Der Literaturclub – A long way down

„So – welches Buch hast du uns denn heute mitgebracht, Stefan?“ „Ich muss vorweg sagen, ich hab es nicht zu Ende lesen können.“, entgegnet die auf jung getrimmte Alice Schwarzer und lässt mir gar keinen Raum zum Antworten.

„Warum denn nicht? War Ihnen das Buch wieder mal zu düster?“, hackt die energische Besserwisserin nach und scheint in einen alten Konflikt hinzuzutreten, dass das Publikum aufhorcht. „Nun, wenn Sie so fragen. Ich fand es einfach scheußlich, wie in diesem Buch mit dem Glauben umgegangen wird.“ „Ihnen ist die Engel-Szene aufgestoßen?“, hackt die energische Besserwisserin nochmal nach, aber da ich mit dem Zeigefinger wie ein Schüler im Deutschunterricht aufzeige, bekomme ich nun meine gerechtfertigte Sprechzeit.

„Ich würde sagen, wir sollten das Pferd nicht von hinten aufrollen und so zu viel von der Story des Buches preisgeben. Die Engel-Szene ist ja auch nur eine kleine Sequenz einer sonst guten Story und würde ein falsches Licht auf das Buch werfen. – – Also, ich habe das Buch mitgebracht, weil“ „Stimmt, stimmt; du hast vollkommen Recht, Stefan. – – Aber wie fandest du denn das Buch? Du bist so still.“, holt die energische Besserwisserin ihren alternden Sitznachbarn aus den Gedanken.

„Mir hat gefallen, dass die Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Für alle, die dieses Buch noch nicht kennen, es kam schließlich schon 2005 heraus und wurde 2014 prominent mit Pierce Brosnan verfilmt, da kann man trotzdem mal eine Geschichte nicht auf dem Schirm haben; deshalb Danke für diese Buchempfehlung, Stefan. – – Es geht um vier sehr unterschiedliche Menschen, die am Silvesterabend auf ein Hochhaus klettern, um sich davon herunterzustürzen. Dieses Event, sich vom Hochhaus zu springen, wird eben aus diesen vier verschiedenen Perspektiven erzählt, vier so unterschiedliche Persönlichkeiten; fast so, wie wir hier sitzen.“, fängt er an zu schwadronieren und macht eine ausholende Handbewegung.

„Na, aber Sie wollen doch jetzt nicht behaupten, dass wir alle selbstmordgefährdet sind!“, empört sich die auf jung getrimmte Alice Schwarzer. „Aber natürlich! Das Wunderbare an diesem Buch ist doch gerade – all seine Fehler beiseite geschoben – wenn sich die Vier auf andere Menschen einlassen und merken, dass sie eben nicht alleine sind mit ihren scheiß Leben und das jeder irgendwie nur am seidenen Faden hängt.“ „Also ich bin glücklich mit meinem Leben.“, hört man die auf jung getrimmte Alice Schwarzer nur noch für sich festhalten. „Würden Sie denn sagen, dass das Buch für jeden etwas zu bieten hat, sogar etwas für diejenigen, die glücklich sind mit ihrem Leben?“, versucht die energische Besserwisserin das Literaturquartett wieder zu vereinen.

„Warum ich es mitgebracht habe, vor allem wegen solcher Sätze, ich kann es nicht wortwörtlich wiedergeben – ich müsste wirklich anfangen mir Sätze in Büchern zu unterstreichen, vor allem für solche Augenblicke – warte, hier hab ich ja die Stelle: When you’re unhappy, I guess everything in the world – reading, eating, sleeping – has something buried somewhere inside it that just makes you unhappier.“, werfe ich in die wilde Runde.

„Also, ich muss der auf jung getrimmten Alice Schwarzer trotz unserer sonst so lächerlichen Streitigkeiten diesmal einfach mal Recht geben, zum Ende wurde das Buch wirklich etwas hanebüchend – es ist eine interessante Idee gewesen, die Nick Hornby da hatte, aber zum Ende ist er von der Spur abgekommen. Ich weiß aber auch nicht, wie man so ein Szenario zu Ende bringen hätte sollen.“, gesteht die jugendliche Gastgeberin und klingt gar nicht mehr so besserwisserisch, wenn sie meinen dummen Kommentar einfach ignoriert: „Kommen wir doch einfach zum nächsten Buch des heutigen Abends.“

Hommage

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