehr aus der Situation rauszuschlagen.

„Ok.“, lachte er fast und: „Dann machen wir jetzt einen Deal, wir reden fünf Minuten übers Schreiben und dann frag ich auch nicht mehr weiter.“, hielt er die Hand zum Einschlagen hin, sodass mir keine andere Wahl blieb, als einzuschlagen.

Ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden dann anfing und wie das weitere Gespräch zustande kam, aber er fragte mich, ob ich schon mal darüber nachgedacht hatte nicht in der ersten Person zu schreiben. „Das hat man schon kritisiert, als ich mit achtzehn Jahren in der Künstlerkommune von Floriyan gelesen habe und ganz ehrlich, es ermüdet mich. Zu sagen, dass meine Texte eins zu eins mit meinem echten Leben in Verbindung zu bringen sind, ist eine Diskussion, auf die ich keine Lust mehr habe. Ich habe mich aktiv für die erste Person entschieden, weil ich dadurch eine viel größere Verbindung zwischen dem Thema der Geschichte und dem Leser herstellen kann, so hat die Geschichte doch einen viel größeren Sog. – – Und zu sagen, dass man meinen Roman kenne, weil man meine Kurzgeschichten gelesen hat, ist auch Quatsch. Vor allem bei meinen neuen Projekten.“ „Wieso? Wie meinst du das denn?“, machte er es sich am Stehtisch gemütlicher und legte beide Unterarme auf die Tischplatte. „Könnte man sagen, dass deine Kurzgeschichten alle ein Buch sein könnten?“, legte er nochmal nach.

„Keine Ahnung, ob mir auf die Schnelle ein Beispiel einfällt. – – Also, hier. Du kannst dich ja wahrscheinlich noch an den Autounfall erinnern, den ich in der Oberstufe hatte.“ „Ja?“, wunderte er sich wahrscheinlich, wohin ich damit wollte. „Im echten Leben saß ich alleine in dem Wagen und in einer Kurzgeschichte könnte dabei einer neben mir auf dem Beifahrersitz gesessen haben und wäre dabei gestorben; der Fantasie sind dabei doch keinerlei Grenzen gesetzt. Und ja, für meine alten, selbst verlegten Bücher gilt es vielleicht, dass ein paar Kurzgeschichten in den Romanen zu finden sind, aber eben nicht so, wie man es erwarten würde. Nehmen wir mal dieses Hitchcock-Experiment, dessen Name mir gerade nicht einfällt. Du hast einen alten Mann, der in die Kamera guckt, dahinter packst du eine Einstellung von einer Mutter mit Kind und dann wechselt die Kamera wieder zurück auf den alten Mann, der jetzt lächelt. Wenn du die Mutter mit Kind jetzt mit einer sich in der Sonne badenden, halbnackten Frau ersetzt, dann hast du von dem alten Mann ein ganz anderes Bild – dann ist er kein liebevoller, alter Mann mehr, sondern ein Lüstling.“, drückte ich den Zigarettenstümmel in den Aschenbecher.

„Und im gesamten Komplex der Geschichte meines Romans könnten Elemente einer Kurzgeschichte jetzt die Mutter mit Kind sein oder der alte Mann und und und … – aber mittlerweile bin ich von dem Trichter runter und versuch was neues, was eigenständiges zu entwickeln.“, schnappte ich mir meinen Bierkrug und folgte ihm wieder rein und musste für einen Moment tief durchatmen, so viele Menschen, die laute Musik, der Kickerlärm, die Dartmaschine, das Gelächter, die Gläser, die auf die Tischplatte gehauen wurden und die blinkenden Figürchen der Fußballspieler auf den Flachbildschirmen hauten mich gerade um; zwei Bier und ich fühlte mich schon betrunken, das war damals auch mal anders.

An unserem Tisch angekommen, fing ich wieder an mit: „Ich hab jetzt letztens übrigens den Queen-Film gesehen und muss sagen, der war richtig gut. – – Auch wenn sie damit keine großen Risiken eingegangen sind, im Prinzip hat der The Doors-Film ja damals die Standards gesetzt für alle Bandfilme, wie es scheint.“ „Ich kenn, glaube ich, nur den einen Dokumentar-The Doors-Film.“, entschuldigte er sich und hielt in Richtung Wirt zwei Finger hoch, sodass wir gleich zwei frische Bierkrüge vor uns stehen haben würden.

„Es gibt auch nur zwei entscheidende The Doors-Filme, die man kennen muss. Einmal die Semi-Dokumentation mit Johnny Depp als Erzähler und einmal die Verfilmung mit Val Kilmer – und da haben sich die Macher vom Bohemian Rhapsody ein wunderbares Beispiel dran genommen, eine Szene sogar eins zu eins geklaut. – – Aber was Bohemian Rhapsody auf jeden Fall richtig macht, es ist ein großes Kinoerlebnis, so wunderbar voll mit all den Queens-Songs, dass du fast vergisst, was für ein Arschloch Freddy Mercury sein konnte – und was für talentierte Arschlöcher seine Bandmitglieder waren. – – Wirklich der Wahnsinn – das wird dir dann aber erst hinterher bewusst, wenn du das Kino verlässt; dann denkst du dir: Moment, da stimmt doch was nicht.“

„Naja, ich geh mal eben pissen.“, entschuldigte ich mich und auf dem Weg zum Klo rannte mich fast einer um und meinte noch: „Tschuldigung, ich hab dich nicht gesehen.“ und betonte es so seltsam, dass ich nur: „Und ich weiß nicht mal, wer du bist.“, antworten konnte.

Als ich wieder an unserem Tisch war, fing mein Kindergartenfreund auf einmal an mit: „Alter, ich hätte auch gerne so einen Bart, wie du ihn hast. Ich kann mir aber einfach keinen Bart wachsen lassen – in Meetings heißt es dann immer: Was will der Praktikant denn jetzt schon wieder?“

Weil ich dazu nichts erwiderte, der Kellner auch gerade mit unseren zwei Bierkrügen vorbeikam, meinte er dann nur: „Ich hab letztens A Star is born gesehen; geiler Film. – – Lohnt sich wirklich.“ „Warum ich das mit den The Doors gerade gemeint hatte.“, fiel mir wieder ein und ignorierte seine Filmempfehlung: „Es gibt da ein geiles Buch über die Anfangszeit von Jim Morrsion, Uns verbrennt die Nacht, im Groben und Ganzen geht es da um eine Nacht, die ein Indianer mit Jim Morrsion verbringt, sie nehmen Drogen, crashen Partys und schleppen Frauen ab, all so ein 68iger Mist halt – aber was wirklich interessant ist, ist die Anfangsszene, wo der Indianer noch Roadie einer Band ist und diese Versager beschreibt, haargenau beschreibt, wie sie vor dem Auftritt eigentlich zu nichts in der Lage sind und nur wie so ein Schluck Wasser in der Kurve hängen, aber dann, wenn man ihnen eine Bühne gibt und ein Publikum, dann explodieren sie und Jim fragt halt den Indianer total fasziniert, wie das sein kann und er antwortet nur sowas wie: Tja, die leben halt für die Bühne; nur da können sie sie selbst sein.“

Er erzählte mir dann noch ein bisschen von seiner Freundin, die er in Venedig kennen gelernt hatte und dies und das und ich ließ mir diese Idee für einen neuen Tatort von ihm aus den Rippen saugen und hätte natürlich damit rechnen müssen, dass sich das wieder rumerzählt und alle nur so Andeutungen à la: ich mag die Erzählperspektive während des Sonntags-Tatorts auf Twitter posteten – dabei ging es mir bei der Tatort-Idee gar nicht um die Erzählperspektive, sondern was so ein Dorftratsch mit einem machen kann.

Kurzgeschichte

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