I’m bad – i’m nationwide

„So wie die sich verhalten, mit ihren ach so witzigen Sprüchen hinter meinem Rücken und die dämlichen, heimlichen Fotoaufnahmen – ich sag mal so, wenn die sich nicht benehmen können, dann bleiben wir halt im Auto sitzen.“, und weil ich seinen fragenden Blick spüre, erkläre ich: „Es gibt doch diese Talkshow Comedians in Cars getting Coffee und ich weiß nicht, ob Seinfeld das damit Aussagen wollte, aber das ist halt das beste Beispiel, dass mir gerade einfällt ohne die FSK-Richtlinien zu sprengen.“, scherze ich.

„Kenne ich gar nicht.“ „Ach, da lädt Seinfeld andere Comedians oder irgendwelche Größen aus dem Showbusiness ein zum Kaffee trinken und sie fahren da zusammen mit Auto hin und reden die ganze Zeit über Gott und die Welt. – – Dabei sieht man halt wie die restliche Bevölkerung auf die Comedians reagiert und wenn sie die Comedians wie normale Leute behandeln, sind sie auch gerne an einem Austausch interessiert – aber ich sag mal so, wenn sie halt ausflippen, bleiben wir halt im Auto sitzen.“ „Und dann müssen die halt 10 Euro bezahlen, um das Programm zu sehen.“ „Genau!“, endlich hat es mal jemand verstanden, denke ich erleichtert.

„Aber hast du nicht letztens noch gesagt, dass dich Geld nicht interessiert. Irgendwie widersprichst du dich, mein Freundchen.“ „Seit wann benutzt du denn so Wörter wie Mein Freundchen?“ „Seitdem du Gottverdammich nochmal benutzt.“ „Sehr witzig.“ „Ja, eben nicht – also willst du jetzt dein Stück vom Kuchen haben oder nicht?“, hackt er nochmal nach. „Von eurem Stück Kuchen möchte ich eigentlich gar nichts abhaben, da vergifte ich mich nur dran; ich würde wirklich viel lieber einfach meine Texte schreiben, dafür irgendwo umsonst leben; aber ihr seid ja so versessen darauf Profit zu machen; das ist einfach widerlich. In The Gambler gibt es eine coole Szene, wo John Goodman zu Mark Wahlberg meint, alles was du brauchst, ist so viel Geld, dass du jederzeit sagen kannst: Fuck it, ich mach da nicht mehr mit. Einen Fuck it, ich mach da nicht mehr mit Stapel an Geld; den bräuchte ich wahrscheinlich, wenn es nach einigen Leuten ginge – oder wie Dave Chappelle in einem seiner Specials mal gesagt hatte, wir müssten Jesus heutzutage einfach mit Geld überschütten, damit er nicht ans Kreuz genagelt werden kann. – – Aber hast du mal darüber nachgedacht, dass wir Jesus gar nicht ans Kreuz nageln hätten brauchen, wenn wir ihn nicht vorher auf dieses Podest gestellt hätten, ihn auf diesem Berg angehimmelt hätten?“, rede ich mich mal wieder in Rage.

„Ganz ehrlich. Ich hab nichts gegen den Austausch – was spricht denn dagegen, wenn einer in Indien eine Lösung für ein Problem hat, wo in Europa die ganze Zeit jemand wie blind davor stand und nicht weiterkam? Das ist doch super, ganz ehrlich. Aber dann gebt den Leuten halt auch Credit dafür, verdammt nochmal. – – Ach, keine Ahnung, Mann. Wir stehen heutzutage vor der glorreichen Zukunft, ob wir eine bessere Welt haben wollen oder ob wir wieder auf der Stelle treten wie so verdammte Idioten, dass wir anfangen Roboterarbeit zu versteuern, statt mit der Möglichkeit von Roboterarbeit einfach auf Geld verzichten. Es gibt ja immer diese Witze über Japans Kultur, dass man nie ein Land zweimal Nuken soll und fun fact: Tiziano Terzani war lange Zeit Japan-Korrespondent für große Zeitungen und er hat mal gesagt, dass das die Auswirkungen vom Turbo-Kapitalismus waren.“ „Soll ich mal neuen Tee aufsetzen?“, fragt er vorsichtig und geht in die Küche; für mich ein klares Zeichen dafür, dass er erst mal verarbeiten muss, was ich da wieder vom Band gelassen habe.

„Hast du dir eigentlich die zwei Songs reingezogen, die ich dir für die Zugfahrt zugeschickt hatte?“, fragt er, als er mit einer neuen Kanne warmen Tee wieder ins Zimmer kommt. „Panic at the disco mit high hopes ist mittlerweile doch schon ziemlich ausgenudelt, oder? Hörst du mittlerweile überall im Radio, aber bei ZZ Top bin ich immer wieder überrascht, was die so alles an Songs geschrieben habe.“, lache ich. „Ich hab auch überlegt, ob ich dir einen Warte-Song zuschicke, aber hab’s dann gelassen, weil – zu faul. Lag halt den ganzen Morgen im Bett und hatte keine Lust auf irgendwas, bis ich zum Zug hetzen musste.“, lacht er jetzt auch und zuckt die Schultern, als ob er sagen wolle, passt schon. „Kenn ich nur zu gut.“, erwidert er jetzt.

„Es gab da diese eine Szene auf dem Visionärs-Festival in Berlin, die mich nicht losgelassen hat, weil ich bis vor ein paar Tagen nicht wusste, was sie bedeutet. Ich stand halt mit ein paar Leuten zusammen und eine fing halt an, dass sie an ihrer Uni Informatik-Studenten hatte, die halt nur Informatik-Fächer belegen und Informatik-Professoren haben und nur auf Informatik Partys gehen und nur Informatik-Freunde haben und sich nur in diesen Informatik-Kreisen bewegen und deshalb meinen, die Welt nur durch Informatik erklären zu können und keine andere Wissenschaft mehr zu brauchen und ich hab halt nachgefragt, wie sie das Problem lösen will und das ich halt eine andere Erfahrung gemacht habe, nämlich, dass man doch auch selber dafür verantwortlich ist, ob man den Professoren blind hinterher läuft oder sich eben seine eine eigene Meinung bildet und jedes Mal, wenn sie wieder anfing, dass sie sowas eben nicht unterrichtet bekommen, dass das System sowas nicht fördere, habe ich immer wieder dagegen gehalten, dass ich halt eine andere Erfahrung gemacht habe und … naja, ein paar Stunden später kam halt eine zu mir an und meinte halt irgendwas von wegen Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr und ich wollte sie eigentlich auf der Stelle abknutschen und meinte nur: Genau! – – Es gibt doch auch diesen Comic im Internet, wo zwei Mütter an der Bushaltestelle sitzen mit ihren Kindern und die eine meinte halt ganz stumpf: Tschuldigung, aber wie haben Sie es denn geschafft, dass Ihr Sohn ein Buch in die Hand nimmt – und du siehst halt, dass die eine Mutter mit dem Buch in der Hand da sitzt und sie meint nur: Indem ich es ihm vorgemacht habe.“ „Genau, den Comic kenn ich sogar. Der Sohn sitzt mit Handy auf der Bank neben seiner Mutter, die eben auch ein Handy in der Hand hält und die andere Mutter liest eben und ihr Sohn liest auch.“ „Solche Momente gibt es bei mir in letzter Zeit immer wieder. – – Gerade heute noch im Zug, da saß einer mit einem Handy gegenüber von mir und hat es halt ständig so in meine Richtung damit gehalten und ich hatte irgendwann so die Schnauze voll, dass ich mein Handy auch rausgeholt habe und es ihm sozusagen direkt ins Gesicht gehalten hab, bis er es endlich gelassen hat und wenig später hab ich halt mein Handy wieder rausgeholt und so aufs Handy geguckt wie normale Leute das tun und danach hat er es genauso gemacht. – – Gott, ich hab so die Schnauze voll.“

„Mann, ja. Das kann ich gut verstehen.“, erwidert er nur und schenkt mir Tee nach mit dem Kommentar, jetzt hat der lange genug gezogen. „Ich war ja letztens da und da und hab mir das Teil gekauft und das Gute daran war bla bla, ich hab noch mitgekriegt, dass es reduziert war und bla bla bla und ich weiß, die Leute sagen immer, wenn du etwas reduziertes kaufst, sparst du nicht, sondern gibst Geld aus, aber ich konnte trotzdem nicht widerstehen und bla.“, fängt er wieder an, dass ich nur trocken: „Ist doch eh‘ nur bedrucktes Papier.“, entgegnen konnte.

„Weißt du, in Amsterdam war ich in einem Madame Tussauds.“ „Ja, hast du vorhin schon beim Einkaufen gemeint.“, unterbricht er mich. „Genau.“, und da hast du sowas gesagt wie, es hören hier zu viele Leute zu, deshalb hab ich dann noch meine Schnauze gehalten: „und erst einmal war es eine dumme Idee, alleine durch Madame Tussauds zu gehen, weil du so ja keine guten Fotos machen konntest, aber das nur am Rande; was ich wirklich krass fand, war die Tatsache, dass du ja im Prinzip nur Geld dafür bezahlst, diese Abziehbilder von berühmten Menschen zu sehen, sozusagen Momentaufnahmen ihres Lebens – natürlich konntest du im Royal Bereich kurz mal auf dem Thron Platz nehmen und ein Foto davon machen, konntest in der Club-Area hinter dem DJ Pult stehen und neben David Guetta auflegen und davon ein Foto mit nach Hause nehmen oder in der Künstlerecke bei Van Gogh mit Spraydosen an die Wand malen und das als Erinnerung mit nach Hause nehmen, aber ich kam irgendwie nicht auf den Gedanken klar, dass irgendwer freiwillig dafür seine Lebenszeit hergibt, nur um ein paar Fotos davon zu machen, wie man neben Hulk oder Ed Sheeran steht.“ „Vor allem neben einer Wachs-Ed Sheeran-Figur.“, wirft er in den Raum. „Genau, ich würde viel lieber mal ein Bierchen mit dem trinken gehen, statt irgendein beschissenes Foto mit dem schießen zu können, dass sich in fünfzig Jahren sowieso niemand mehr anguckt.“

„Mann, du meinst es mit deiner Kapitalismus-Kritik ja richtig ernst.“, geht er sich schließlich nachdenklich durch den Bart und lässt sich ins Sofa sinken. „Demnächst bezahle ich in Läden einfach mit Monopoly Geld oder schmiere eine Zahl aufs Papier und halt den Leuten das als Bezahlung hin; als live-Kunst-Performance, damit niemand sagen: Der ist doch verrückt! Sperrt ihn ein!“ 

 

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: