King Cake

„Ich glaube, du erwartest zu viel.“ „Ich erwarte zu viel? – Pff, die Simpsons müssten jetzt nur noch einen Couch-Gag über mich machen und ich hätte die Krone des amerikanischen Unterhaltungsfernsehens – wenn sie es nicht schon längst in einer ihrer neuen Folgen angedeutet haben, hatte noch keine Zeit die neue Staffel zu gucken.“, lehne ich mich ins Polster zurück.

„Ja, dass ist wirklich krass, wie viel geiler Shit heutzutage rausgehauen wird. Da weiß man nie, was man zuerst gucken soll.“, will er eine neue CD auflegen.

„Ich finde nicht, dass ich zu viel verlange; ich habe jetzt auch endlich ein Stück vom Kuchen verdient.“ „Ach, komm – was willst du denn noch? Das kann doch nicht dein Ernst sein, dass du meinst das zu verdienen. – – Ich glaube, du verstehst das Wort verdienen nicht. – – Hier, du meinst bestimmt dieses Stück Kuchen.“, blättert er stattdessen in Adulthood is a myth nach dem entsprechenden Comic und hält ihn mir schließlich unter die Nase, aber nicht, bevor ich: „Du kommst jetzt aber nicht mit diesem Portal – The cake is a lie Ding an, oder?“, raushauen kann und denke mir nur: Fick dich, das ist nicht mehr witzig; mir wurden zehn Jahre Arbeit geklaut.

„Was soll ich denn deiner Meinung nach machen, hä? Um Fuß zu fassen in der Industrie? Vor einem halben Jahr hab ich mich bei einer großen Zeitung als Praktikant beworben, bereit alles hinzuschmeißen, nur um gesagt zu bekommen, dass ich schon zu gut für den Posten wäre … hocharbeiten fällt damit also wohl weg.“ „Würdest dich wahrscheinlich eh nur langweilen und wir wissen alle, was passiert, wenn du dich langweilst.“, stichelt er, ich ignoriere ihn aber: „Ne eigene Literatursendung auf der Mattscheibe werden sie mir auch nicht einfach so geben und ich kann nicht noch mal zwei bis drei Jahre meines Lebens verschwenden, bis mein Manuskript endlich bei irgendeinen Verlag durch den Verkaufsapparat durchgewunken wurde – die Konkurrenz schläft schließlich auch nicht! Also, was soll ich machen, hä? Sag’s mir! Weiterhin Däumchen drehen, darauf warten, dass ein Verlag oder irgendein Medienmensch endlich Headhunter auf mich ansetzen?“

„Headhunter? Jagen die dann deinen Kopf, so richtig mit Spürhunden und Spezialeinheiten?“, versucht er es ins Lächerliche zu ziehen und mich so auf andere Gedanken zu bringen. „Mehr so wie: Was ist der Unterschied zwischen einer Ente?“ „Den versteh‘ ich nicht, was hat denn jetzt Postel mit der Sache zu tun?“, entgegnet er kopfschüttelnd und pfeift Do it Again mit, als er sich wieder in die Sofalandschaft wirft.

„Ach, ist auch egal.“, winke ich nur ab. „Nein, ich möchte wissen, wann du endlich mal wieder deinen Verstand richtig benutzen wirst und diese Laune ablegst, die dich von dem entfernt hat, was du wirklich bist.“ „Oh, zitieren wir jetzt schon King Lear, um die intellektuelle Seite von mir zu beeindrucken? – – Kennt mich hier jemand? Wer hier vermag es zu sagen, wer ich bin?“, springe ich theatralisch auf, so sarkastisch wie möglich, dass er nur wieder den Kopf schüttelt.

„Ach, komm. Vielleicht kann man wirklich alles darauf herunter brechen, dass man zwar jederzeit vorne aus dem Bus aussteigen, aber niemals hinten einsteigen kann.“, lasse ich mich wieder in den Sessel fallen, greife über den Tisch und gönne mir einen tiefen Schluck aus meinem Glas.

„Ich will gar nicht mehr fragen, aber wie meinst du das denn jetzt schon wieder?“, schüttet er mir dann nach. „Ach, ich bin letztens bei mir in der Heimat hinten in den Bus eingestiegen und der Busfahrer kam auf mich zu und wollte mir wohl ruhig und sachlich erklären, dass das nicht in Ordnung sei, weil man vorne ja bezahlen müsse und ich hab ihn einfach angekackt, dass ich jeden gottverdammten Tag Bus fahre und er mich kennen sollte und sowieso ein scheiß Jahresticket habe und er fauchte nur zurück: Ja, aber was ist mit den Anderen; sonst kriegen wir hier doch nie Ordnung rein – und ich hab mich dabei erwischt, wie ich für einen kurzen Moment dachte: Scheiß auf die Anderen! – – Die haben schließlich auch keinen Deut darauf geachtet, was sie mir angetan haben, als sie wiederholt, immer wieder und wieder in meine Privatsphäre eingedrungen sind und – es ist keine Frage, ob heutzutage jeder Pornos guckt, sondern dass es nicht mehr meine Entscheidung war, ob ich dieses Wissen mit allen teile, weil es eben schon alle wussten, gottverdammich nochmal.“

„Gottverdammich?“, i still recall the way he led the charge and saved the day. We seen the last of Good King Richard. „Ach, lass mich – ich hab gerade die Schnauze voll von Menschen. – – Sind das eigentlich Steely Dan?“, versuche ich den Abend noch zu retten. „Jo, hast ein ziemlich gutes Gehör.“, lächelt er fast zuversichtlich.

„Es gibt da ein cooles Video von Nerdwriter über Steely Dan und wie sie Songs geschrieben haben und …“ „Ja? – – Warte, ich mach’s eben an.“, springt er auf, froh um den Themenwechsel. „Weißt du, ich hasse sie immer noch dafür, dass ich diesen Kreuzzug über Urheberrecht, Besitztum und finanzielle Ansprüche machen musste; sie hätten mir wenigstens Anerkennung dafür schenken können, meinen Namen erwähnen, mich vielleicht sogar vorher fragen, mich auf ihre Partys einladen … – aber ich lass Nerdwriter mal ausreden, bin ein großer Fan von seinen Videos.“

„Wow, the future is now; i guess.“, kratzt er sich nachdenklich am Kinn, als er die Anlage wieder aufdreht und den PC wieder in den Ruhemodus versetzt. „Aber wie stellst du dir das vor? Ich meine, vorhin haben wir ja noch über den Dieselgate geredet und da meinst du selber, wir fahren doch nur die Autos.“, greift er ein älteres Thema des Abends auf. „Mh, ich glaube, du hast mich da nicht richtig verstanden. Nur weil wir die Autos fahren, haben wir uns ja nichts vorzuwerfen? – – Sollen die Eierköpfe doch was erfinden, dass die Umwelt rettet. – – Keine Ahnung, Mann.“ „Ja, dass hattest du vorhin schon gemeint.“ „Ich würde sagen, eines, was die Menschen heutzutage noch den Maschinen voraus haben, ist Moral. Viele unserer Probleme in der Gesellschaft lassen sich auf eine abwesende Moral runterbrechen – und ich sage jetzt nicht, unsere Gesellschaft würde verrohren oder irgendwas, die Moral ist da. Wir entscheiden uns nur immer öfter unmoralische Dinge zu tun, weil wir die Schäden unserer Handlung nicht sehen können. Ein amerikanischer Comedian meinte mal zum Thema Mobbing, als Beispiel: Kinder müssen erst lernen, was schlimme Wörter bei deinem Gegenüber auslösen. Wenn sich zwei Kinder im Kindergarten begegnen und das eine Kind dem Anderen etwas böses antut, sieht es, dass das Kind leidet und fühlt sich selber schlecht, hat vielleicht ein komisches Gefühl in der Magengegend und wird sich beim nächsten Mal überlegen, ob es nochmal so handelt. Aber wenn wir heute ein Kind haben, dass einfach vor dem Rechner sitzt und gemeine Wörter raushaut ohne die Schmerzen des Anderen sehen zu können, dann wird das Kind auch nie daraus lernen, sich vielleicht sogar freuen über diesen kleinen Spaß und beim nächsten Mal vielleicht sogar noch einen draufsetzen. – – Was ich damit sagen will: Wir müssen uns heutzutage immer wieder fragen, ob wir Dieselfahrzeuge und andere Technologien auch wirklich benutzen wollen oder ob wir der Umwelt lieber was gutes tun – das sind moralische Entscheidungen, die man tagtäglich treffen muss. Nur weil wir Technologie haben, die X und Y kann, heißt das noch lange nicht, dass wir auch Z tun sollten.“

Kurzgeschichte

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