Zum Tag der deutschen Einheit

Jetzt würde ich gerne in eine Radioshow oder Talkshow eingeladen werden und das Konzept besprechen, dass ich in meinem letzten Text angerissen habe, denn ich hatte nicht mit so einer Reaktion der Ladenbesitzer gerechnet – ich bin überrascht, fühlte mich aber ehrlich gesagt auch etwas überrumpelt; im positiven Sinn.

Das fing morgens beim Bäcker an, als die Bäckereifachverkäuferin mein Kramen im Geldbeutel mit einem kecken „Kein Geld dabei?“ kommentierte, ging bis zu einem Manager einer Fast Food-Kette, der ganz offensichtlich am Telefon über mich und die direkte Umsetzung meines Konzepts mit irgendwem gesprochen hatte und endete in einer Kneipe, wo ich zum Abend hin ein paar Seiten Hannah ArendtThinking without a banister gelesen habe und die Kellnerinnen laut diskutierten und schließlich ebenfalls den Besitzer des Ladens anriefen.

Ich hab aber erst einmal bezahlt, weil … ja warum eigentlich? Denken wir doch mal dieses Konzept bis zum Ende durch und denken wir vor allem mal an diese große Möglichkeit für die gesamte Menschheit, die ich da ausgeschlagen habe und warum ich sie ausgeschlagen habe – denn, wenn einer diesen Sonderstatus erhält, dauert es meistens nicht lange, bis andere diesen Sonderstatus ebenfalls erhalten und warum sollten sie es auch nicht, ich bin schließlich nichts besonderes.

Aber nehmen wir mal an, ich hätte bei der Bäckerei nicht bezahlen müssen, hätte bei der Fast Food-Kette nicht bezahlen müssen, hätte in der Kneipe einfach so gehen können ohne zu bezahlen; kann ich dann schon meinen 9 to 5 Job hinschmeißen? Kann ich dann in jeder Bäckerei einkaufen, in jede Fast Food-Kette reinspazieren und brauche nicht zu zahlen? Was, wenn ich mit Freunden in der Kneipe bin und eine Runde ausgeben will? Mehrere Runden? Alle Runden? Was, wenn ich in eine andere Gegend komme? Wie komme ich da hin? Auch gratis? Was, wenn ich mal einen Text schreibe, der den Menschen nicht passt, werde ich dann aus dem Hotel geschmissen?

Eigentlich wollte ich der Bäckereifachverkäuferin sowas entgegnen wie: „Ja, weil Sie nicht zu meiner Lesung erschienen sind.“, habe aber keinen Sinn darin gesehen – irgendwie hat sie es ja auch nur gut gemeint.

Eine andere Sache, mit der ich fast nicht mehr gerechnet hatte, waren die Leute, die auf mich zugekommen sind und mit mir reden wollten, mir ihren Unmut kundgetan haben in der Hoffnung, ich würde es hier mal in die Öffentlichkeit tragen, damit ihre Stimme endlich mal eine Stimme ist und sie so eine Stimme haben und es stimmt, ich spiele gerade ein bisschen mit dem Wahlversprechen der AfD: „Dem kleinen Mann eine Stimme geben.“

„Auf der emotionalen Seite erleben die Menschen nahezu täglich Verletzungen. Sie müssen sich immer rechtfertigen. Sie arbeiten länger, verdienen weniger und hören sich dann an, sie seien undankbar. Es geht nicht um Dankbarkeit, sondern um Respekt.“, reiße ich mal auch dieses Zitat von Bodo Ramelow von Der Linken aus dem Zusammenhang, denn eigentlich geht es den Menschen doch genau darum.

Wenn sie sich einen Neuwagen kaufen, sollte er vom Autohändler vollgetankt sein; das ist doch das Mindeste. Wenn sie bei einer großen Firma ein Problem ansprechen, sollten sie sich wahrgenommen fühlen. Wenn sie – ach, ich könnte noch unendlich viele Beispiele nennen, aber ich will auch mal die andere Seite beleuchten, denn wir vergessen manchmal in unserer Wut, dass auf der anderen Seite des Schreibtisches oft eben auch nur Menschen sitzen und arbeiten, die genauso wenig Bock haben auf den Papierkram, zu Hause das Baby zahnt und deshalb keine Nacht durchgeschlafen hat, sich der Freund von einem getrennt hat und oben drauf nun auch noch die Waschmaschine kaputt gegangen ist und man sich nun auch noch mit dem Kundenservice der Waschmaschinenfirma auseinandersetzen muss – und dann kommt morgens ein Kunde in deine Firma und ist schon auf hundert achtzig, weil er zwei Stunden Anfahrtsweg hatte und seit Monaten versucht seinen Vertrag zu kündigen und dabei gegen eine Wand läuft.

So bleibt der Respekt eben auf der Strecke – was ich damit sagen will, wir sitzen alle in dieser schlecht konstruierten Maschine und ich frage mich ernsthaft, ob ich es damit besser mache, wenn ich euch verdeutliche, dass sich eure Computersysteme auf der Arbeit immer mehr zu Computerspielen entwickeln, um euch bei Laune zu halten.

Wie heißt es auf Bob Dylans Album Another Side of Bob Dylan, ich habe Millionen Freunde, aber eben nicht für alle auf einmal Zeit. Ist es da nicht ein Anfang, dass sich Politiker auf Social Media-Plattformen die Zeit nehmen wollen und mit dem Bürger in Kontakt treten – bestes Beispiel unser Heimatminister mit seinem Twitteraccount?! Sollten wir diese Chance nicht nutzen und vernünftig mit ihm reden, ihm unsere Probleme mitteilen, statt sich darüber lustig zu machen, dass ein alter Mann mit der Art des Mediums etwas überfordert ist und deshalb Videobotschaften veröffentlicht? – – Oder ist dieses sich darüber lustig machen eine Art konstruktive Kritik anzubringen? Ich weiß es wirklich nicht, vor allem  auch weil ich denke, so miteinander zu reden ist halt auch nicht hilfreich. Das ist vielleicht ein Umgangston, der für Late Night Shows witzig ist, aber im alltäglichen Leben hat er nichts verloren.

Naja, die Kontaktaufnahme wird auf jeden Fall auch nicht dadurch besser, wenn der eine Teil sich ständig Sorgen machen muss, irgendwo bezahlbaren Wohnraum zu finden, um eine Familie zu gründen oder Angst haben muss übermorgen keinen Job mehr zu haben, nicht weiß, wie er oder sie für die Klassenfahrt der Kinder aufkommen kann und so weiter und sofort; es gibt so viel wichtigere Baustellen in der Republik als den Abgasskandal und viele dieser Baustellen würden, wenn die Politik sie offen und ehrlich angeht, die sogenannte Zerrissenheit der Bundesrepublik eindämmen.

Aber das, was ich euch hier erzähle, ist nichts neues; nur meine Art und Weise, wie ich es euch erzähle, hat sich geändert und wenn ihr damit nicht zufrieden seid und lieber wieder Kurzgeschichten lesen wollt – ihr wisst, wie ihr mich erreichen könnt.

Ich lebe nicht auf dem Mars wie Matt Damon in Der Marsianer, noch ist Elon Musk’s Raumfahrtprogramm nicht so weit, dass er mich auf den Mars schießen kann – redet einfach mit mir, schreibt mir Briefe, schreibt mir Emails, twittert mich an, ich würde euch auch gerne besuchen, wenn ich nicht den 9 to 5 Job hätte; zusammen können wir es schaffen, wir sind doch nicht so verschieden.

Tagebuch

Stefan Schürrer View All →

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