Die letzte Nacht der Frankfurter Buchmesse

So seltsam, wenn es sonst immer so ist, dass der Kopf so voll ist, dass man sich gar nicht auf alltägliche Dinge konzentrieren kann und jetzt ist da nichts. Ich kann endlich durchatmen. Wann habe ich das letzte Mal einfach so im Bett liegen können, an die Decke starren können und nichts denken müssen – es ist schon wieder viel zu lange her. Und trotzdem kann ich an nichts anderes denken als zu schreiben. Und jetzt fällt mir nichts ein. Das ist doch absurd.

Die Buchmesse ist vorbei und damit all meine Chancen Türklingen zu putzen, mich von meiner besten Seite zu zeigen und neue Kontakte zu knüpfen oder die losen Kontakte, die ich über das letzte Jahr geknüpft habe, seit ich mir hiermit Mühe gebe, zu vertiefen und vielleicht hatte die Freundin der Bardame ja Recht, vielleicht liegt es wirklich an mir, vielleicht hätte ich in den entscheidenden Momenten aggressiver auftreten müssen, öfter die Initiative ergreifen müssen, aber wie ich schon in meinem ersten Blogbeitrag dazu geschrieben habe, diese Grüppchen von gut angezogenen, scheinheilig lachenden und sich oberflächlich unterhaltenden Literaturleuten machen einem Angst – aber es ist nicht nur das; aggressiv auftreten ist einfach nicht meine Art.

Am ersten Abend war ich auf einer dieser Literaturpartys, bin an dem Haus extra vorbeigelaufen, habe noch gedacht, bitte lass es nicht dieses Haus sein, hab im nächsten Lokal nachgefragt, ob hier die Straße soundso ist, wo Hausnummer soundso sei und die nette Bedienung verwies mich auf eben dieses Haus, an dem ich vorher so zuversichtlich vorbei gelaufen bin – lange Rede kurzer Sinn: „Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich wollte nicht wahrhaben, dass so Literaturpartys aussahen.“

Ich bin in den Laden rein, habe natürlich niemanden erkannt, bin aufs Klo, hab so getan, als müsse ich mir erst mal die Hände waschen, und meine Güte, ich kann mich doch nicht einfach irgendwo dazustellen, das kommt ja wohl vollkommen verrückt rüber – ich kam mir zum ersten Mal in Frankfurt vor wie ein Geburtstagskind auf seiner eigenen Geburtstagsparty, mit dem aber niemand reden oder spielen will.

Ich stellte mich draußen irgendwo hin, wo ich nicht auffallen, aber doch gesehen werde – denn, wenn ich anderen Literaturblogs vertrauen darf, geht es bei der ganzen Chose doch im Endeffekt nur darum, sehen und gesehen werden – was schon eine Kunst für sich ist, schließlich kommt die Kellnerin, ich bestelle das Amsterdamer-Feeling, Leute unterhalten sich und laufen an den Tischen vorbei, eine Unterhaltung fällt mir davon erst recht auf: „Mal wieder eine Glanzleistung von ihm.“ „Ach, komm. Er hat nichts absurdes gemacht, nur sein übliches Ding durchgezogen. Rein, niemanden erkannt und raus.“

Die Kellnerin kommt, erzählt noch, dass sie keine Strohhalme mehr verkaufen, ich denke mir nur, und was ist mit körperlich beeinträchtigen Menschen, die einen scheiß Strohhalm brauchen? Schön, dass ihr auf einmal die Umwelt verändern wollt, aber das ist ein Problem, dass nicht aus der Welt verschwindet.

Vielleicht braucht man wirklich einen Türöffner bei solchen Veranstaltungen, jemanden, der dich einführen kann in den illustren Kreis, dich vorstellt, das Gespräch eröffnet à la Kennen Sie Ted? – vielleicht bin ich auch einfach nicht so der Messemensch.

Nach dieser Erkenntnis und dass man vielleicht ja auch Strohhalme benutzen kann, die man waschen kann, vielleicht welche, die nicht aus Plastik sind, bin ich zum legendären Römer und habe mir ein nahegelegenes Restaurant gesucht, irgendwas zu essen bestellt, weil die Kellnerin und ich der gleichen Meinung waren, so viel Alkohol auf leeren Magen war nicht gut. Aber was? Sie würde mir Geflügel empfehlen. Ich nahm also was mit Geflügel. Dann kam sie wieder raus und meinte nur entschuldigend, wie eine, die noch einen zweiten Plan ausführt: „Es tut mir furchtbar leid. Wir haben gerade Probleme in der Küche, kann ich dir was anderes anbieten?“

Ich hatte mir nicht nur daraufhin fleißig Notizen gemacht, die ich unmöglich mit der Weltöffentlichkeit teilen könnte, wenn ich noch einmal in dieser Branche Arbeit finden wollte – Philip und Thomas hätten sich aber köstlich amüsiert, dass weiß ich jetzt schon.

Ach, Jan. Philip, Thomas, Sarah, Daniels Löwenmähne, Michael, Arne und all die anderen Pappnasen, ich hätte mir jetzt jeden von ihnen an meiner Seite gewünscht, wir hätten über die bevorstehende Bayernwahl geredet und uns irgendwann gefragt, ob Wale auch wahlberechtigt sind oder ob sie dafür erst bayrischer Staatsbürger werden müssen – bis irgendeinem auffallen würde, dass es keinen bayrischen Staat gibt und ach – halt nur so einen Scheiß eben.

Ich habe sie schon in Amsterdam vermisst, nun vermisste ich sie nur noch mehr – dann wollte ich wenigstens das Beste draus machen und mich alleine amüsieren. Und hab in einer Nacht mein ganzes Konto überzogen. Heldenhafte Leistung, Stefan.

Naja, im letzten Urlaub des Jahres darf man sich das auch mal gönnen, würde ich sagen. Deshalb sitze ich jetzt aber am letzten Abend meines Frankfurt Aufenthalts auf der Fensterbank meines Hotelzimmers und rauche, beobachte Leute vor dem äthiopischen Restaurant die letzten warmen Sommerabende im Herbst genießen, die Straße runter rattert eine Straßenbahn ihrer Wege und drei Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn mischen sich mit den restlichen Großstadtgeräuschen zu einem immerwährenden Hintergrundrauschen, dass No, you can’t call a dog home if you don’t know it’s name nur noch verzerrt aus den Boxen meines kleinen Laptops zu mir durchdringt.

Statt mich noch einmal ins Großstadtgetümmel zu stürzen – vielleicht ist es auch besser so; wer weiß, was für Dummheiten ich wieder angestellt hätte, wen ich in Schwierigkeiten gebracht hätte und – nein, ich rede jetzt nicht davon, dass ich Schwierigkeiten provoziere, wenn ich Feierabend habe, sondern, dass ich das Talent habe die Orte, also überall da wo ich war, zu verfluchen und Schwierigkeiten zurück zu lassen, habe ich so langsam das Gefühl. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich hinterher immer mit Wehmut über die Ereignisse schreibe oder ob ich wirklich verflucht bin, aber … ich drücke die aufgerauchte Zigarette in den überquellenden Aschenbecher und ändere die Playlist von Angus and Julia Stone auf Chet Baker und lasse mich ins Sofa fallen.

Als er Almost doing things we used to do singt, stehe ich schließlich wieder auf und mache mir einen Kamilletee, der soll ja gut für den Magen sein, ob er auch bei Weltschmerz hilft?

Gott, es ist so seltsam, wenn es sonst immer so hektisch ist, dass der Kopf so voll ist, dass man sich gar nicht auf die Dinge konzentrieren kann, die die Gesellschaft für wichtig hält und jetzt ist da einfach nichts.

Ich kann endlich durchatmen. Wann habe ich einfach so auf dem Sofa liegen können und an die Decke starren und nichts denken können – es ist schon viel zu lange her. Und trotzdem kann ich an nichts anderes denken als zu schreiben. Und jetzt fällt mir nichts ein; das ist doch absurd.

Auf der Buchmesse ist mir dieses Zitat in der Guest of Honor Halle aufgefallen: if you laugh at these charakters, you laugh at yourself. If you cry, it’s a – shit, ich hatte es ja nicht weiter abgeschrieben, weil sich diese Frau mit ihrem Handy neben mich stellte und ein Foto davon machte, um mir wohl zu zeigen, wie normale Menschen das heutzutage machen. „Schön für dich, Susan. Schön, dass du einen Körper hast, der dich in Ruhe ein unverwackeltes Bild machen lässt, Susan.“ – ich nenne die Dame jetzt einfach Susan, weil ich mir so nervige Kunden in amerikanischen Supermärkten vorstelle, die unbedingt den Manager sprechen wollen, weil sie nicht ihren Willen kriegen.

„Aber nicht alle haben dieses Glück, Susan! Oder mit anderen Worten: Fick dich, Susan.“ – und ich finde dieses Zitat Is man human aus dem Georgischen übersetzt, hat viel zu wenig Beachtung gefunden. Ich hätte es twittern sollen, an Häuserwände schreiben, Leuten per Postkarte nach Hause schicken können und es wäre nicht genug gewesen – ich trage es ab jetzt einfach als innere Tätowierung mit mir herum.

Wenig später begann in der Guest of Honor Halle ein Konzert und erst, als ich die vielen Kellner mit vollen Tabletts an mir vorbei gehen, von der Küche ins Publikum und mit leeren Tabletts zurück laufen sah, fiel mir auf, ich hatte mich unbewusst genau richtig platziert, um mich zu betrinken – aber was hätte das für einen Eindruck gemacht, wenn ich mich einfach alleine betrunken hätte.

Der Safety Inspector erzählte auf dem iESC diese lustige Anekdote, dass er mit seinen Kumpels beim Empfang bei der australischen Solar-Car-Challenge den unerfahrenen Teams immer die vollen Tabletts aus der Küche wegschnappte, alle seien schick hergerichtet und die Officials in Anzug und Krawatte, Abendkleid im klimatisierten Raum und alle warteten dann nur noch aufs Essen und dann würden sich die zwei Küchentüren öffnen und die Kellner kommen herausgestürmt und brachten erst kleine Häppchen und dann den Alkohol und die Alteingesessenen griffen sich die Dinge von den Tabletten und – ach, man hätte dabei sein müssen.

Er konnte es besser erzählen; sowieso vermisse ich die verrückten Schrauber und Bastler, rückblickend haben die mich wenigstens in ihre Reihen aufgenommen, auf meine Art und Weise und waren nicht so verdammt eingebildet – ja, eingebildet.

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Teil der Story veröffentliche oder ob ich es verschweigen soll, aber mir ist es einfach aufgestoßen, deshalb muss ich es jetzt einfach mal anreißen, auch auf die Gefahr, dass ihr mich nicht mehr mitspielen lasst: ihr wart alle so verdammt eingebildet – seid ihr das immer?

Ihr seid so versessen darauf gewesen auf irgendeiner Bühne zu stehen, dass ihr euch nicht mal eine Minute gefragt habt, ob ihr überhaupt was neues zu sagen habt – das war manchmal schon fast pervers, wie viel Einheitsbrei ich neu aufgewärmt auf den Bühnen diskutiert sah; in einer Art ist das auch Umweltverschmutzung, wisst ihr?!

Aber vielleicht ist das auch meine Schuld, ich bewege mich schon zu lange in den gleichen Filterblasen ohne voranzukommen und lebe deshalb in einer Art von Limbus und muss meine lächerlichen Fehltritte immer wieder und wieder bereuen, muss mir deshalb eure Vorträge und Ideen immer wieder und wieder anhören.

Ansonsten gab es die üblichen Festivalmöglichkeiten, um neue Erinnerungen mit geliebten Menschen zu schmieden, sei es mit dem Bundesregierungsroboter zu spielen, sei es Jutebeutel mit Motiven zu bedrucken oder Lesezeichen oder Postkarten zu bedrucken oder mal draußen in der Sonne das Maskottchen des ARD und ZDF’s zu treffen oder mit den Kindern zu einem Vortrag über Geld als Anlagemethode zu gehen und – Alter, ab diesem Moment konnte ich euch einfach nicht mehr ernst nehmen; was für eine Indoktrination, früh übt sich oder was soll ich daraus schließen?

Morgen geht der Zug nach Hause. Mal schauen, was der normale Alltag so für mich bereit hält, mache ich das Fenster zu und lege mich zu den Trompetenklängen von Alone Together aufs Bett.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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