Welcome to my life

„Wieso soll ich daran Schuld sein? Was kann ich denn dafür, wenn sie mit ihrem Leben unzufrieden ist? Muss sie mich deshalb so schief von der Seite ankacken?“ „Ja, in solchen Situationen musst du einfach schlagfertiger sein, sowas erwidern wie: Ich schreibe einfach noch einen Text darüber – und aufstehen und gehen.“

„Ach, da bist du schon der Zweite, der mir das rät und ganz ehrlich, ich kann doch nicht die ganze Zeit rumlaufen und allen möglichen Menschen vor den Kopf stoßen, nur weil sie mir dumm gekommen sind. – – Weißt du, wie oft ich dann schlagfertig sein müsste, soviel Energie hab ich gar nicht mehr übrig, das ist es mir auch gar nicht wert mich dafür aufzubrauchen.“

„Es gibt da diese coole Geschichte über Jürgen von der Lippe, wo er mit seinem Manager und seinem Assistenten in einem Fahrstuhl fährt und ein kleines Mädchen kommt dazu und fragt ihn halt, ob das seine Bodyguards sind und er so: Ja, aber die können nichts, die kriegen immer auf die Fresse – und das kleine Mädchen war übelst glücklich und hat gelacht, nur sein Manager und sein Assistent fanden das gar nicht witzig – aber er ist halt immer so schlagfertig.“ „Ja, ach. Ich sehe da halt keinen Mehrwert drin, ich sehe da einfach keinen Grund mehr zu. Irgendwelche Idioten, die meinen Namen falsch aussprechen. Irgendwelche Idioten, die hinter meinem Rücken Witze reißen und sich über irgendwas kaputt lachen, sollen sie doch. Interessiert mich nicht mehr.

Das beste Beispiel war auf der Frankfurter Buchmesse. Da stand ich während der Fachbesuchertage bei so einem Stand, wo sie für geladene Gäste eine kleine Party veranstaltet haben mit Sekt und Käse am Spieß und so’n Mist und beim ersten Stand hab ich noch wie zufällig daneben gestanden und hab mir Käse am Spieß stibitzt und beim zweiten Stand wollte ich mich unters Volk mischen und Sekt klauen und eine dreht sich um und fragte ein paar Mädchen neben mir, ob sie eingeladen wären und ich erwiderte einfach stumpfsinnig: Ist das deine einzige Aufgabe? – worauf sie nur meinte, jetzt hätte sie Feierabend und dann meinte ich nur: Dann will ich dich mal nicht weiter stören und sie entschuldigte sich noch und meinte, sie könne leider nicht jeden einfach so mittrinken lassen und …“ „Dann hättest du einfach erwidern sollen: Dann hättet ihr halt mehr einkaufen sollen – oder so.“ „Ehrlich gesagt war ich schon von mir selbst beeindruckt, dass ich dieses Ist das deine einzige Aufgabe raushauen konnte.“, lache ich verlegen.

„Richtig geil war, dass war beim Duden-Stand und ich bin dann weiter zum Langenscheidt-Stand und fragte nur, als sich endlich die erste Person zu mir umgedreht hatte, ob sie hier auch alle Sprachen hätten und sie nur eingeschnappt: Natürlich! – Alle, die es gibt. Und eigentlich wollte ich noch sowas sagen wie: Wisst ihr, dass es beim Duden-Stand Sekt gibt und hier habt ihr nicht mal Käsecracker, bin dann aber einfach weiter getrottet.“

„Ich glaube, die meisten verstehen nicht, was ich mit meinen Texten ausdrücken will. – – Irgendwer meinte mal, dass ich, wenn ich berühmt sein werde, auch missverstanden werde; ich weiß nur nicht mehr, wer mir das mal gesagt hat.“, drehe ich den Eiswürfel in meinem Whisky-Glas mit dem Zeigefinger gegen den Uhrzeiger-Sinn und er lässt mich überlegen, sagt kein Wort.

„Ist auch egal – wahrscheinlich meine Schuld, weil ich bei jedem Text immer etwas ausspare, nicht die ganze Wahrheit sage, eben weil ich noch ein neues Manuskript hinter eurem Rücken schreiben muss, damit ich endlich aus diesem Drecksloch komme. – – Ich hab keine Ahnung, ob das Bild passt, aber ich stelle mir in letzter Zeit immer eine Konversation zwischen der Hauptfigur meiner Romanwelten und Philip vor, dass die Hauptfigur meint: Ich behalte halt immer ein Ass im Ärmel – und Philip würde dann sowas erwidern wie: Du hast kein Ass im Ärmel, du hast drei Karten aufgegessen.“ „Ich glaube, sowas würde Jan vielleicht sagen … Philip würde sowas erwidern wie: Du hast kein Ass im Ärmel, du bist nackt; wo sollst du denn ein Ass versteckt haben, im Arsch vielleicht?„, lacht er und steht auf, um die CD zu wechseln.

„Ja, das ist passender. Da hast du Recht.“, kratze ich mich aber nur nachdenklich am Hinterkopf, dass er, als er sich wieder ins Sofa lümmelt, mich schließlich fragt, ob alles in Ordnung sei und kurz denke ich daran, was er vorhin im Auto meinte, dass wir noch einkaufen müssten und tanken fahren und dass hätte er zwar vorher machen können, aber jetzt wäre ja auch in Ordnung; erst hab ich mir nichts dabei gedacht, aber jetzt …

„Gestern war ich ja noch auf ein Bier mit den Jungs unterwegs und einer fragte mich halt, wo denn mein ganzes Geld hin sei, weil ich schon nach einer Runde wieder gefahren bin und dann machten sie ihre Witze, dass Nutten verdammt teuer seien und so’n Mist und ich hab mir da erst nichts bei gedacht, nur flapsig geantwortet, dass ich nicht mal ’ne Quittung bekommen habe, um es von der Steuer abzusetzen, aber es gibt so viele Anmerkungen, die auf einmal Sinn ergeben. – – Ich hab mich auch schon gewundert, warum die Bardame in Frankfurt mich so viele persönliche Dinge gefragt hat, ob die irgendeinen Auftrag hatte. Ich fand das alles ziemlich zwielichtig, sie hat mich halt abgefüllt und noch ein Drink und dann noch ein Drink und dann so fragen wie: Wie schreibst du? Schreibst du auch betrunken? Welche Pornos guckst du denn? Was ist das Versauteste, dass du jemals getan hast? Was ist deine Lieblingsfarbe? – irgendwann bin ich dann da raus und auf die Straße gestolpert und direkt hat mich die Nächste auch schon wieder angequatscht und meinte: Kann ich dich auf einen Drink einladen? Ich meinte halt nur, ich hab aber kein Geld mehr, ich hab in dem anderen Laden schon mein ganzes Geld gelassen und sie nur, ich gebe dir einen aus und als ich da rein bin, sah das halt wieder fast genauso aus wie in dem ersten Laden“ „Vielleicht war das ja derselbe Laden, und du hast das einfach nicht mehr gecheckt.“, lacht er. „und ich dachte mir nur, scheiße! Das kann ich nicht noch mal machen, ich hab gerade schon zu viel Blödsinn gelabert, ich muss hier wieder raus und auf der Straße hab ich einmal tief durchgeatmet und bin dann – ja, dann hab ich meinen erste Filmriss des Abends gehabt.“

„Alter.“ „Ja, und gestern Abend haben sie halt ständig diese Anspielungen gemacht, so als hätten sie bei dem Gespräch mit der Bardame mitgelauscht – also hat sich der Mist auch schon wieder rumgesprochen und verbreitet.“ „Mann, du hast auch keine Ruhe, oder?“, steht er wieder auf und wechselt noch einmal die CD. „Das ist dann jetzt wieder diese Stelle, wo Seasick Steve nur labert. – Na, CD war sowieso fast alle.“ „Wie hieß das Stück von gerade?“, wirft er mir einfach die CD-Hülle zu, als er seine CD’s durchguckt, um was frisches zu finden, was wir noch nicht gehört haben.

„Irgendwas bestimmtes?“ „Hattest du nicht was von Alice Cooper gesagt?“, schaue ich mir das Albumcover von I started out with nothin‘ and i still got most of it left genauer an. „Wie war eigentlich deine Zugfahrt?“, versucht er mich abzulenken, als die ersten Riffs von Welcome to my nightmare das Album einleiten.

„Das war eigentlich voll süß, ich hab im Zug hierhin noch ein bisschen geschrieben und meine Notizbücher ausgebreitet gehabt und im Vierer neben mir saßen halt eine Oma mit ihren zwei Enkelinnen, die eine vielleicht sieben und die andere vielleicht elf oder so und die Ältere fragt halt nur vorsichtig: Die hast du alle schon vollgeschrieben? Natürlich hab ich ihr nicht gesagt, dass die drei Notizbücher nur die Spitze des Eisberges sind, die ich in den letzten Monaten vollgeschrieben habe, hab nur versucht nett zu lächeln und ansonsten weiterzuschreiben.“ „Hättest sowas erwidern können wie: Ja, und ich muss aufpassen, dass ich nicht die 1 Million Wörter voll mache, sonst kann ich keine Geschichten mehr schreiben. – – Weil jeder eben nur 1 Million Wörter in seinem Leben schreiben darf, und dann ist Schluss.“

„Ach, ich war noch ganz und gar damit beschäftigt, die Ereignisse von davor zu begreifen, ich hatte gar keine Energie schlagfertig zu sein.“ „Warum?“ „Na, weil die Ältere ihre Oma fragte, wofür diese Notbremse sei und was passiert, wenn man sie ziehen würde und sie erklärte halt, dass man die Notbremse nur im Notfall ziehen dürfe, weil man sonst eine Strafe zahlen müsse, weil sie eben nur für Notfälle geeignet sei und dann fragte die Ältere, weil ein junges Mädchen in Honig im Kopf wohl ihren Opa am Bahnhof vergessen hatte, schließlich die Notbremse gezogen hatte und ob das ein Notfall wäre und die Oma erwiderte halt, dass das leider nicht als Notfall gelten würde, da könne man dann die Gegensprechanlage im Zug für benutzen und den Lokführer informieren. Auch, wenn ihr Opa Honig im Kopf hat und verloren gegangen wäre, fragte die Ältere nochmal, worauf die Oma nochmal erklärte, dass man da nicht die Notbremse ziehen sollte. Aber die Figur in Honig im Kopf hat doch die Notbremse gezogen und die Kleine erwiderte auch noch: Ich würde die Notbremse ziehen, wenn ich Mama und Papa verloren hätte.“

„Auf jeden Fall bin ich vorher ja an dem Bahnhof umgestiegen und weil ich etwas Zeit hatte, bin ich halt noch was Essen holen gegangen und auf Toilette, weil ich ordentlich kacken musste, in dieser Reihenfolge und hab auf’m Klo mein Handy ausgemacht, sagen wir einfach um Akku zu sparen, – ich wollte einfach endlich meine Ruhe haben und nicht mehr erreichbar sein – hab SIM-Karte rausgenommen und Akku entfernt und fünf Minuten später betätigt halt irgendwer den Notausgang und löst einen Alarm aus.“ „STEVEN! STEVEN! I hear my name! STEVEN! Is someone calling me? I hear my name! STEVEN!“, höre ich den Chor im Hintergrund rufen. „Ich höre noch ein paar Idioten auf dem Flur miteinander reden, dass es jetzt wohl allerhöchste Zeit wird und so’n Mist und als ich dann wieder hoch zum Gleis laufe, spüre ich die vielen Blicke auf mir und als der nächste Zug einfährt, setzt sich halt die Oma mit ihren Enkelinnen neben mich in den Vierer und … du kannst mir jetzt nicht sagen, dass die sich nicht über die Idioten in der Toilette unterhalten haben, die den Notausgang benutzt haben, weil ich wohl ihrer Meinung nach irgendeinen Zug verpasst hätte und ach, … ich hasse es …“, macht er sich eine neue Mischung fertig, kippt mir ebenfalls Whisky und Cola nach und hält sein Glas zum Anstoßen hin, sodass ich in meinem Redefluss unterbrochen werde.

„Weißt du, dass erinnert mich an diese Geschichte mit meinem Onkel, der halt seinen Sohn zum Bahnhof gebracht hat und feststellte, dass dieser seine Uhr im Auto gelassen hatte und deshalb an die Gleise gegangen war mit einer Taschenlampe und so rumgewedelt hat“, macht er im Uhrzeigersinn eine Kreisbewegung: „und eine Armbanduhr simuliert hat und der Lokführer dachte halt, dass da ein Hindernis auf der Strecke sei und ist voll in die Eisen gegangen und da hat mein Onkel natürlich Fersengeld gegeben. Die ganze Sache war vollkommen lächerlich, weil mein Cousin die Uhr absichtlich im Auto gelassen hatte, um sie nicht zu verkratzen auf der Party, aber das wusste mein Onkel natürlich nicht. – – Sprich die Leute demnächst doch einfach an, wenn du wieder merkst, dass …“

„Ich sollte so viel, wozu mir einfach die Energie fehlt. – – Ganz ehrlich, könnt ihr mich nicht alle einfach in Ruhe schreiben lassen? Am besten kreiert ihr für mich ein Schreib-Stipendium für sechs Monate in Amsterdam, wo ich ein Zimmer gestellt bekomme, Geld zum Leben zur Verfügung gestellt bekomme und dann endlich Zeit habe meine zwei Romane in Ruhe zu schreiben. – – Ich kann diesen Mist nämlich nicht mehr umsonst ertragen.“

i’m crying in my beer.

Escape.

Just get me out of here.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

5 Comments Hinterlasse einen Kommentar

    • Ja, aber in diesem Zusammenhang noch nicht. Was meinen Sie in Bezug auf diesen Text mit Achtsamkeit? Erklären Sie sich doch bitte mal eben. Ich versteh gerade nicht, was Sie damit sagen wollen.

      Meinen Sie, nur weil jemand, wie die Hauptfigur dieses Textes, in der Öffentlichkeit steht, darf diese Person kein Spaß mehr haben und müsste so leben wie eine Nonne? Das ist doch absurd, vor allem im Jahr 2018 – oder habe ich Sie falsch verstanden?

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      • Ich wills versuchen: Achtsamkeit ist in allen Lebensbereichen angebracht. Auch in Texten wie diesen. Ich bin der festen Überzeugung, dass man auch in dem was man schreibt seine Haltung zum Leben im umfassenden Sinn ausdrückt und etwas damit bewirkt. Ihr Text vermittelte mir das Gefühl von Grobheit und Egoismus. So ist die Welt kann man sagen, doch weiß ich, dass Gleiches Gleiches anzieht. Also Zynismus- Zyn…. Was das mit Spass haben und nicht leben wie eine Nonne zu tun hat? Wissen wir wie eine Nonne empfindet? Ob sie Spass hat? Nun ich glaube wirklich Freude enpfinden wir, wenn wir mit anderen Freude empfinden und das wieder hat viel mit Achtsamkeit zu tun. Alles Gute und ich hoffe mich verständlich gemacht zu haben. Sonst antworte ich gern nochmal. Ich weiß, die Gefahr von Missverstännissen ist bei dieser Kommunikation groß.

        Gefällt 1 Person

      • Dem schließe ich mich gerne an. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass das alles nicht mit Schlagfertigkeit zu begründen sei, sondern einfach purer Egoismus und Grobheit ist. Jemandem zu sagen „Ist das deine einzige Aufgabe hier?“ finde ich einfach nur unhöflich und herablassend.

        Gefällt 2 Personen

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